Autor : Rolf Strasser © 2000
Den Zürcher Täufern ging die Reformation unter Zwingli zu langsam und zu wenig konsequent voran. Auf die Reformation haben viele lange gewartet. Und im 16. Jahrhundert, wo sie rechtlich vollzogen war, wollte man schnell und radikal die Kirche nach urchristlichem Urbild neu ordnen. Doch Zwingli zögerte. Die Reformation kam durch Ratsbeschluss zustande. Zwingli konnte also nicht einfach ohne irgend jemanden zu fragen, die Messe und die ganze römische Religion einfach wegwerfen.
Es musste seine Zeit haben und reifen, auch wenn es noch einige Jahre dauern sollte bis zum Abschluss der Reformation. Zudem waren in Zürich nicht alle Anhänger der Reformation. Es gab auch diejenigen, welche bei den römischen Traditionen bleiben sollten. Es gab auch solche, die wollten gar nicht nach biblischem Vorbild das Christsein neu entdecken, sie wollten einfach mit allem, was mit Rom zu tun hatte, abfahren. Und sie wollten auch keine neuartigen religiösen Zwänge.
Zwingli sah sich mit unterschiedlichen Kreisen konfrontiert und er musste weise vorgehen, um die Reformation auf guten Boden zu bringen.
Die Täufer und Zwingli waren in den Grundsätzen einig. Es hätte nicht zum Bruch kommen müssen. Aber das lange Warten auf Veränderung hat bei den Täufern eine Unduldsamkeit bewirkt. Die Nacht ist am Kältesten vor dem Sonnenaufgang. Und wer in dieser Kälte ein Feuer macht, um sich zu wärmen, neigt dazu, ein zu grosses Feuer zu machen, sodass in der guten Stube zu viel anbrennt.
Konrad Grebel (1498-1526) - die Grebels waren in Zürich seit 1386 eingebürgert - war als ehemaliger Schüler Zwinglis eine wichtige Persönlichkeit in der Täuferbewegung. Grebel nahm an den offiziellen Religionsgesprächen, welche die Richtung der Reformation bestimmen, teil und vertrat seinen Standpunkt. Zwingli unterscheidet jedoch nach Haupt- und Nebensachen, was für den emotionaleren Grebel weniger in Frage kam.
Grebel beschwerte sich in einem Brief von Ende 1523 an seinen Schwager Vadian, den Reformator in St. Gallen, dass in Zürich trotz reformierter Predigt immer noch die römische Messe in lateinischer Sprache zelebriert wird. Im Herbst 1524 wird Grebel Vater. Er verweigert die Säuglingstaufe. Im gleichen Jahr werden in den Zürcher Kirchen Bilder und Statuten entfernt. Die Menschen sollen an Gott glauben und nicht Bildnisse oder Heilige verehren.
Den späteren Täufern Konrad Grebel und Felix Manz (etwa 1500-1527) wird es trotz vollzogener oder sich abzeichnender Änderungen zu bunt. Sie wollen Zwingli dazu bringen, dass jeder, welcher es ernst meint mit dem Glauben, es ausdrücklich bekennen solle. Die Absicht war, dass eine so gebildete Zwingli-Partei das politische Kräfteverhältnis bei den Wahlen zu einer nach ihrem Sinne fortschrittlicheren Zusammensetzung des Rates und damit auch zu den nötigen Entschlüssen führen würde.
Doch Zwingli war Anhänger dessen, was man heute in der modernen Ekklesiologie (Gemeindelehre) und Missiologie (Missionslehre) wohl als organische Evangelisation bezeichnen würde im Unterschied zur konfrontativen Evangelisation. Zwingli lehnt den Vorschlag ab. Nicht die radikale Umwälzung bringt den Fortschritt, sondern das geduldige Predigen wird die Einsicht bei den Gläubigen mit der Zeit bringen, sodass sich alles von selber ergeben wird. Man erst säen und dann ernten und da in der Zeit der katholischen Messe nur wenig gesät wurde, ist der Zeitpunkt zur Ernte verfrüht. Der Kern für die Unversöhnlichkeit beider Lager war hier jedenfalls gelegt, obwohl beide Standpunkte etwas für sich hatten.
Die Schlussfolgerung für die Trennung bei den Fortschrittlichen ist die, dass die wirklichen Gläubigen immer nur eine Minderheit sind und von daher ein Verbleib in der Volks- und Staatskirche mit ihrem Mitläufer- und Heuchlertum nicht in Frage kommt. Die Taufe und das Abendmahl sollen so gefeiert werden wie in urchristlicher Zeit. Man tauft also nicht Kinder zu einer Zeit, wo sie für eine religiöse Entscheidung unmündig sind, sondern Erwachsene, nachdem sie sich bewusst zu Christus und zur Nachfolge entschieden haben. Allein gilt die Gnade vor Gott und nicht, ob man zur Institution Kirche gehört. Daher kann eine christliche Gemeinde immer nur klein sein im Gegensatz zur Kirche, weil die Menschen sich freiwillig und bewusst für die Gemeinde entscheiden müssen.
Nun hatte der Aufbau einer eigenen, privaten religiösen Gemeinschaft im 16. Jahrhundert noch eine andere Konsequenz. Teil der Kirche zu sein, bedeutete Teil der öffentlichen Ordnung zu sein. Wer eine eigene Kirche gründet, gilt nicht mehr als Teil der bürgerlichen Gesellschaft. Diesen Widerspruch versucht Grebel mit der Bereitschaft zum Leiden und zur Ausgrenzung zu überbrücken. Da er in seinem Denken die Institution Kirche ausgegrenzt hat, muss er auch willig sein, seinerseits die Ausgrenzung der Gesellschaft zu ertragen.
Hier unterschied sich Grebel vom deutschen Bauernführer Thomas Müntzer, evangelischer Prediger in Thüringen. Für Grebel war es klar, dass ein Christ kein staatliches Amt annimmt und damit auch keinen Krieg führt. Müntzer hingegen rief zur bewaffneten Revolution gegen die gottlosen Fürsten auf, was 1525 im grossen Bauernkrieg in Süd- und Mitteldeutschland mit über 5000 Toten sein brutales Ende fand. Seine Gedanken teilte Grebel Müntzer auch mit. Der Brief vom September 1524 gilt gemäss Täuferforscher Fritz Blanke daher als älteste Urkunde protestantischen Freikirchentums.
Auf den 17. Januar 1525 wurden in Zürich die rivalisierenden Gruppen um die Frage der Kindertaufe vom Rat zu einer öffentlichen Disputation geladen. Anhand der Heiligen Schrift sollen beide Parteien aufzeigen, wie es mit der Taufe zu halten sei. Der Rat macht jedoch einen verhängnisvollen Fehler. Nach Blanke wurden die Kindertaufleugner in der Einladung von vornherein als die Verirrten bezeichnet. Dies geschah wohl unter dem Eindruck einer einen Monat vorher veröffentlichten Schrift von Zwingli, in dem verschiedene Kreise als Unruhestifter gerügt werden. Unter den Unruhestiftern nach Zwingli befinden sich neben zinsverweigendern Bauern und anderen mehr auch die Gegner der Kindertaufe.
Die Disputation bewirkte eine Ratsverfügung vom 18. Januar 1525, dass alle Kinder innert acht Tagen wie bisher zu taufen seien. Die bisherige Kindertaufe nach römischem Ritual umfasste nach Blanke auch Anblasen, Teufelsaustreibung, Bekreuzigung, Speichelbenetzung und Ölsalbung. Eltern, welche dies nicht befolgen, wurden mit einer damals gängigen und harten Strafe belegt: die Verbannung.
Die Täufer waren für viele Mütter in einem Zeitalter hoher Kindersterblichkeit in gewissem Sinne durchaus attraktiv. Nach gängiger kirchlicher Lehre war ein nicht getauftes Kind ewig verloren, wenn es vorher starb. Die Bibel hingegen lehrt, dass die Engel der Kinder dauernd vor dem Angesicht Gottes stehen und dass den Kindern das Himmelreich ist. Erst wenn ein Kind älter und für seine Taten verantwortlich wird, verliert es den Status des automatisch Ewig-Geretteten. Mit der Taufe hat das gar nichts zu tun. Für die Mütter war diese biblische Wahrheit eine Erlösung von grossem Gewissensdruck, wenn ein Kind nicht mehr rechtzeitig getauft werden konnte.
Mit einem Ratsbeschluss vom 21. Januar wurde nachbewirkt, dass Grebel und Manz Redeverbot haben und die nichtzürcherischen Täufer, darunter auch Pfarrer der Staatskirche, des Landes verwiesen werden (mit Land ist Zürich gemeint, nicht die Schweiz).
Wie in der urchristlichen Zeit die Verfolgung der Christen den Beginn der äusseren Mission bezeichnete, war die Verfolgung in Zürich die Geburtsstunde nicht nur des Freikirchentums, sondern auch dessen Ausbreitung. Verfolgung und Ausbreitung gehören in der Missionsgeschichte immer zusammen.
Als Folge davon versammelt sich die junge, noch kleine christliche Gemeinde, nach Blanke wohl am 21. Januar 1525 vermutlich im Haus von Felix Manz in Zürich. Ein Mitglied namens Jürg Blaurock bittet um die Taufe, empfängt sie von Grebel und tauft nun die anderen Mitglieder.
Am Dorfbrunnen von Hirslanden, heute ein Quartier in der Stadt Zürich, tauft ein Tag später, es ist Sonntag, ein ehemaliger katholischer Priester, der zu den Täufern gehört, einen im urchristlichen Sinne gläubig gewordener Mann, der von Beruf und von Namen Schuhmacher ist und heisst. Der Priester, Johannes Brötli, und Fridli Schuhmacher, sind beide von Zollikon, heute die Nachbargemeinde von Zürich im Südosten. Brötli wird zum ersten Leiter der Zolliker Täufergemeinde.
Die Einzelheiten der jüngsten Stunde des Täufer- und damit des Freikirchentums sind vor allem durch die Protokolle der späteren staatlichen Täufer-Verhöre erhalten geblieben.
Am 25. Januar 1525 findet im Hause Ruedi Thomanns an der heutigen Gstadstrasse 23-25 ein Abschiedsessen unter Täufern mit den Verbannten statt. Neun waren da und hielten anschliessend Bibelstunde, zwei werden getauft, gefolgt vom Abendmahl, welches biblischem Ritus abgehalten wurde.
Die Taufe drückte aus, dass die Menschen mit Gott versöhnt wurden und zum Frieden gekommen sind. Die Taufe war und ist also bedeutend mehr als ein formalistisch vollzogener religiöser Ritus. Die im römischen Kirchenzeitalter nie zur Ruhe gefundene Seele konnte endlich ausspannen und nach Hause zu Jesus Christus finden.
Interessant ist, dass ein Tag später Ruedi Thomann und seine Angehörigen wie auch die Bediensteten auf dem Hof getauft werden. Jedenfalls findet sich auch in der Apostelgeschichte das Vorbild der Gemeinschaftstaufe derer, die unter dem gleichen Dach wohnen.
Tage später gab es weitere Taufen in Zollikon in den Liegenschaften Bahnhofstrasse 3 (heutige Bezeichnung) und Rütistrasse 43. Ein besonders denkwürdiger Tag ist der 29. Januar 1525. Jörg Cajakob, genannt Blaurock, Bauernsohn aus dem rätoromanischen Bonaduz in Graubünden und ehemaliger Priester in Trins, störte den ordentlichen reformierten Gottesdienst in Zollikon. Die Dorfkirche in Zollikon wurde 1498/99 gebaut und steht heute noch. Der Geistliche in Zollikon wurde damals vom Chorherrenstift Grossmünster in Zürich gestellt.
Blaurock rief an einem Sonntag dazwischen und begann selber, wild drauf los zu predigen. Die Androhung eines anwesenden Untervogtes nach einer Gefängnisstrafe lässt ihn verstummen. Bereits am 8. Oktober 1525 hatte der cholerisch veranlagte Blaurock in der Zürcher Oberländer Gemeinde Hinwil schon einen Gottesdienst gestört, in dem er vor dem Eintreffen des Pfarrers kurzerhand die Kanzel eroberte und zu predigen begann und das eigentlich durchaus biblische Priestertum aller Gläubigen auf eine nicht biblische Art für sich reklamierte.
In der ersten Woche der Zolliker Täufergemeinde wurden 35 Menschen getauft, darunter eine Frau. Von diesen waren deren 30 selbständige Bauern. Offenbar wurden in Zollikon vor allem die Klein- und nicht die Grossbauern von der täuferischen Erweckung erfasst, also der Mittelstand gewisser-massen.
Blanke schreibt: «Es beginnt die Zeit des obrigkeitlichen Druckes, der Bussen und Gefangenschaften. Ihr folgt im Sommer 1525 die Zeit der inneren und äusseren Auflösung der Zolliker Täufergemeinde.» Am Montag, den 30. Januar 1525, verhaftet die Obrigkeit in Zollikon Felix Manz und Jörg Blaurock sowie 25 weitere Männer. Die ersten beiden kamen in den Wellenbergturm, der im Fluss Limmat stand. Die anderen kamen in das aufgrund der Reformation erst neulich geräumte Augustiner-Kloster in Zürich. Für Blanke ist diese Unter-suchungshaft eine Rückbekehrungshaft, weil die Delinquenten dementsprechend bearbeitet wurden, auch Zwingli war zugegen.
Im April 1525 schaffte der Rat die Messe nach römischem Ritus ab und führte das Abendmahl nach neuem Verständnis ein.
Die 25 Täufer wurden entlassen, wobei sie die Gefängnisunterhaltskosten und 1000 Gulden bezahlen mussten. Offenbar wurden sie weich und versprachen, von der Wiedertäuferei zu lassen. Der Rat gewährte ihnen, dass sie zu dritt oder zu viert dennoch zur Bibelstunde zusammen kommen dürften, aber nicht zum Taufen und Predigen. Ein weiser Kompromiss ist immer noch besser als Unruhen unter den Untertanen.
Auch Blaurock wurde freigelassen, obwohl er hartnäckig blieb. Manz wurde als Zürcher härter angefasst als der Ausländer Blaurock. Manz wird am 5. Januar 1527 in der Limmat ersäuft. In seinen letzten Augenblicken hat er die letzten Worte Christi gesungen: «In deine Hände befehle ich meinen Geist.»
Grebel und Brötli waren ohnehin im Schaffhausischen. Blaurock vollzieht im Zürcher Quartier Stadelhofen eine Taufe und predigte und taufte viel in Privathäusern von Zollikon. Nachher zog er weiter und kam gescheiterweise nicht mehr in die Nähe von Zürich.
Anfang März gab es eine Abendmahlsfeier sogar unter freiem Himmel und am Sonntag, den 12. März, wurden 40 Personen getauft und zwar erstaunlicherweise in der Reformierten Kirche Zollikon. Weitere, dutzende Personen wurden getauft, wobei hier die meisten nicht mehr aus Zollikon selber stammten, sondern viele aus Höngg und Küsnacht.
Von den 25 Inhaftierten machten 23 weiter und prompt kamen sie wieder vor den Richter. Weitere wurden verhaftet. Unter dem Versprechen, Zwinglis Ansichten annehmen zu müssen und unter Androhung von Verbannung wurden die Täufer wieder entlassen. Vier blieben standhaft.
Täuferinnen und Täufer aus Zollikon machten in Zürich im Juni 1525 eine laute Demonstration, in der der Reformator Zwingli kurzerhand mit dem bösen Drachen aus der Offenbarung des Johannes verglichen wurde. Die schwärmerische Übertreibung war jetzt am Kochen.
Die Bewohner von Zürich wurden zur Busse und Umkehr aufgefordert. Das Wissen um das Ende der Täufergemeinde liess die Täufer auf diese endzeitlichen Begründungsmuster zurückfallen. Wir gehen unter, also geht die Welt auch unter, also bekehre sich wer kann, bevor es zu spät ist. Wobei hier zu sagen ist, dass die Erwartung der baldigen Rückkehr von Jesus Christus immer stark war unter erweckten Christen all die 2000 Jahre lang.
Das Land und damit auch Zollikon war Untertanengebiet von Zürich, daher wurde dieser Aufmarsch als besonders aufmüpfig angesehen. Dennoch ahndeten die Ratsherren den Aufzug nicht. Sie hätten riskiert, dass noch viel grössere Aufmärsche die Folge hätten sein können und zwar nicht von den religiösen Eiferern, sondern von den unzufriedenen Bauern. So eine Art Nachzügler-Demo, wie man heute sagen würde.
Dennoch verbietet der Rat die privaten Zusammen-künfte der Täufer. Diese wurden erlaubt in der Meinung, dass sich die Gläubigen erbauen würden, um einen Beitrag für die Staatskirche zu leisten. Als die Obrigkeit merkte, dass den Täufern die Staats-kirche egal war, schreitete sie nun auch gegen die Privatversammlungen ein. Im August beschlossen rund 30 Täufer in Zollikon, den Weisungen der Obrigkeit Folge zu leisten. Blanke nennt es einen Ermüdungsfrieden.
Der Staat, den die Täufer ablehnten, hatte sie wieder, die Abtrünnigen. Grebel lehrte, dass man nicht zum Schwert greifen dürfe. Im Oktober 1531 fielen drei einflussreiche Personen der Täufergemeinde zusammen mit Zwingli auf dem Schlachtfeld im von den Zürchern unsinnig mitverursachten und militärisch schlecht vorbereitet angetretenen Zweiten Kappeler Krieg gegen die katholischen Urschweizer.
1527 wurden einige Täufer rückfällig und wurden kurzfristig inhaftiert. Zwei Bauern aus dem Zürcher Oberland praktizierten die Wiedertaufe und wurden deswegen in der Landvogtei Grüningen inhaftiert. Einige Zolliker Täufer trösteten die Oberländer Bauern im Gefängnis, als diese zum Tod verurteilt wurden.
Von 15 Täufern wird berichtet, dass sie an einer grossen Predigtversammlung im Herrliberg-Wald zwischen Wetzikon und Bubikon teilgenommen haben und ebenso in Grüningen inhaftiert wurden. Die Historiker sind sich zwar nicht sicher, ob hier in den Quellen zwei Ereignisse vermischt wurden, eines in Herrliberg am Zürichsee und das andere in Ettenhausen bei Wetzikon. Der Wald nach Bubikon liegt jedenfalls im Südosten Wetzikons.
Durch das obrigkeitliche Verbot konnte sich das Täufertum in Zürich und Umgebung besser verbreiten, nämlich vorerst unbemerkt. Wo es bemerkt wurde, hatten die Täufer oft schon eine gewisse Grösse, sonst wurde es nicht unbedingt bemerkt. Dort wo das Vorhandensein klar war, wurden die Täufer bedrängt. Dennoch datiert die letzte Täufer-Hinrichtung aufs Jahr 1614 und zwar in Horgen am Zürichsee. 1706 waren die Täufer in Richterswil so zahlreich, dass der reformierte Pfarrer bei der Zürcher Obrigkeit um Bedrückung derselben nachsuchte.
Das Freikirchentum war in der Schweiz und auch anderswo nicht mehr aufzuhalten. Denn mittlerweile kamen die Einflüsse von anderswo entstandenen Freikirchen in die Schweiz, wo sie bei den Täufern bzw. bei Resttäufergruppen auf fruchtbaren Boden fielen. Ende des 18. Jahrhunderts waren zum Beispiel viele Leute aus der Oberschicht in Winterthur Anhänger oder Sympathisanten der aus Sachsen stammenden Herrnhuter Brüdergemeine. Das 19. Jahrhundert brachte offiziell die gesetzlich festgeschriebene Versammlungsfreiheit und die Genfer Erweckungsbewegung erneuerte die evangelische Freikirchenwelt derart nachhaltig, dass sie nicht mehr verschwinden wird.
Im Jahr 2000 sind im Kanton Zürich bis an die drei Prozent der Bevölkerung zu den evangelischen Freikirchen und ihren täuferischen, pietistischen und methodistischen Hauptströmungen zu zählen. Längerfristig wird durch die Bevölkerungszunahme aus dem katholischen und islamischen Europa der Anteil der Angehörigen von evangelischen Freikirchen an der Bevölkerung eventuell etwas zurückgehen. Katholische und islamische Menschen sind gegenüber den Missionierungen der evangelischen Freikirchen resistenter als die reformierten Glaubensverwandten.
Amerikanische Touristen aus mennonitischen und baptistischen Gemeinden besuchen noch heute ab und zu die Orte der ersten Täufer-Hauskreise in Zollikon.
Gemeinsame Unternehmungen zwischen der Täuferbewegung und der sozialrevolutionären Bauernbewegung konnten nicht nachgewiesen werden. Das Täufertum war und blieb vor allem eine theologisch motivierte, religiöse Bewegung, wenngleich sie nicht in luftleerem Raum stattfand. Die Täuferverhöre brachten zutage, dass Täufermitglieder mit Bekannten über das Ganze sprachen, dass jedoch offenbar immer klar war: Wer für die Bauernbewegung ist, ist gegen die Täufer – wer für die Täufer ist, ist gegen die sozialrevolutionären Kräfte.
Konrad Grebel predigte beispielsweise in Töss im Süden (heute ein Stadtteil) von Winterthur. Das Quartier ist nach dem durchfliessenden Fluss Töss benannt, der bei Hochwasser ziemlich tosen kann, daher der Name. Dort gab es ein paar Wochen früher einen Aufstand, sodass eine Zeit lang in der Literatur über die Zürcher Täufer die Ansicht vertreten wurde, Täufertum und sozial-revolutionäre Bauernbewegung hätten gemeinsame Sache gemacht.
Ein Mitstreiter namens Bosshart wollte seinen Schwager Arbogast Finsterbach mit Grebel bekannt machen, um mit ihm ein Glaubensgespräch abzuhalten. Der Schwager war offenbar einer, der beim Tössemer Aufstand zugegen war. Dieser interessierte sich zwar für das Täufertum und nahm noch einen Freund, Gebhart Strasser, zu einer Reise nach Zollikon mit, um Bosshart zu besuchen. Im Verhör sagte Strasser später aus, er sei nicht beim Aufstand beteiligt gewesen, hätte jedoch in Oberwinterthur für die täuferische Sache gepredigt. Finsterbach jedoch hatte sich nicht taufen lassen.
Wir sehen, dass es Bekannt- und Verwandtschaften gab zwischen Täufern und mindestens Sympathisanten der Bauern, aber ein Zusammen-gehen der beiden Bewegungen fand nicht statt. Freilich haben die Vorkommnisse in der einen Bewegung auch in der jeweils anderen Bewegung Wellen geworfen.
Einzelne Personen gehörten eine Zeit lang sowohl zu den Täufern wie zur sozialrevolutionären Bewegung. Landvogt Berger von Grüningen wusste zwischen beiden Bewegungen klar zu unterscheiden, wie Peachey berichtet. Ein Fall war bekannt, dass jemand aus der Bauernbewegung wegging und zu den Täufern kam. Hans Girenbader und ein anderer wurden im April 1525 beim Auflauf der Bauern in Rüti im Zürcher Oberland als Vertreter nach Zürich abgeordnet. Doch Girenbader war selbst den Bauern zu stürmisch. Er kam, nachdem die Sache verlaufen war, zu den Täufern, so Peachey weiter.
Interessant ist die Geschichte von Hans Rueger, der im Schaffhausischen unter dem Einfluss der Predigten von Brötli zum Täufertum gekommen war. Er hatte am Bauernkrieg teilgenommen, setzte sich für die Gütergemeinschaft ein und wurde später als Wiedertäufer und Revolutionär zum Tod verurteilt. Beides hatte Rueger auch zugegeben, so wie es viele gab, die unter der Folter allerlei zugaben, damit die Schmerzen aufhörten. Aber was Rueger zugab, stimmte in diesem Fall trotzdem.
In
und um Schaffhausen war zwischen Täufer-bewegung und
Bauernbewegung nicht so klar zu trennen wie in Zürich. In Hallau
waren sehr viele zum Täufertum übergetreten, darunter hatte
es viele Bauern. Das Zolliker Täufertum, welches vor allem durch
Johannes Brötli und Konrad Grebel ins Schaffhausische kam, war
lediglich eine religiös-erweckliche Bewegung. Aufgrund der
geogra-phischen Nähe zum Schwarzwald war die Bauernbewegung aber
aktiver als beispielsweise in St. Gallen. Der Bauernführer
Thomas Müntzer hatte sich gegen Ende 1524 in Griessern in der
Nähe Schaffhausens aufgehalten, wie Peachey berichtet, was die
Sache angeheizt hatte. Die Täufer hatten ihre Anhänger auch
im hohen Adel. Dies zeigt auf, dass Täufertum und Bauernbewegung
zwei verschiedene Grössen waren, obwohl die Grenzen fliessender
waren als an anderen Orten in der Eidgenossenschaft.