Autor : Rolf Strasser © 2000
Die Einheit der Kirche schien lange gewährleistet. Im Westen mindestens, denn die Ostkirche mit Sitz in Byzanz (Konstantinopel), heute als orthodoxe Kirche bekannt und die Westkirche in Rom waren schon lange und unüberbrückbar getrennt. Dies hatte seinen Ursprung noch zur Zeit des Römischen Reiches, als der Kaiser und Imperator am Bosporus eine neue Reichshauptstadt aufzubauen begann, nur weg von Rom und seinem Senat, dessen Senatoren immer zickig und machtlüstern waren, fast so schlimm wie die Kaiser selber. Die alte und die neue Reichs-hauptstadt wurden Hauptorte der europäischen West- und der Ostkirche.
Jedenfalls begann es im 16. Jahrhundert in der römischen Westkirche zu bröckeln, die Ursachen dafür lagen teilweise weit zurück. Die Kirche war nicht nur Kirche, wie wir sie heute verstehen. Die Kirche war vielenorts auch Grundbesitzerin und die Bischöfe waren oft auch Landesfürsten. Geistliche und weltliche Macht waren nicht so getrennt, wie wir es heute kennen. Das hatte historisch auch seinen Grund.
Wo die Ritter oft unritterlich miteinander um Ländereien stritten, war die Kirche immer wieder der ruhende Pol. Immer wieder kam es vor, dass Begüterte ihren Besitz der Kirche vermachten, teils gegen ein Nutzniessungsrecht für die restliche Lebenszeit. So wurde die Kirche immer mächtiger. Dennoch begann sich die Trennung der Zuständigkeiten in ein weltliches und geistliches Regiment wieder stärker abzuzeichnen. Die weltliche Macht der Geistlichkeit war zu stark Ausdruck der moralischen Zerfallenheit und ein Hindernis für die Freiheit von Wissenschaft und Wirtschaft.
In Zürich gab es damals einen Bürgermeister und einen Rat. Der Rat war auch zuständig für die Zürcher Landschaft. Es gab noch keinen Kantonsrat (Parlament) und Regierungsrat für den Kanton und einen Grossen Gemeinderat und Stadtrat für die Stadt Zürich wie heute. Kantone gab es auch noch nicht, man sprach noch von den Ständen. Es war eine andere Zeit. Die Städte hatten eine gewisse Macht und einige Städte beherrschten recht viel an Landschaft und andere wiederum nicht, wie etwa Winterthur. Deshalb gehört die Stadt heute zum Kanton Zürich und es gibt keinen Kanton Winterthur.
Der Wille zur Reformation war da. Diese Reformation war jedoch so überreif, dass sie eine Eigenbewegung annahm. Sie wurde zur Revolution, zur Kirchenspaltung. Der Humanismus Erasmus von Rotterdam suchte einen Weg des Ausgleichs ohne Kirchenspaltung. Aber er wurde übergangen. Die Gebiete und Kirchen, die sich radikal verändern wollten, gründeten eigene Kirchen. Nur weg von Rom. Von daher kommt der Ausdruck Protestanten, weil es um Proteste ging. Oder man sagte evangelisch, weil man sich neu aufs Evangelium von Jesus Christus besinnte. Das lateinische Wort evangelicus, das schon in der alten römischen Kirche immer wieder mal verwendet wurde, heisst auf deutsch evangelisch.
Zürich trat unter dem Einfluss des humanistisch geprägten Reformators Ulrich Zwingli (1484-1531), welcher seit 1519 - dem Jahr des Amtsantritts von Karl V. als Deutscher Kaiser - in Zürich wirkte, durch Regierungsbeschluss im Januar 1523 aus dem römisch-katholischen Bistum Konstanz aus. Also Schluss mit der Konstanz. Auch Zwingli hatte von der verweltlichten und machtlüsternen Kirche genug, den saufenden und fressenden statt predigenden Priestern.
Zwingli
wollte den Grundlagen des Christseins wieder zum Durchbruch
verhelfen. Dazu gehörte auch die Verkündigung der
biblischen Überzeugung, dass der Mensch von Grund auf verdorben
sei. Die Sünde ist Realität im Leben der Menschen, weil wir
von Menschen abstammen, die ihrerseits auch nicht mehr im Paradies
lebten. Adam und Eva wurden von Gott aus dem Paradies vertrieben,
weil sie ihre Geschicke selber in die Hand nehmen wollten. Nur Gott
kann den Sünder erretten.
Der stellvertretende Tod von Gottes einzigem Sohn, Jesus Christus, hat die Brücke für all diejenigen zu Gott zurück geschlagen, welche die Vergebung der Sünde für sich persönlich in Anspruch nehmen.
Es sind letzten Endes nicht die gerechten Werke, die Gott gnädig stimmen würden, sondern es sei allein das unverdiente Näherkommen durch Gott (das Wort Gnade stammt vom früheren Wort Genahen, Näherkommen), der sich seiner Geschöpfe erbarmt. Die Werke sind die Folge der Dankbarkeit eines Christen, der Christus nachfolgen will. Wir sind die Hände und Füsse Christi, sagt man ja oft. Aber aus Werken sich den Himmel verdienen, das geht nicht.
Gott ist heilig und gerecht. Wer sündigt, würde in der heiligen und gerechten Gegenwart Gottes verschmachten. Deshalb kommt niemand in den Himmel, es sei denn er stirbt in Jesus Christus. Das Feuer der göttlichen Gerechtigkeit wurde von Jesus Christus getragen. Wer in Christus ist, ist mit ihm gestorben und in ihm wiederauferstanden. Wenn jemand in Christus stirbt, dann stirbt er körperlich, aber sein Geist kehrt zu Gott zurück. Jesus sagte ja zu einem Mitgekreuigten, der seine Sünden bereute: Heute wirst Du mit mir im Paradies sein. Wer in Christus stirbt, wird nach ein paar Stunden geistig auferweckt, so wie Jesus zu seinen Lebzeiten auf Erden seinen verstorbenen Freund Lazarus aus dem Grab rief und zum Erstaunen aller lebendig herauskam.
Aber zurück zur Kirchengeschichte: Der Aufbruch der Reformation ist nicht nur durch die Frustrationen vieler Christen über den Zustand der Kirche, sondern auch durch den damaligen Zeitgeist begünstigt worden. Der aufkeimende Humanismus brachte einen indivualistischen Denkansatz. Dadurch wurde die Denkvoraussetzung neu entdeckt, dass ein einzelner seinen Glauben in erster Linie für sich selber finden muss und es nicht primär um das Erfüllen einer gesellschaftlich erwarteten und unter Gruppendruck zustande kommender Verhaltensweise geht. Dieses neue individuelle Denken wurde auch von den Täufern verwirklicht.
Vieles an der neuen Denkweise war dogmatisch. Erst die Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts sollte später dem ganzen die nötige Portion gesellschaftlich akzeptierter Gefühlswelten verleihen, in der protestantischen Welt durch den Pietismus.
Der Übertritt ganzer Landstriche in Europa zur Reformation im 16. Jahrhundert bedeutete nicht, dass darin alle Einwohnerinnen und Einwohner innerlich von einem tiefen Sündenbewusstsein erfasst worden wären. Die Durchführung der Reformation war in erster Linie von oben verordnet worden. Die Reformation war nicht eine Erweckungsbewegung im klassischen Sinne, wo viele gleichzeitig am gleichen Ort reuig werden und zu Gott zurückkehren.
Es gab Regierungen und Fürsten, die mehr aus politischen Gründen zum neuen Glauben übertraten. Der deutsche Reformator Martin Luther war sich dessen wohl bewusst, dass mit der Reformation nicht automatisch auch eine geistliche Erweckung stattgefunden hatte. Vielmehr träumte er davon, dass es eine Art ecclesiola in ecclesia (ein Kirchlein innerhalb der Kirche) geben müsse, in der sich die echten Christen, die Gott ganz bewusst und konsequent nachfolgen wollen, treffen könnten, um zu beten und die Bibel zu studieren.
Und
genau das machten die Täufer, die erste evangelische Freikirche
der Welt. Sie war die Erweckungsbewegung innerhalb der Reformation.
Doch der Reihe nach: In Zürich entstanden die Täufer im
persönlichen Umfeld des Reformators Zwingli. 1525 hatten sie in
Zollikon für eine Woche lang eine eigene Freikirche etabliert.
Ihre Ansichten, obwohl teilweise eher biblisch legitimierbar als
diejenigen der Reformation, waren in den Augen vieler anstössig
und weil dann einzelne radikal und rechthaberisch auftraten, schritt
die Obrigkeit logischerweise ein. Die Täufer wurden zur
Wieder-bekehrung zu den Reformierten gezwungen. Teilweise wurden sie
vertrieben und sogar vereinzelt hingerichtet, ihr Vermögen
oftmals konfisziert.
Aber es gab auch diejenigen, die wieder
zu den Reformierten gingen, weil sie bei sich dachten, Gott weiss es
ja, wie ich es meine und ein Revolutionär will ich nicht sein
und darf ich nicht sein als Christ.
Die Täufer gelangten durch die Verfolgung in verschiedene Himmelsrichtungen. Über Holland kamen sie auch in die USA. Im Englischen bezeichnen sich die Täufer als Baptisten oder Mennoniten. Bereits 1838 setzten sich die Baptisten-missionare in den USA nebenbei erwähnt für die Sklavenbefreiung ein, wie vor ihnen schon andere, so die Quäker in Pennsylvania.
Als Nachfahren der Täufer, die noch in der Schweiz vertreten sind, sind vor allem die Mennoniten, die Baptisten, die Evangelisch-Taufgesinnten und die Evangelische Täufergemeinde zu nennen. Diese Gemeinden bestehen nicht seit dem 16. Jahrhundert. Vieles davon sind Neu- oder Wiedergründungen oder sie wollten in ihrem Namen an den früheren Täufern anknüpfen.
Die rund 2700 Schweizer Mennoniten (benannt nach dem Holländer Menno Simons) wohnen heute hauptsächlich im Jura und im Emmental sowie in den Regionen Basel und Bern.
Interessant ist, dass sich alle bedeutenderen Mennonitenkirchen 1925 zur Mennonitischen Weltkonferenz vereinigt haben. Ein Teil der Mennoniten haben sich der Bibelkritik und der modernen Theologie geöffnet. Die süddeutschen und schweizerischen Mennoniten wurden später, im Gegensatz zu den holländischen Glaubensbrüdern, stark vom Pietismus geprägt.
Ein wichtiger Zweig sind die Baptisten, wie die Angelsachsen den Täufern sagen. Zweige der Baptisten kamen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA wieder an den täuferischen Ursprungsort zurück. Es war auch von einem geistlichen Marshall-Plan die Rede, damit Europa nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistlich wieder aufgerichtet wird.
Die baptistische Gemeinde in Zürich wurde 1849 gegründet. Von 1949 bis 1995 war in Rüschlikon bei Zürich sogar die Baptistische Theologische Hochschule beheimatet. Sie zog dann nach Prag um, weil die europäischen Baptisten vor allem in Ost-Europa am Wachsen sind.
Die heutigen Baptisten-Gemeinden in der Schweiz sind mit rund 1400 Mitgliedern im Bund der Baptisten zusammengeschlossen. Sie vertreten das Prinzip der freien Kirche im freien Staat, übernehmen aber freiwillig Verantwortung in der Gesellschaft. Durch gemeinsame missionarische Projekte stehen die Gemeinden mit Partnerkirchen in Übersee in engem Kontakt. Weltweit gab es 1990 rund 36 Millionen Baptisten, 2000 rund 40 Mio. eingeschriebene Mitglieder, mit Angehörigen und Freunden sind es gegen 100 Mio. Menschen.
Die Baptistenkirche entstand 1612 in England, von da aus ab 1638 auch in den USA. Von dort verbreitete sich die Baptistenkirche weltweit, ab 1834 in Deutschland, 1849 in der Schweiz und 1869 in Österreich. Im Ökumenischen Rat der Kirchen sind verschiedene Baptistenbünde Mitglied.
Bleiben wir noch kurz bei den Amischen, denn diese sind aufgrund ihrer Auffälligkeit doch recht bekannt: Die Amischen gehen zurück auf den Mennoniten Jakob Ammann im Emmental um 1693. Die Täufer waren von der Gesellschaft abgeschieden, sie verweigerten u. a. die Kindertaufe und den Militär-dienst. Ammann war besonders radikal und verachtete neue Moden wie etwa Knöpfe an den Kleidern. Unter Amann gab es eine Spaltung innerhalb der Mennonitenbewegung der Schweiz und Süddeutschlands. Die Folge war der Auszug aus der als verweltlicht empfundenen Heimat nach Pennsylvania, wo noch heute ihr Haupt-verbreitungsgebiet ist (wie etwa die Old Order Amish im Lancaster County mit rund 60 000 Mitgliedern).
Heute gibt es verschiedene Richtungen der Amish People. Die besonders Konservativen fallen dadurch auf, dass sie praktisch noch so leben wie vor 300 Jahren. Sie missionieren nicht, bleiben abgeschlossen, fahren Pferdekutschen, haben kein Telefon (oder wenigstens nicht im Haus), Radio oder TV-Set. Bekannt sind in den USA auch die Hutterer, welche auf den Tiroler Täufer Jakob Hutter aus dem Pustertal des 16. Jahrhunderts zurückgehen. Auch die Hutterer haben ein strenges kollektives System.
Die Täufer, Baptisten und Mennoniten sind heute nicht alleine deshalb so zahlreich, weil sie allesamt Nachfahren kinderreicher Täufer früherer Jahr-hunderte sind. Diese Denominationen leben mehrheitlich offen und in der Gesellschaft integriert. Die meisten Mitglieder sind früher oder später von aussen dazu gekommen, währenddessen viele Nachkommen den Täufergemeinden schon bald den Rücken zugewendet haben.
Bei Freikirchen ist dies generell der Fall, dass die Anhängerschaft vor allem nach der dritten oder vierten Generation massiv bröselt. Warum das so ist, wäre zu erforschen. Die Freikirchen sind auch soziale Biotope, wo sich allerlei Überzeugungen länger halten, auch diejenigen, die das Resultat menschlicher Gedanken und nicht biblischer Forschung sind, und dadurch die Spannungen und der Widerspruch zwischen der Kirchenkultur und der Weltkultur so gross wird, dass die Jungen ihre Seelen eines Tages Richtung Welt retten. Dies vor allem dann, wenn die eigene Denomination dem trockenen und biederen Traditionalismus verfallen ist und keine lebendigen Beziehungen mit Jesus Christus mehr vorlebt.
Die Geschichte über die Täufer wäre nicht richtig in die Christentumsgeschichte und in die allgemeine Geschichte eingebettet, wenn man nicht auf die anderen und älteren Reformbewegungen hinweisen würde. Der Boden zur Reformation wurde schon früher in England (Wyclifiten), Böhmen (Hussiten) und Italien (Waldenser) gelegt. Die Reformation in Wittenberg, Zürich und Genf im 16. Jahrhundert führten zu nachhaltigen Umgestaltungen. Die älteren Reformparteien wurden vom etablierten religiösen, römischen System noch grösstenteils und massiv unterdrückt.
Früher gründeten Anhänger einer bestimmten theologischen Richtung eine eigene Gemeinschaft oder Freikirche. Heute ist dies komplizierter. In verschiedenen Freikirchen findet man unter-schiedliche theologische Richtungen, die Baptisten oder die Methodisten beispielsweise könnte man in einem Land als liberal-modernistisch bezeichnen, in einem anderen Land als evangelikal. Und auch da kann es von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sein, je nach Zusammensetzung der Menschen. Und heute mag es so sein und dreissig Jahre später ist es ganz anders.
Die
katholische Gebiete, welche nicht nur das Täufertum, sondern den
ganzen Protestantismus verdrängt haben, zeichnen sich teilweise
bis heute als wirtschaftlich rückständig aus, weil sie
viele originelle und kreative Köpfe vertrieben haben und
modernen zeitsparenden Methoden abhold sind. Heute noch zeigen die
katholischen und auch die orthodoxen Länder im Umgang mit
religiösen Minderheiten manchmal eine gar laienhafte
Unbeholfenheit, welche den Minderheiten das Gefühl von
Zweit-Klass-Bürgern gibt.