Die Zürcher Täufer 1525
und ihre internationalen Auswirkungen bis in die Gegenwart

Inhaltsverzeichnis


Autor : Rolf Strasser © 2000


Baptismus

Ein Artikel über die Täufer ist nicht vollständig, wenn nicht auf die Baptisten hingewiesen wird. 1847 entstand im Toggenburg (Ebnat-Kappel) die erste Schweizer Baptistengemeinde, 2002 gab es deren zehn. Zürich und Bülach hatten je über 200 regelmässige Gottesdienstbesuchende. Zudem besteht ein Bund der Schweizer Baptisten-gemeinden. Im frankophonen Europa gibt es die Association des Eglises Evangéliques Baptistes AEEB, zu der auch sechs Gemeinden in der Romandie gehören. Zudem gibt es im Schweizer Baptismus wie in den meisten freikirchlichen Denominationen freie Gemeinden, die nicht zum Bund gehören. In Lausanne gibt es eine und in Payerne, die aus Lausanne entstanden ist. Zudem gibt es eine englischsprachige freie Baptistengemeinde in Genf, aus der heraus sich in den 1980er Jahren die Westlake Church in Nyon gebildet hat.

Die Baptisten sind organisationssoziologisch betrachtet nicht aus einer anderen Denomination hervorgegangen. Sie haben sich hauptsächlich, wie für Freikirchen eigentlich generell typisch, rund um Bibelstudium und Gebet gebildet. Jedenfalls gab es zu Beginn des 17. Jahrhunderts die verfolgten Puritaner, von denen die einen nach Amerika gingen (Pilgerväter) und die anderen nach dem freiheitlichen Holland, wo sie mit dem holländischen Mennoniten-tum in Berührung kamen. Von da breitete sich die Strömung aus, auch nach Amerika.

Als erste Baptistengemeinde wird eine Versammlung in Amsterdam um John Smyth 1609 angesehen. Er wurde 1612 in der gleichen Amsterdamer Kirche beerdigt, wo 1948 der ökumenische Rat der (nichtkatholischen) Kirchen den Gründungs-gottesdienst feierte. Ein Zusammenschluss mit den holländischen Mennoniten kam für einige Mitglieder nicht in Frage.

So gingen sie 1612 nach England zurück und gründeten in London den englischen Baptismus, der sich vom Calvinismus (Prädestinationslehre) abgrenzte. Der Calvinismus lehrt, dass Gott bestimmt, wer ewig errettet sei. Diest ist jedoch falsch, weil Gott will, dass alle Menschen ewig gerettet und mit ihm eine Ewigkeit zusammen sein werden. Gott kann die Menschen aber nicht zu etwas zwingen, wenn sie selber nicht wollen. Die Prädestinationslehre fusst auf der Tatsache, dass Gott vorher weiss, wer zum Glauben an ihn kommt und darum fälschlicherweise folgern, Gott bestimme daher, wer zum Glauben komme. Der Baptismus war eine Reaktion auf den Unsinn, die andere Christen in sehr grundsätzlichen Dingen vertraten.

Der Leiter Thomas Helwys forderte die allgemeine religiöse Freiheit. 1633 oder 1638 entstand schon eine partikulare Baptistengruppe, aus der der berühmte Missionar William Carey (1761-1834) hervorging. Die Gläubigentaufe durch Untertauchen wurde bei Englands Baptisten 1642 eingeführt, vorher war es ein Besprengen mit Wasser. 1891 vereinigten sich beide Baptisten-Richtungen in Grossbritannien und Irland. Seit welchem Jahr die Baptisten sich so bezeichneten, ist hier nicht bekannt. Jedenfalls ist der frühe englische Baptismus ein Kind der Zeit um die puritanische Gegenreakton auf die Zustände in der anglikanischen Kirche zu sehen.

Ab 1638 gab es die Baptisten auch in den USA. Die erste Gemeinde entstand in Providence 1638 um den Geistlichen Roger Williams (um 1603-1683). 1648 entstand in Newport auf der Insel Aquidneck die erste Gemeinde der Partikular-Baptisten um den Arzt John Clark (1609-1676). 1644 schlossen sich Providence und Newport politisch zur englischen Kolonie Rhode Island zusammen. Roger Williams war ihr Präsident (1647-1651). Erstmalig gab es eine Verfassung mit völliger Glaubens- und Gewissensfreiheit. So entstand als Folge der baptistisch geprägten Freiheitskultur und der Religionsfreiheit auch für andere Bekenntnisse 1763 die erste jüdische Synagoge auf dem nord-amerikanischen Kontinent.

2002 lebten 33 der über 45 Millionen Mitglieder der Gemeinden des Baptistischen Weltbunds (BWA) in den USA. Es ist nicht falsch, zu sagen, die angelsächsische Art von Täufertum ist vor allem der Baptismus, und nicht etwa die Hutterer oder die Amish People (wobei das die letzteren ja nicht abwertet). Im 19. Jahrhundert waren es die amerikanischen Nord-Baptisten, welche den französischen Baptismus missionarisch unterstützten. Daher gibt es in der Romandie heute Baptisten-gemeinden.

Das letzte Häufchen europäischer Baptisten schlossen sich schon 1615 den Waterlander Mennoniten in Holland an, die anderen waren ja nach England zurückgekehrt. Erst ab 1820 entstanden wieder europäische Festland-Baptisten, zuerst in Frankreich. Der reformierte Schweizer Henri F. V Pyt (1796-1835) war ein Kind der Genfer Erweckungsbewegung (Réveil) und stiess zur baptistischen Mission. Baptistengemeinden entstanden durch englisch-sprachige Missionare in Italien 1863, Spanien 1869 und Portugal 1888.

Zu den im allgemeinen Volkswissen bekannten Baptisten gehören Jimmy Carter (Ex-US-Präsident), Anti-Rassismus-Prediger Martin Luther King (1929-1968) und im freikirchlichen Wissen auch Oncken. Der deutsche Baptismus geht auf ihn zurück, organisatorisch gesehen. Natürlich, die Baptisten würden sagen, der Baptismus geht auf Jesus Christus zurück, das ist ja klar. Jedenfalls, Johann Gerhard Oncken (1800-1884, gestorben in Zürich), hatte zunächst Kontakt zum schottischen Calvinismus. Er und sein erweckliches Grüppchen wurden von einem baptistischen Professor aus den USA am 22. April 1834 in der Elbe getauft. Die Calvinisten hatten ihm zunächst geraten, er solle sich doch selber taufen. Daraus entstand eine sehr segensreiche Missions-tätigkeit und baptistische Gemeinden in Teilen Europas wie der Schweiz, aber selbst in der Türkei, Russland und Südafrika. Oncken war 1846 das einzige deutsche nichtkirchliche Mitglied bei der Gründung der Evangelischen Allianz.

Die Baptistengemeinde in Zürich wurde 1849 gegründet.