Die Zürcher Täufer 1525
und ihre internationalen Auswirkungen bis in die Gegenwart

Inhaltsverzeichnis


Autor : Rolf Strasser © 2000


Ausbreitung des Täufertums

Wer meint, das Täufertum sei von Zürich aus in die Welt gegangen, irrt. Es hat im deutschen Sprachraum und auch anderswo viele Vordenker gegeben, schon vor der Reformation. Die Zeit für etwas Neues war überall gegeben. Die verschiedenen Persönlichkeiten haben sich durch Briefkontakt und Treffen gegenseitig beeinflusst und nach den Vertreibungen und Wanderungen kamen verschiedene Leute und Denk-Strömungen stärker miteinander in Kontakt. Freilich kann man sagen, dass Zürich hierbei eine grössere und frühere Rolle gespielt hat als andere Orte. Schwerpunkte waren aber auch Mähren, das Elsass, Württemberg, Harz, Thüringen, die Stadt Zwickau und vor allem die Niederlande.

Allgemein beurteilt ist besonders in den protestantischen Gebieten das Täufertum anzutreffen, die katholischen Gebiete sind im Vergleich dazu resistent geblieben. Es gibt allerdings auch Beispiele, wo dies nicht der Fall war.

Goertz schreibt über den vielfältigen Ursprung und Zusammenhang des Täufertums: «Diese Wurzeln reichten in den Boden der Zürcher Reformation, den Grund der radikalen Reformation Thomas Müntzers in Mitteldeutschland, die von Hans Hut unter veränderten Bedingungen nach Oberdeutschland getragen wurde, und in das charismatisch-apokalyptische Milieu Strassburgs, das Melchior Hoffman mit seinem spiritualistisch-endzeitlichen Ideen zu einem Täufertum eigener Art zusammenformten und in den nieder-deutschen Raum einführte.»

Balthasar Hubmaier aus Waldshut nahm an der Zweiten Zürcher Disputation im Oktober 1523 teil und war später ein einflussreicher Täuferlehrer. Er wurde auch von Thomas Müntzer besucht. 1516 war er in Regensburg (Bayern) als eifriger und erfolgreicher Antisemit (!) tätig. Hubmaier schrieb 1525 ein Buch über die Wiedertaufe. Er flüchtete Ende 1525 nach Zürich, nachdem Waldshut von Österreich eingenommen wurde. Hubmaier war katholischer Priester, wandte sich am Ostersonntag 1525 zu den Täufern mit sechzig anderen, die ebenso getauft wurden. In den folgenden Tagen wurden weitere 350 getauft, ein Grund für die katholischen Österreicher, in Waldshut einzumarschieren.

Hubmaier wurde in Zürich im April 1526 ausgewiesen, nachdem er dem Täufertum offiziell-rhetorisch abgeschworen hatte. Wieder täuferisch ging er wie viele Täufer auf der Flucht nach Mähren in die Obhut toleranter Landesherren, darunter auch der Fürst von Liechtenstein, welcher bis ins 20. Jahrhundert daselbst Landbesitzer war (die Tschechen und die Liechtensteiner streiten heute noch auf politischer Ebene über diesen Grundbesitz).
Dennoch wurde Hubmaier später nach Wien geführt und verbrannt. Seine Abführung hatte wohl etwas damit zu tun, dass Erzherzog Ferdinand von Österreich zum neuen König von Böhmen gewählt wurde, was die Toleranz gegenüber den Täufern in Mähren signifikant negativ beeinflusst hatte. In der Donau-Monarchie begann eine allgemeine Verfolgung gegen alles Evangelische.

In Wien gab es bisher auch schon eine ansehnliche Gruppe von Täufern. Im April 1523 wurde im erzbischöflichen Rat über das Vorhandensein von Täufern in Salzburg beraten. Die dortigen Täufer scheinen auf das Wirken von Hans Hut zurückzugehen. Das Entdecken von 32 Wieder-täufern endete mit einigen Todesstrafen. Im Februar 1528 wurde bei der erzherzoglichen Regierung in Innsbruck bekannt, dass sich die Wiedertäufer nach Tirol begeben hätten, wie Florey schreibt.

In den katholischen Gebieten war die Hand gegen die Täufer besonders hart. Im Zuge der Gegen-reformation wurden aus Österreich alle Evangelischen lange Zeit verbannt. Die Vertreibung der zahlreichen Protestanten in und um Salzburg von 1731/32 ist eines der bekannteren Beispiele.

Die Zürcher Täufer standen schon vor ihrer Gründung in Kontakt mit Müntzer und Karlstadt (bürgerlich Andreas Bodenstein 1480-1541). Im Mai 1525 finden sich Spuren des Täufertums auch in St. Gallen, Graubünden, Bern, Basel, Ulm, Strassburg und andere mehr wären noch zu erwähnen. Vom Sommer 1525 werden täuferisch-schwärmerische Ausschreitungen aus den st. gallischen und appenzellischen Gebieten in der Nordostschweiz vermeldet.

Das Täufertum in Zürich entstand im Januar 1525, im März in St. Gallen und ungefähr dann auch in Waldshut sowie Schaffhausen. Im Frühling entstehen täuferische Gruppen in Chur, im Mai wird Bern erreicht und im Sommer Basel. In St. Gallen erschien Konrad Grebel erschien drei Wochen vor Ostern 1525. Am Palmsonntag strömten rund fünfhundert Menschen, um sich in der Sitter taufen zu lassen.

Rückschläge gab es vielerlei. Konrad Grebel wurde am 8. Oktober 1525 in Hinwil verhaftet und nach Grüningen verbracht. Er konnte fliehen und predigte in Appenzell und in Graubünden. Er verstarb schon im Sommer 1526 in Maienfeld (Graubünden) an der Pest. Der Vater von Grebel, der während insgesamt über sieben Jahren Landvogt in Grüningen war, wurde im Oktober 1526 in Zürich enthauptet. Blaurock wurde bei Innsbruck verbrannt.

Ein Pyrrhussieg für die Obrigkeit! Wer für den Glauben auf den Scheiterhaufen geht, erweckt Eindruck auf viele. Dann muss ja an der Sache was dran sein. Für eine sektiererische Ideologie geht man nicht so schnell auf den Scheiterhaufen, für die Wahrheit schon eher. Einer der Anhänger Blaurocks war Jakob Huter, auf den, wie schon weiter oben erwähnt die Hutterer zurückgehen. Hutter wurde selber in Innsbruck nach schlimmer Folter im Februar 1536 dem Feuertod übergeben.

Im August 1527 kamen die evangelischen Stände Zürich, Bern und St. Gallen bezüglich der Täufer zu einem gemeinsamen Beschluss, dass sie bei Renitenz hart zu bestrafen seien. Im Spätsommer wurden in Zürich zwei Täufer wegen Meineid ertränkt.

Währenddessen bekriegten sich im Juni 1529 Zürich mit den fünf katholischen Orten Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug im Ersten Kappelerkrieg. Im Oktober gleichen Jahren fanden die Marburger Gespräche statt, welche den Abendmahlsstreit zwischen den grossen Refor-matoren Luther und Zwingli beilegen sollte. Über das Abendmahl wurde bekanntlich nicht nur zwischen Täufern und den Reformierten gestritten.

1530 wurde ein weiterer Täufer in Zürich ertränkt, im November gleichen Jahres wurde am eidge-nössischen Tagsatzungsort Baden beschlossen, die Täuferprediger gefangen zu setzen und sie an Leib und Gut zu bestrafen. Der Zweite Kappelerkrieg führte am 11. Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel am Albis zu einer Niederlage Zürichs und zum Tod von Ulrich Zwingli. Als Nachfolger Zwinglis wurde Heinrich Bullinger (1504-1575) eingesetzt, dessen persönliches, schriftlich fixiertes Glaubensbekenntnis später zum Zweiten Helvetischen Bekenntnis der evangelischen Stände der Eidgenossenschaft wurde. Deshalb gilt Bullinger als der eigentliche Vater der reformierten Kirche. Dieses Bekenntnis war eine wichtige Grundlage für die Ausbreitung der reformierten Kirche, so zum Beispiel auch in Ungarn.

1532 wurden in Zürich wieder zwei Täufer ertränkt, im Mai 1532 gab es einen gemeinsamen Tagsatzungsbeschluss aus Baden aller 13 eidge-nössischen Orte gegen die Täufer. Jeder Ort soll selber das Strafmass gegen sie bestimmen. In den gemeinsam verwalteten Untertanengebieten wie Thurgau, Rheintal, Teile vom Aargau und dem Tessin sollen sie bei Renitenz ertränkt werden. Vom März 1538 ist aus Bern das letzte offizielle Gespräch zwischen Prädikanten und Täufern bekannt. Einer der teilnehmenden Täufern stammte aus dem Zürcher Amt Grüningen.

In den genauen Chroniken von Bullinger und Stumpf aus dem 16. Jahrhundert gilt der Thüringer Thomas Müntzer als der eigentliche Anfang und Ursprung der Wiedertäufer. Aber diese Ansicht ist unhaltbar. Man wollte die Täufer in die Nähe von Sozial-revolutionären rücken, um sie zum schweigen zu bringen. So wie heute Christen mit klaren Positionen über die säkular-massenmediale Umdeutung des Fundamentalismus-Begriffes in die Nähe von Terroristen gerückt werden, um das in jedem Menschen latent vorhandene Gottesbewusstsein zum Schweigen bringen zu können.

Im Frühling 1526 sind einige Zürcher Täufer aus der Haft entwichen. Dies wurde von einem Teil von ihnen als wundersame Rettung gepriesen, sie seien von Engeln Gottes befreit und hinausgeführt wurden. Nach den alten Chroniken hätte die Täuferei darauf in Gossau im Zürcher Oberland und im ganzen Amt Grüningen massiv zugenommen.

1525 versuchte ein Schwyzer in äbtischem Gebiet St. Gallens eine Täufergemeinschaft nach Zolliker Vorbild zu errichten.

Viele Berichte von früher berichten von schwärmerischen Überdrehungen, eine Täuferin aus dem Zolliker Hottinger-Geschlecht behauptete allen Ernstes, sie wäre Gott und begann in fremden Sprachen und merkwürdigen Zungenlauten zu reden. Andere bekammen bei den Versammlungen das Zittern und ergaben sich in allerlei Verkrümmungen.

Zwei leibliche Brüder in St. Gallen besprachen sich in Beisein der Familie über die Wiedertäuferei und waren friedlich. Der eine fragte den anderen, er solle sich von ihm hinknien, worauf der Stehende seinem knienden Bruder den Kopf und die Daumenspitze der rechten aufgehobenen Hand abschlug. Hatte hier das Wissen über den Besitz einer wichtigen Wahrheit zur Überheblichkeit geführt und dann in einer psychotischen Raserei geendet? Jedenfalls war dies ein biographisch bedingtes Geschehen. Der Täter namens Schugger wurde eine Woche später hingerichtet. Die sinnlose Tat brachte allerlei Entsetzen, war doch die ganze Familie hoch angesehen.

1529 wurde Ludwig Hätzer von Bischofszell in Konstanz hingerichtet, weil er sich unter dem Vorwand des göttlichen Willens mit mehreren verheirateten Frauen eingelassen hatte. Hätzer vor seiner Hinwendung zum Täufertum päpstlicher Priester und Kaplan in Wädenswil am Zürichsee.

Der Fall Schugger wurde von den Gegnern des Täufertums jedenfalls genüsslich benutzt, um Argumente gegen die neue Bewegung anzuführen. Das Auftauchen von religiös und religiomorph motiviertier Raserei ist keineswegs ein Phänomen der Wiedertäuferei. Es gibt in allen Gesellschafts-Schichten und Gruppen Menschen, die unter einer psychotischen Zwangshandlung Verbrechen begehen.

In der Zürcher Geschichte ist ein anderer Fall von 1823 aus Wildensbuch in guter Erinnerung. Darauf soll hier jedoch nicht weiter eingegangen werden.

Auf jeden Fall hat dieser Umstand die Zukunft der Täuferei geprägt. Die Landesherren waren oft nicht im Klaren, ob es sich bei den Täufern um ein paar religiöse Spinner handelte oder um solche, die vielleicht eines Tages in kollektive Raserei verfallen könnten und so ein ernstliches Sicherheitsrisiko darstellten. Zudem war allen klar, dass religiöse Aufstände nie nur aus religiösen Gründen vorgenommen werden.

Betreffend der Ausbreitung der Täufer wird vom Thurgau und von St. Gallen berichtet, dass die Wiedertäuferei von ungehorsamen Leuten aus Stadt und Land Zürich hervorgerufen wurde. Die Täuferbewegung in Bern schien ebenso von Zürich beeinflusst worden sein und scheint die dortigen dörflichen Frömmigkeitsstrukturen verstärkt zu haben.

Peachey stellt fest, dass sich das ostschweizerische Täufertum geographisch auf der Linie Zürich - Zürcher Oberland - Wil - St. Gallen - Maienfeld - Chur ausgebreitet hat. Nach Norden ging es auch von Zürich her über Bülach und Winterthur nach Schaffhausen, im Westen über den Aargau einerseits nach Basel, anderseits ins Seeland (Biel), Bern und ins Emmental. Diese Ausbreitung vollzog sich entlang der Kommunikationsstrukturen, der Verkehrs- und Wirtschaftswege der evangelischen bzw. der evangelisch werdenden eidgenössischen Orte - von Kantonen kann man für die damalige Zeit noch nicht sprechen. Den Familienstrukturen kam bei der Ausbreitung ebenso eine wichtige Rolle zu.

Das Täufertum erfasste verschiedene soziale Schichten, zunächst Geistliche, Akademiker und Bürger. Für Peachey sind dennoch die Bauern und kleinen Handwerke diejenigen, welche das Täufertum schlussendlich bewahren konnten. Für die anderen Schichten war es gesellschaftlich unmöglich, länger zu den Täufern gehören zu können. Blieben sie beharrlich, wurden sie aus ihrer gesellschaftlichen Stellung vertrieben. Dann hatten sie gar nichts mehr. Die Bauern hatten wenigstens noch etwas zu essen, wenigstens da, wo sie Haus und Hof behalten durften.

Die Täufer hatten gemeinsame Schriften und Traktate, die mithalfen, die neue Strömung hervorzurufen oder zu verstärken. So waren die 1527 entstandenen Schleitheimer Artikel ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Gruppen in der Schweiz, in Österreich, Frankreich und Holland. In den Schleitheimer Artikeln wurden die Grundsätze festgehalten: Glaubenstaufe, Bann gegen Andersgläubige (z. B. kein Getreideverkauf an Ungläubige, Abgrenzung von der mystisch-spiritualistischen Täufer-Richtung), Eid-Verweigerung, Wehrdienstverweigerung, die Rolle der christlichen Gemeinde als Gemeinschaft der wahren Christen, die freie Wahl des geistlichen Hirten, das Abendmahl als Ausdruck christlicher Gemeinschaft und Absonderung von der Welt.

Dies bedeutete eine Abwendung der Vermischung religiöser Ziele mit den sozialrevolutionären Forderungen der Bauernschaft. Ursache für die Täufersynode am 24. Februar 1527 in Schleitheim waren die täuferischen Entgleisungen in der Nordostschweiz. Die jungen Täufergemeinden wollten sich gegen Schwärmereien abgrenzen, wie Siersyzn in seiner Kirchengeschichte festhält.

Wesentlich mitgewirkt an den Artikeln in Schleitheim bei Schaffhausen hat Michael Sattler aus Strassburg. Er war früher Prior des benediktinischen St. Peter-Klosters im Schwarzwald. Man machte ihm im Mai 1527 im katholischen Rottenburg am Neckar den Prozess. Am 21. Mai wurde er hingerichtet, seine Frau ein paar Tage später ertränkt. Die Details Sattlers Folterung wurden von Wilhelm Reublich notiert, welcher hierüber an die Zürcher Täufer bericht erstattete.

Pilgram Marbeck stammte aus Tirol und war in Rattenberg Mitglied des Inneren Rates der Stadt. 1525 wurde er auch Bergrichter. Nachdem er Täufer geworden war, verliess er im Februar 1528 Rattenberg unter Zurücklassung von Hab und Gut. In Strassburg wurde er Täuferführer, die wichtigste Stadt für die Täufer ab diesem Zeitpunkt. Martin Bucer hielt Marbeck für eigensinnig, wenngleich er von seinem ansonsten untadeligen Charakter überzeugt war. Nach einer öffentlichen Debatte mit den Geistlichen der Stadt 1531 wurde er aufgefordert, die Stadt zu verlassen. 1540 schrieb er einen Brief aus Ilanz in Graubünden und scheint nachher wie viele andere nach Mähren gegangen zu sein. Vier Jahre später war er wieder in Graubünden und ging nach Augsburg, wo er bis zu seinem Tod 1556 blieb. Marbeck blieb vor allem als Schriftsteller und seiner Auseinandersetzungen mit dem Spiritualisten Caspar Schwenckfeld von Ossig wegen in Erinnerung. Wenger hält fest, dass Marbeck einer der wenigen Täuferführer war, der nicht umgebracht wurde.

Zu den Persönlichkeiten des frühen Täufertums gehörte auch Hans Hut. Ab 1526 war er als Reisebuchhändler in Bayern, Frankreich, Österreich, Mähren und Schlesien unterwegs. 1527 nahm er in Augsburg an der grossen Täuferzusammenkunft teil, wo im selben Jahr rund 1000 Täufer leben sollen.

Diese Versammlung ist in der Literatur oft als Märtyrersynode anzutreffen, weil sie dem Rat der Stadt Anlass gab, eine Anzahl Mitglieder der Täufergemeinde verhaften und foltern zu lassen, wie Geiser berichtet.

Hut hatte behauptet, die Zahl der von Gott wirklich auserwählten Christen sei auf 144'000 eingeschränkt, so wie dies heute die Zeugen Jehovas und andere Sondergemeinschaften unter einer eigensinnig-enggeführten Auslegung der Offenbarung des Johannes tun. Dieses Missverständnis ist im Christentum leider heute noch verbreitet. Die Zahl 144'000 bedeutet in der biblischen Zahlensymbolik, dass Gläubige aus den zwölf Stämmen Israels und den Nationen, was durch die Zwölf symbolisiert ist, Gott auf eine bestimmte Art zu einer bestimmten Zeit, die noch kommen wird, dienen werden. Zwölf mal zwölf ergibt 144. Die Zahl tausend bedeutet eine grosse, aber begrenzte Zahl. Die 144'000 bedeuten also, dass eine grosse begrenzte Zahl von Gläubigen aus Israel und den Nationen Gott dienen werden und das müssen nicht exakt 144'000 sein, dass können auch Millionen von Menschen sein.

Aber zur Augsburger Täufer-Synode zurück: Hier wurden auch grosse Missionspläne entworfen.

Im Einflussbereich der Schleitheimer Artikel entstanden eher festumrissene Täufergemeinden, weil die Absonderung ein fester Bestandteil der Gruppen-Identität war. Unter dem Einfluss von Hut war dies weniger der Fall, weil er das baldige Wiederkommen Christi erwartete. In Hut’s Gruppen sieht Packull (zitiert bei Goertz) den Übergang von spätmittel-alterlicher Mystik zum Typus protestantischen Sektentums. Hut kam 1527 bei einem Ausbruch-versuch aus dem Gefängnis um.

Hans Römer aus Eisenach war ein radikaler Täufer. Er tritt in Thüringen auf. Seine Ansichten vermischen sich im Unterschied zu den Schleitheimer Täufern mit den Zielen der sozial-revolutionären Bewegung. Es gab einen Plan für 1528, Erfurt zu erstürmen, da das neue Jerusalem zu errichten - wie man vor ihm das auch in Münster machen wollte - und von da aus den niedergeschlagenen Bauernaufstand von 1525 in Deutschland neu zu formieren. Die Rädelsführer konnten jedoch verhaftet werden und wurden hingerichtet. Römer selber entkam.

In Mähren sammelten sich viele täuferische Flüchtlinge aus dem Tirol, Süddeutschland und auch der Schweiz. Die Markgrafschaft Mähren hatte sich innerhalb des habsburgischen Machtbereichs recht viel Freiheit erworben. Offenbar kam es dort zu Konflikten zwischen den militanten und pazifistischen Täufern. 1529 zogen die Friedlicheren von Nikolsburg in Südmähren (heute Mikulov) nach Austerlitz. Das mährische Täufertum kam 1533 unter den Einfluss des Tirolers Jakob Huter. Es entstanden die christlichen Gemeinschaften, die sogenannten huterischen Bruderhöfe. Dieses Lebensmodell lebt in den Hutterern bis heute fort. Neben den Hutterern gab es die vom schweizerischen Pazifismus geprägten Gemeinden mit oder ohne Güter-gemeinschaft, wie Goertz festhält.

Die radikale, militante täuferische Richtung in Mähren wurde offenbar aufgerieben. Die friedlichere Richtung existierte eine Zeit lang. Die Bruderhöfe mit bis zu 400 Hutterern blühten wirtschaftlich vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter der toleranten Hand Kaiser Maximilians II. auf. Die Bruderhöfe wurden in der Gegenreformation zerschlagen, die Restbestände flüchteten über verschiedene Wege in die Ukraine. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten die Hutterer nach Amerika aus.

Aus dem Kanton Schaffhausen sind teilweise noch die Namen bekannt, welche in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Mähren ausgewandert sind. Trotz der späteren Schwierigkeiten in Mähren scheinen dort trotz intensiver Vertreibungswellen Restbestände verblieben sein. Aus dem Kanton Schaffhausen sind jedenfalls bis 1628 Auswanderer mit dem Ziel Mähren bekannt.

Doch kann es auch sein, dass sie möglicherweise ihr Ziel nicht erreicht haben oder woanders hingingen oder gar nicht zu den Wiedertäufern gehörten, sondern als Nicht-Täufer in verlassene Täufer-Siedlungen zogen. Ab 1648 zogen die wenigen Schaffhauser Täufer, die es noch gab (oder es handelte sich um Neubekehrte), in die Pfalz.

Ab 1661 zogen viele Schaffhauser nach Heidelberg, doch handelte es sich offenbar nicht um Täufer. Im 18. Jahrhundert zogen viele Schaffhauser vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nach den USA, zuerst Carolina, dann Pennsylvania. In jenen Tagen zogen viele Schweizer und andere Europäer generell in die USA

Die melchioritischen Täufer (von Melchior Hoffmann) sammelten sich nach der Katastrophe von Münster 1534/35 erneut. In Münster verschanzten sich Wiedertäufer, gründeten einen eigenen Stadtstaat, ergaben sich allerlei unbeschreiblichen Verirrungen und wurden 1535 vollens aufgerieben. Münster war die grösste Katastrophe der Täufergeschichte. Andere Täufer, welche sich nach dem Münster-Ereignis sammelten, schienen noch nicht zur Raison gekommen sein, wobei das nicht für alle gilt.

Jedenfalls griffen einige Täuferhorden öffentliche Verwaltungsgebäude an und schreckten vor blutigen Taten nicht zurück, 1535 wurde versucht, das Rathaus von Amsterdam zu erobern. Die Melchioriten waren auch in Strassburg, Hessen und Ostfriesland weiterhin vertreten. Unermüdlich wirkte Menno Simons unter den Melchioriten im Nord- und Ostseeraum und sammelte sie zu Täufergemeinden. In den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts erlangte Menno die Führung über die Melchioriten, wie Goertz berichtet. Sie wurden fortan Mennoniten genannt.

Mit dem Wechsel legten die Melchioriten ihren militanten Charakter ab und wurden zu den friedlichen Stillen im Lande. Sie versammelten sich dort, wo man sie tolerierte. In der Gemeinde galt eine klare Hierarchie und eine Trennung von den Ungläubigen oder von anders Gläubigen oder anders Gläubigen, die als Ungläubige galten. Ab 1543 wandte sich Simons nach Nordwestdeutschland, besonders Rheinland, dann auch Holstein. Simons starb 1561 in Wüstenfelde bei Bad Oldesloe (zwischen Hamburg und Lübeck).

Da die Täufer in den Niederlanden verfolgt wurden, wanderten sie nach Holstein, Hamburg, Danzig oder bis nach Tilsit aus, wie Sierszyn berichtet. Sie führen dort die Tuch- und Käseherstellung ein. Der Tilsiter Käse erinnert daran.

Die Mennoniten, die Hutterer und die Schleitheimer Täufer blieben verschiedene täuferische Welten, obgleich sie sich da und dort vermischten und ineinander übergingen. Eine einheitliche Täufer-kultur konnte sich nicht entwickeln, da sie nicht an einem Ort entstanden, nicht unter der Kontrolle einiger weniger waren, die geographische Distanz die Kommunikation schwierig machte und die Verfolgung immer wieder zu neuen Improvisationen führte.

Der Hauptgrund war vor allem die Überzeugung der einzelnen Gruppen, so wie sie es machten, ist es im Unterschied zu den anderen wohl richtig. Und dies hatte nicht zuletzt die Begründung in den einzelnen Führerpersönlichkeiten, deren Charakterstrukturen zur gegenseitigen Einfügung nicht so stark geeignet waren.

An vielen Orten konnten die Täufer definitiv Fuss fassen, wenngleich nur im Verborgenen. An anderen Orten verschwanden sie so schnell wie sie kamen, sei es aus Flucht, sei es, weil das lokale Täufertum dann doch im Hauptstrom-Protestantismus aufgegangen ist.

Ende des 16. Jahrhunderts waren die Täufer in Zürich und der Ostschweiz praktisch ganz verschwunden. In der Schweiz war es vor allem das Emmental, in welchem, wohl nicht zuletzt aufgrund der geographischen Struktur, das Täufertum, wenn auch auf kleiner Flamme, überleben konnte.