Die Zürcher Täufer 1525
und ihre internationalen Auswirkungen bis in die Gegenwart

Inhaltsverzeichnis


Autor : Rolf Strasser © 2000


Das Täufertum im 19. und 20. Jahrhundert

Der Kanton Bern regelte um 1810 bis 1820 die Täuferfrage neu. Erstmals wurden die Täufer wenigstens geduldet, so lange sie nicht missionarisch aktiv waren.

Im Zürcher Oberland konnten die Täufer schon von Beginn weg Fuss fassen. Sie hatten innerhalb der Region verschiedene Schwerpunkte, die sich zu anderen Zeiten wieder verschoben. Sierszyn weist darauf hin, dass das Zürcher Oberland schon in vorreformatorischer Zeit immer wieder «Schauplatz reger Glaubensbewegungen» war. Oberhalb von Bäretswil gibt es ein Ort, der noch heute Täuferhöhle heisst, weil sich die frühen Täufer dort ungestört versammeln konnten.

Im 19. Jahrhundert bildeten sich neue täuferische Gruppen, auch da, wo keine Kontakte zu bisherigen Restgruppen der alten Täufer bestehen, sondern vielmehr in Anknüpfung an eine alte Tradition. Grund dafür ist die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts, welche viele evangelischen Gemeinschaften hervorbrachte wie seinerzeit das Täufertum.

Eine Richtung heisst evangelisch Taufgesinnte und geht auf Samuel Heinrich Fröhlich (1803-1857) zurück. Man nennt sie daher auch Fröhlichianer. Fröhlichs Vorfahren waren Hugenotten, die Protestanten Frankreichs, die 1685 durch das sogenannte Restitutions-Edikt von Ludwig XIV. definitiv aus ihrer Heimat vertrieben wurden und von denen sich viele in der Schweiz und Deutschland (auch Berlin) niederliessen.

Als Pfarrvikar im aargauischen Leutwil begann Fröhlich um 1828 erwecklich zu predigen. Dies führt zur Konfrontation mit der reformiert-kirchlichen Obrigkeit. Nach seiner Absetzung predigt er weiter mit bis zu 300 Besuchern in der Versammlung, Dutzende bekehren sich und werden von ihm getauft. Wegen der Bedrängung im Aargau geht Fröhlich ins Berner Oberland und daraufhin nach Zürich. Es entstehen erste Gemeinschaften, so auch bei Kloten und in Hirzel. Freunde von Fröhlich tragen die «neue» Lehre weiter, es entstehen in den folgenden Jahren Gruppen auch anderen Orten.

Im Zürcher Oberland rund um den Bachtel und den Allmann gab es einige Gemeinschaften, wie Sierszyn detailliert zeigt, in Bäretswil offenbar mit 28 Mitgliedern im Jahr 1844. Mittlerweile sind im Kanton Zürich 14 Neutäufer-Gemeinden entstanden. Viele zerfielen aus Lehrermangel, die meisten Mitglieder entstammten aus wirtschaftlich geschwächten Kreisen.

Die evangelisch Taufgesinnten vergrösserten sich trotz regionaler Rückschläge. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Gemeinden nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, im Elsass, Ungarn und Nordamerika. Die evangelisch Taufgesinnten waren im Rahmen der Erweckungs-bewegung eine Richtung unter vielen anderen, die neu entstanden. Die Wirkung der Bewegung war nachhaltig und lebt auch im Jahr 2000 in verschiedenen Gemeinden, Gemeindebünden und Institutionen fort, von denen viele immer noch missionarisch aktiv sind. Die Erweckungsbewegung kam in der Schweiz vor allem aus Genf, aber auch Basel und Bern und breitete sich weiter aus.

Im traditionellen Täufertum schien der missionarische Eifer Mitte des 17. Jahrhunderts erloschen zu sein. Bei den Mennoniten kam das missionarische Bewusstsein erst Mitte des 19. Jahrhunderts wieder auf. Zu jener Zeit war die im 18. Jahrhundert aufgekommene und Pietismus genannte Frömmigkeitsbewegung in ihrem Aufschwung. Der Pietismus als christliche Ausdrucksform der Romantik erfasste und erneuerte teilweise auch täuferische Gemeinden, wo es sie überhaupt noch gab, gründete im wesentlichen aber eigene Gemeinden und Werke.

1836 bestanden 14 Versammlungsorte als Folge von Fröhlichs wirken, vornehmlich im Aargauischen und in der Nordostschweiz. Die evangelisch Tauf-gesinnten wären nicht entstanden, hätte sich Fröhlich mit den Emmentalern Alttäufern, die in der Schweiz jetzt auch Mennoniten genannt wurden, einig werden können. Die progressiven Neutäufer wollten jedoch nicht so richtig in das Normengeflecht der Alttäufer hineinpassen.

Der Bruch passierte, als der erweckliche Kreis bei den Alttäufern sich von den anderen Alttäufern lossagte. Ein Fröhlichianer aus dem Toggenburg verstieg sich dahin gehend, dass die Alttäufer geistlich tot seien und sie sich erneut taufen lassen müssten. Die progressive Alttäufer-Gemeinschaft, welche sich auf dem Giebel ob Bärau versammelte, wurde von den täuferischen Ältesten aus dem Jura aus dem Kreis der Langnauer Gemeinde ausgeschlossen. Fröhlich stand zur selben Zeit mit dem späteren Gründer der Freien Evangelischen Gemeinden, Karl von Rodt (1805-1861), der in einer Berner Patrizierfamilie aufwuchs, in Kontakt.

Auch in Deutschland entstanden fröhlichianische Gemeinden, von denen diejenigen in Stuttgart und Memel zu baptistischen Gemeinden unter Oncken wurden. Von Strassburg aus breiteten sich im Elsass neue Gemeinden aus. Da Fröhlich in der Schweiz fast überall Predigtverbote hatte, konnte er sich nicht selber um die Gemeinden kümmern, was sehr oft negative Folgen für die jungen Gemeinschaften hatte.

1840 gab es in Budapest einen ersten neutäuferischen Gottesdienst. Handwerksgesellen hatten in der Zürcher Gemeinde zum Glauben gefunden. Die Neutäufer nannten sich in Ungarn Nazarener. Von da setzte die Missionstätigkeit für die Nazarener-Kirche ein, die sich bis Belgrad, zu den Donauschwaben und bis Siebenbürgen fortsetzte. Die Nazarener zählten Ende des 19. Jahrhunderts rund 6000-7000 Gemeindeglieder.

In den USA nannten sich die Taufgesinnten Apostolic Christian Church. Ende des 19. Jahrhunderts bestanden 48 Gemeinden in 14 Gliedstaaten. Dies war eine Folge des Wirkens von Benedict Weyenet, der anstelle Fröhlichs in die USA ging. Man nannte die Neutäufer dort auch New Amish.

In Paraguay siedelten sich die Neutäufer im Chaco an, wo schon viele alttäuferische Mennoniten lebten. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden durch die Mennoniten eigene Siedlungen mit eigener Infrastruktur. Die zugewanderten Alttäufer kamen vor allem aus Russland und Kanada und sprechen auch heute noch plattdeutsch mit niederländischen und flämischen Einflüssen. Heute leben rund 10'000 Mennoniten dort.

Spaltungen in christlichen Gemeinden entstehen oft an Nebensächlichkeiten. Die für die Schweiz bedeutsame Spaltung der Taufgesinnten in zwei Richtungen war nicht anders. Osteuropäische Neutäufer wanderten nach Amerika aus. Ihr Kennzeichen waren Schnurrbärte. Lippenbärte galten jedoch als Zeichen von stolzen Militär-Offizieren, von denen man sich jahrhundertelang abgrenzte und ein wesentlicher Teil täuferischer Identität wurde. Der Älteste der Schaffhauser Gemeinde siedelte in die USA und wollte mit anderen Ältesten die Schnurrbärte weghaben. Mittlerweile trugen aber auch europäische Neutäufer einen modischen Schnurrbart und waren neu in Amerika angekommen bei den dortigen Neutäufern nur teilweise willkommen, wie Ott detailliert beschreibt.

Die Folge nach 20 Jahre Auseinandersetzung war eine Trennung in eine Schnauz- und eine Nichtschnauz-Richtung, ein Riss, der oftmals mitten in der Familie verlief. In den USA nannte sich die vor allem osteuropäisch geprägte Richtung mit Schnauz Apostolic Christian Church (Nazarene) und die schnauzlose Richtung The Apostolic Christian Church of America.

1905 traf sich in Basel modernere Taufgesinnte und beschlossen, traditionelle Taufgesinnten-Gemeinden nicht mehr anzuerkennen. Auch in der Schweiz gab es fortan zwei Gruppen evangelisch-taufgesinnter Gemeinden, wobei die grössere modernere Gruppe 1985 in Zürich den Bund Evangelischer Täufer-gemeinden ETG gründete.

Auch die Schweizerischen Neutäufer waren weiterhin international im Rahmen von Entwicklungshilfe und vor allem missionarisch aktiv, im Unterschied zu früher auch in Afrika und Ozeanien. 1984 schlossen sich die gemässigten Neutäufer auf westeuropäischer Ebene neu zusammen. Zur ETG gehören in der Schweiz im Jahr 2005 23 Gemeinden, in Deutschland zehn und in Frankreich deren drei. Zur Schweizer ETG gehören rund 2500 Personen. Die ETG sind Mitglied im evangelischen Freikirchenverband VFG.

Schweizerische Versammlungsorte der ETG-Täufer sind heute: Au (bei Wädenswil), Bachenbülach, Basel, Bern, Bischofszell, Chaindon, Diessbach bei Büren, Erlen, Erlenbach, Genf, Grub, Hombrechtikon, Langnau im Emmental, Mettmenstetten, Pfäffikon ZH, Rothrist, Rümlang, Rüti ZH, Schlieren, Stäfa, Uster, Wolhusen und Zürich. In Deutschland: Bretzfeld-Scheppach, Karlsruhe-Durlach, Kolber-moor-Schlarbhofen, Lauffen a. N., Lörrach, Ludwigsburg, Neuhütten, Berglen-Oppelbohm, Siegelsbach, Spaichingen und Überlingen-Bambergen. In Frankreich: Mulhouse und Bischwiller.

Von den älteren evangelisch-Taufgesinnten, welche nach der Spaltung nicht zur ETG-Richtung gehören, sind keine Versammlungsorte bekannt.

Neben den Neutäufern, welche sich um Fröhlich herum im 19. Jahrhundert bildeten, ging die Geschichte der Alttäufer (Mennoniten) ebenso weiter. Der erste Kanton, welcher im 19. Jahrhundert besonders fortschrittlich bei der religiösen Toleranz war, war Basel-Stadt. Dies half den Mennoniten, aber auch den Pietisten. 1847 wurde es den Mennoniten dort erlaubt, ein eigenes Bethaus zu erstellen. Die Mennoniten treffen sich noch heute dort an der Holeestrasse 141 in Basel.

Mennoniten-Gemeinden in der Schweiz gibt es heute vor allem in den Kantonen Jura und Bern, nämlich in Bassecourt, Bern, Brügg bei Biel, Cormoret, Courgenay, Delémont, Kleintal-Moron, La Chaux-d'Abel, La Chaux-de-Fonds, Langnau im Emmental, Le Bémont, Liestal, Münchenstein, Muttenz, Schüpbach, St-Imier, Tavannes und Tramelan.

Die Kirche des Nazareners findet man heute in der Schweiz in Schaffhausen und dem benachbarten Neuhausen am Rheinfall.

Aber auch ausserhalb der Schweiz ging die Geschichte der Täufer und Mennoniten weiter. Nach der russischen Revolution wird es für die dortigen Gläubigen schwieriger und sie wandern wieder zurück nach Westeuropa oder die beiden Amerika, wie Sierszyn berichtet.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Fall der Berliner Mauer Ende des 20. Jahrhunderts fanden über 80'000 mennonitische Rückwanderer in Deutschland eine neue Heimat.

In Österreich gibt es acht Gemeinde, welche in der Mennonitischen Freikirche in Österreich MFÖ mit Sitz in Wels zusammengeschlossen sind. Zusammen mit zwei deutschen Gemeindebünden bildet die MFÖ den Bund der Europäischen Mennoniten-Brüdergemeinden und gehört weltweit zum International Committee of Mennonite Brethren ICOMB. Ausserdem gibt es in Österreich eine ganze Reihe von Baptistengemeinden, welche seit 1953 zusammengeschlossen sind, seit 1998 aufgrund des neuen österreichischen Religionsgesetzes als staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft. 1200 Mitglieder zählen die Baptisten in Österreich, die regelmässige Gottesdienst-Besucherzahl beträgt etwa 2000.