William Wilberforce (1759-1833)
Kämpfer gegen die Sklaverei in England

EFB-Textarchiv


Autor : © Rolf Strasser 2005


William Wilberforce (1759-1833)
Kämpfer gegen die Sklaverei in England


Einleitung

In der Geschichte der Sklaverei-Abschaffung fällt für England oft der Name William Wilberforce. Die Sklaverei konnte bis heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht ganz abgeschafft werden. Vor allem in der arabischen Welt wird sie da und dort noch praktiziert. Viele Zustände zum Beispiel auf landwirtschaftlichen Plantagen in Südamerika, Afrika und Asien sind zudem kaum weit von dem, was wir als Sklaverei bezeichnen. Sklaverei ist die totale Unterdrückung von Menschen, denen die eigenen von Gott direkt verliehenen und dadurch unveräusserlichen Rechte ganz oder teilweise genommen worden sind, damit sich andere durch ihre Arbeit bereichern können. Schlimmer als die Sklaverei sind nur noch die Konzentrationslager als Menschenvernichtungs-Fabriken unter den Faschisten oder die Arbeitslager, wie sie unter den Kommunisten so oft organisiert wurden.

Wilberforce kam schon als Kind durch eine Tante unter den Einfluss der evangelikalen Erweckungsbewegung in der anglikanischen Kirche. Der Vater war im Baltikum-Handel tätig, starb aber schon, als William erst acht Jahre alt war. Die Wilberforces gehörten zu einer alten Landbesitzer-Dynastie in Yorkshire. Wilberforce war hilfsbereit und lernte vor allem als Autodidakt eine ganze Menge. Durch ein Erbe konnte er sich der Politik widmen. Er setzte sich für die konfessionellen Minderheiten ein, half der Landwirtschaft und den Kindern durch die Begrenzung der Arbeitszeit. Die Kinderarbeit war noch nicht verboten. Er unterstützte viele karitative Einrichtungen finanziell. Einen wesentlichen Teil seines Lebens widmete er dem Kampf gegen den Sklavenhandel und dann auch gegen die Sklaverei an sich. 1789 hielt er seine erste Anti-Sklaverei-Rede im Parlament. Der Sklavenhandel im British Empire wurde aber erst 1807 verboten. Durch Krankheiten geschwächt - Wilberforce kränkelte schon als Kind - musste er sich zurückziehen und starb 1833. Am 5.8.1833 wurde er als hoch geachteter Staatsmann in der Westminster Abbey in London beigesetzt. Am 31.7.1834 wurden die Sklaverei abgeschaft und 800'000 Menschen im Empire die rechtliche Freiheit geschenkt. Die Meldung erhielt Wilberforce schon im Juli 1833, dass die Freilassung innert eines Jahres erfolgen soll.

Ein Sohn von Wilberforce wurde anglikanischer Bischof, die drei anderen wurden Katholiken. Wilberforce gehörte zu denjenigen erweckten Kreisen im Anglikanismus, die vom Methodismus mitbeeinflusst wurden und in der Literatur polemisch als "Clapham Sect" klassifiziert wurde, die im Londoner Stadtteil Clapham um einen Bankier entstand. Dazu gehörten Menschen aus der Oberschicht, die sozial und missionarisch aktiv waren. Wilberforce war zunächst mehr ein Redner als ein Schreiber. Trotzdem hatten zuletzt vor allem seine Schriften einen beachtlichen Einfluss auf die Kultur vieler Menschen, auch in anderen Ländern.


Der Sklavenhandel

Der Sklavenhandel wurde oft im Dreiecks-Handel abgewickelt. Schiffe brachten aus Afrika Sklaven nach Amerika, wo sie in den Plantagen arbeitetet. Viele Sklaven starben schon bei ihrem Überfall oder auf der Reise. Die Schiffe waren schwimmende Konzentrationslager. Von Amerika gingen landwirtschaftliche Produkte nach Europa, die aus der Sklavereiwirtschaft stammten. Vor allem Zucker und Baumwolle spielte eine Rolle. Von Europa aus wurden Textilien, Glasperlen, Werkzeuge und allerlei anderes nach Afrika gebracht. Für den Überfall der Afrikaner in ihrer Heimat waren oft andere afrikanische Stämme und arabische Händler verantwortlich. Der arabische Kulturkreis hat die längste Sklaverei-Tradition. Die englischen Schiffe machten zur Zeit von Wilberforce oft den grössten Teil der Sklaverei-Schiffe aus, wobei sich die Märkte laufend änderten wie überall in der Wirtschaft. Oft kam es vor, dass die Hälfte der armen Menschen gar nicht am Zielort ankam und die andere Hälfte war oft mehr tot als lebendig.

Die Kolonien in Amerika verlangten dauernd nach mehr Arbeitskräften. Die Kolonien gehörten den britischen, französischen und spanischen Besatzern, aber auch Holländern und Portugiesen. Die Kolonialmächte bekämpften sich untereinander oft, zur Tarnung auch durch offiziell autorisierte Freibeuter-Schiffe. Da die Kapitäne auf den staatlichen und Freibeuter-Schiffen ihre Matrosen oft fast so schlecht behandelten, gab es Meutereien und ein Teil des Personals wurde als Piraten beruflich selbständig. Diese waren oft weniger unmenschlich organisiert und hatten teilweise sogar sozialversicherungsähnliche Verträge untereinander. Diese waren selber nicht im Sklavenhandel tätig, sondern jagten den reichen Europäern die Schätze ab. Es gab Wirtschaftsstrukturen, die ausschliesslich von der Belieferung der Schiffe mit Waren lebten. Da sind zum Beispiel die Bukaniere, welche Fleisch am Spiess brateten, woher die Bezeichnung stammt und die Ware an die Schiffe lieferten. Irgendwann müssen sie auf die Idee gekommen sein, wenn wir schon auf dem Schiff sind, übernehmen wir doch gleich das Kommando. So wurden die Bukaniere gefürchtete Piraten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach einem Krieg zwischen den Kolonialmächten erhielt England im Vertrag von Utrecht von 1713 praktisch das Monopol des Sklavenhandels mit Amerika. England erhielt im Gegenzug die Pflicht, Spanien während 30 Jahren mit mindestens 144'000 Sklaven zu beliefern. Der Wohlstand in England wie in den anderen europäischen Seefahrer-Staaten war nunmehr eine wesentliche Folge der Unterdrückung der Afrikaner. Nachvollziehbar, warum das englische Parlament auf die ersten Reden von Wilberforce nicht gleich reagierte. Die Parlamentarier rechneten vor, dass die Abschaffung des Sklavenhandels in England eine Wirtschaftskrise auslösen würde. Von den Parlamentssitzen, die käuflich erwerbbar waren (!), gingen viele an solche weg, die von der Sklavereiwirtschaft lebten. Trotzdem gab es die unabhängigen Stimmen. Schon 1772, als einige Jahre bevor William Wilberforce im Parlament tätig war, erklärte das Oberste Gericht in England die Sklaverei auf den westindischen Inseln, also in der Karibik, für illegal. Starke Stimmen gegen die Sklaverei waren die Quäker und eine Schrift des Methodismus-Gründers John Wesley. Aktuelle Ursache des Aufbegehrens war, dass ein Kapitän 1782 132 Sklaven über Bord warf, um die Schiffsversicherung zu betrügen. Es gab durchaus Politiker, die aus menschlichen Gründen gegen die Sklaverei waren, aber aus Angst vor den Folgen wie Prestige- und Stellungsverlust zum Unrecht schwiegen. Der Karriere-Wunsch kann ja so manches verderben, wie immer und überall in der Menschheits-Geschichte.

Das Umdenken

Als junger Parlaments-Abgeordneter und reicher junger Mann liebte Wilberforce das Theater und auch das Glücksspiel. Unter dem Einfluss des erwecklichen Predigers John Newton, der in seinem alten Leben Kapitän eines Sklavenschiffs war, erlebte Wilberforce eine geistige Erneuerung. Er wurde anders und verzichtete fortan auf einige der weltlichen Vergnügungen, die ihm bisher so viel Abwechslung bereitet hatten. Auch ging zu seinem innigen Freund Pitt auf Distanz. Pitt war einer der grössten britischen Staatsmänner jener Zeit war.

Diese persönliche Umkehr zu einem bewussten Leben als Christ gab Wilberforce, der vorher kein ungerechter Mensch war, den nötigen Antrieb, um den langen Kampf gegen die Sklaverei aufzunehmen. Die Argumente der Sklaverei-Befürworter konnten schrill sein, das Recht auf Eigentum und Freiheit wurde bemüht. Dass Sklaven auch Träger dieser Freiheiten sind, muss ihnen unter der heissen Perücke entgangen sein. Wilberforce brachte das Anliegen regelmässig mit einem kleinen Unterbruch von 1800-1803 ins Unterhaus. Steter Tropfen höhlt den Stein. 1804 endlich war wenigstens die Mehrheit des Unterhauses (House of Commons) für die Abschaffung des Sklavenhandels.
Durch eine schwere Erkankung Wilberforce's kämpfte sein Freund Pitt weiter für ihn. Am 25.3.1807 endlich beschloss das Parlament mit 283:16 Stimmen das Verbot des Sklavenhandels.

England setzte sich fortan auch international dafür ein, dass andere Länder ebenso ein Verbot aussprachen. England sollte ja keine wirtschaftliche Nachteile haben. Ein Vorteil war zu jener Zeit die Neuordnung Europas nach dem Zerfall des Napoleonismus und die Verhandlungen am Wiener Kongress 1815. 1817 verboten Spanien und Portugal den Handel. 

Die Moral war zerrüttet

Eine Gesellschaft, welche die Sklaverei zulässt, ist auch in anderen Bereichen zerrüttet. England übernahm aus Paris allerlei Unsitten und Moden, aber auch die überaus freiheitlichen Vorstellungen von Ehe. Der Kontrast zwischen der Völlerei der Reichen und der eklatanten Armut der Unterschicht war so schrill, dass es auch einem durchschnittlichen Aristokraten nicht verborgen bleiben konnte. In einer Proklamation setzte sich Wilberforce auch dafür ein, in dem die Bürger zu einer einfacheren Lebensart aufgefordert wurden. Natürlich kam das den Leuten teilweise in den falschen Hals. Die Reichen sollen sich doch zuerst ändern. bevor man den Armen Vorschriften mache. Aber es gab auch persönliche Anfeindungen. Er würde seine Frau schlagen und sei mit einer "Negerin" verheiratet. Dabei war er doch Junggeselle, bis 36 jedenfalls. Wenn Wilberforce nicht gegen die Sklaverei gekämpft hätte, wäre eventuell Pitts Nachfolger als Premierminister geworden. Doch was zählt ein irdisches Amt gegen das Amt, das einer göttlichen Empfindung folgt? Nichts bis gar nichts. 1825 lehnte Wilberforce ein Adelstitel ab. Er blieb bescheiden. Durch sein grosses Beziehungsnetz hatte er aber einen grossen Einfluss. Eine Zeitgenossin meinte: "Er lebt in solcher Zurückgezogenheit, dass er nie mehr als 33 Gäste zum Frühstück hat."

Die politische Kultur von Wilberforce und den anderen aus dem Clapham-Zirkel zeigte sich in anderen Gebieten der Staatstätigkeit seine Wirkung. Strafrecht und Gefängniswesen wurden reformiert. Sie setzten sich auch für die allgemeine Schulbildung ein. Zu dieser Zeit war das für viele noch eine ungeheuerliche Forderung. Die Gewöhnlichen könnten ja widerspenstig und frech werden. Wilberforce und seine Leute setzten sich ein für die Missionierung Indiens, das damals ein Teil des British Empire ware. Die Entfremdung der Briten von der Heimat hatte die Unsittlichkeit derart gefördert, dass unter den Indern die Meinung herrschte, das Christentum müsse ja eine ziemlich teuflische Religion sein. Die christliche Mission im eigentlichen Sinne sollte das wieder korrigieren. Nach einem Aufstand in Indien von 1806 gab es im Parlament jedoch die Meinung, jede christliche Missionierung sei dort zu unterlassen, damit der Handel nicht beschädigt würde. Das Geld war den Meisten doch wichtiger als die ewige Errettung der armen Seelen. Ein wichtiges Element in der Hebung der Sittlichkeit in England selber lag in der politischen Mitbeteiligung der Gewöhnlichen durch die Einreichung von Bittschriften (Petitionen). Diese Methode wird bis heute gepflegt und hatte auch in der späteren Abschaffung der Kindarbeit eine wichtige Wirkung.

Eine wichtige Eigenschaft von Wilberforce war seine Freundlichkeit, aber auch das Fehlen von Angst um sein eigenes Schicksal. Das machte ihn innerlich frei. Einst brachte er ein Antrag ein, der unsinnige Zweikampf (Duell) solle doch verboten werden, weil er Angst um seinen Freund Pitt hatte, der sich duellierte. Er zog den Antrag jedoch zurück, als er ahnte, dass sein Freund Pitt dadurch politisch erledigt sein würde.



Das Ende

Einer seiner Söhne verlor in der Landwirtschaft das investierte Geld. Im Alter war Wilberforce relativ arm, materiell gesehen. Zuvor kam er mit einem Freund gemeinsam für die Pension der Wittwe von Charles Wesley auf, dem Bruder des grossen Erweckungspredigers John Wesley.

Wilberforce verhalf England, doch richtiger und wichtiger wäre zu sagen, Gott verhalf England auch und wesentlich durch Wilberforce und auch durch seinen Zeitgenossen Lord Shaftesbury zu seiner so dringend benötigten kulturellen Klima-Erwärmung. Davon profitiert Grossbritannien heute noch. Die enge Verbindung zwischen Parlament und dem Volk stammt aus der Zeit der Kampagne gegen die Sklavengesetze. Hätten England und die anderen Kolonialmächte sich nicht von der Sklaverei befreit, wären sie moralisch so stark zerfallen, dass sie als Länder untergegangen wären. Das alte Rom ist an eben diesem Übel untergegangenn. Die Sklaverei hatte damals viele Wirtschafts- und Sozialstrukturen in einem überaus grossen Ausmass zerstört.


Wilberforce wie viele seiner Zeitgenossen hatten sich vom Gewissen Gottes berühren lassen. In diesem Sinne waren Wilberforce und die treuen Frauen und Männer an seiner Seite ein Geschenk Gottes nicht nur an England, sondern an die ganze Menschheit. Danke Gott, danke.



Quellen

Belmonte Kevin, Hero for Humanity, A Biography of William Wilberforce, Navpress Colorado Springs CO 2003
Bily Lothar, William Wilberforce, in Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, www.bautz.de/bbkl/
Lean Garth, Wilberforce, Lehrstück christlicher Sozialreform, Brunnen-Verlag Giessen und Basel 1974