Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der USA nach dem Sezessionskrieg
Da sich die USA schnell nach Westen vergrösserten, gab es in der Landwirtschaft einen Arbeitskräftemangel, welcher die Mechanisierung förderte. Die Landnahme erfolgte jeweils in verschiedenen Wellen. Nach den wilden Siedlern folgten die Jäger und Viehzüchter, dann die Farmer und schliesslich Händler, Handwerker und Bodenspekulanten. Die Westwanderung wurde beschleunigt durch den Goldrausch in Kalifornien 1848/49. Dieser Rausch ist verbunden mit dem Schicksal des 1834 ausgewanderten Schweizer Bankrotteurs Johann August Sutter. Er erwarb sich in Kalifornien riesige Gebiete, die er Neu-Helvetien nannte. Seine Farm hatte nach 13 Jahren 200 Millionen Dollar wert. Sutter starb jedoch wieder als armer Mann. Eines Tages fanden Angestellte, die den Brunnen vergrössern sollten, Gold in der Erde. Sein Land wurde daraufhin durch tausende von Goldsuchern verwüstet. Der Goldrausch hat die Ausbreitung der Union nach Westen massgeblich beschleunigt.
Ein Detail aus dieser Zeit mag interessieren. Viele Goldsucher verloren viel Geld, weil sie nur investierten, aber kein Gold fanden. Andere fanden welches, verprassten es aber gleich wieder mit Alkohol und Hurerei. Diesem Umstand ist es wesentlich zuzuschreiben, dass viele schnell entstandenen Goldgräberorte zu Geisterstädten wurden, wo sie noch heute, teilweise als Reality-Museum erhalten, betrachtet werden können. Natürlich wären auch viele Orte ohne Alkohol und Hurerei wieder niedergegangen. Das Geld wurde jedoch allzu oft verschwendet, statt etwas Nachhaltiges aufzubauen und die Ortschaften auch dauerhaft am Leben zu erhalten. Dadurch verloren mehr Menschen ihre Arbeit wieder, als es unbedingt nötig gewesen wäre. Daraus sehen wir, dass die Rede der Kirchen gegen solche "sündigen Zustände" nicht immer nur erstarrte konservative Moralkritik ist, sondern vor den gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen warnt. Die Resistenz gegenüber der Moral haben immer wieder Menschen mit nackter Armut und grossem Elend und Verzweiflung bezahlen müssen.
Ein grosser Gegensatz innerhalb der USA bestand jedoch nicht zwischen Ost und West, sondern vor allem auch zwischen den nördlichen Industrie- und den südlichen Plantagenstaaten. Der Norden forderte die Abschaffung der Sklaverei. Diese war vor allem im Süden in der arbeitsintensiven Landwirtschaft verbreitet. Nach verschiedenen Kompromissversuchen separierten sich elf Südstaaten und bildeten ab 1861 die Konföderierten Staaten von Amerika. Um die Trennung der Union zu verhindern und um den Europäern keinen Anlass zum Eingreifen zu geben (Grossbritannien und Frankreich waren von den Agrarerzeugnissen der Südstaaten abhängig), folgte von 1861 bis 1865 der Sezessionskrieg. Die Sklavenfrage drang in den Hintergrund, es ging vor allem um die Einheit der Union. Der von den Unionisten gewonnene Krieg forderte über 600 000 Menschenleben und ruinierte den wirtschaftlich ohnehin schwächeren Süden durch die Kriegsverwüstungen weitgehend. Grossbritannien musste seinen Baumwollbedarf vermehrt in Ägypten und Indien decken, da die Produktion in den Südstaaten massiv zurückging (das führte zu Folgeproblemen: die Inder wurden gezwungen, aus indischer Baumwolle in England hergestellte Stoffe zu kaufen, was ihre wirtschaftliche Not durch die britische Kolonialmacht unnötig hinauszögerte). Dies verringerte den Umfang der Exporterlöse nachhaltig. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurden die Spannungen zwischen Angehörigen der verschiedenen Rassen zu einem grossen ungelösten Problem, was bis heute deutlich zu spüren ist.
Die USA verwandelten sich unter der Führung des Nordens allmählich zur industriellen Wirtschaftsmacht. Der Sezessionskrieg gilt als Schwelle vom ehemaligen agrarisch dominierten zum allmählich industrialisierten Land. Der Bau von Eisenbahnen und Fabriken hatte vereinzelt aber vor dem Krieg begonnen. Bereits 1870 gab es die erste durchgehende Eisenbahnlinie von Ost nach West, von Boston nach Oakland, und 1874 fuhr in New York die erste elektrische Strassenbahn. 1884 sah man die ersten, vorerst noch zehnstöckigen Hochhäuser in Chicago. Mit der Industrialisierung ist auch die Machtkonzentration in den Händen einiger weniger verbunden. Bekanntestes Beispiel ist John D. Rockefeller, der 1879 seine Standard Oil Company gründete und bald 95 Prozent der Ölraffinerien in seinen Besitz aufnehmen konnte. 1890, also erst 25 Jahre nach Ende des Sezessionskrieges, übertraf der Wert der produzierten Industriegüter bereits das Doppelte der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Der Bankier Morgan gründet 1901 die U.S. Steel Corporation mit einem Eigenkapital von 1,45 Milliarden Dollar. Anfangs des 20. Jahrhunderts kontrollieren 445 Trusts drei Viertel der Industrieproduktion. Dank verbesserten Methoden wuchs jedoch auch die landwirtschaftliche Produktion, so dass die USA wieder zum bedeutenden Exporteur von Getreide werden. Das Volksvermögen beträgt 1850 noch sieben Milliarden, 1912 aber bereits 186 Milliarden Dollar.
Was in den USA zählt, ist der Erfolg. Wer arm ist und keinen Erfolg hat, gilt als schluddrig und faul und ist demzufolge selber an seiner Situation schuld. So gehörte auch die Armut zur Gesellschaft der USA, und die Kriminalität ist für nicht wenige die einzige Möglichkeit des Überlebens - was sich heute teilweise wiederholt. Die Ursache für die verbreitete Armut lag in einer ein rundes Vierteljahrhundert andauernden Krise (trotz des rasanten Anstiegs des gesamten Volksvermögens). An deren Anfang steht der Zusammenbruch der Cooke-Bank 1873. Darauf geriet das Gewerbe und der einfache Mann in Schwierigkeiten. Damit verbunden waren Steuererhöhungen, Lohnkürzungen und vereinzelt auch Streiks, die manchmal sehr blutig endeten. Unter Wirtschaftshistorikern sieht man in den USA die blutigste und gewalttätigste Arbeitsgeschichte unter allen Industrienationen. Als 1894 Streikende den Bahnhof von Chicago, Gebäude der Weltausstellung und 700 Eisenbahnwagen verbrannten, gab es natürlich allerhand Unmut in der Gesellschaft.
Auffallend ist, dass viele Kirchen oder deren Vertreter die Streikenden prinzipiell stärker kritisierten als die sozialdarwinistischen Zustände in der Wirtschaft, was als wesentlicher Grund zur fortschreitenden Säkularisierung weiter Gesellschaftskreise angesehen werden muss. Es müsste untersucht werden, inwieweit die liberale Theologie indirekt zum Sozialdarwinismus beigetragen hat, indem sie die Schöpfungslehre und damit den Menschen als Ebenbild eines heiligen und gerechten Gottes verwarf und so den evolutiven Aspekt, die Macht des Stärkeren auch in der Wirtschaft als das sogenannt Gottgewollte hinstellte. So sehr sich kirchliche Kreise individuell und punktuell zwar um die Linderung der Armut intensiv bemüht hatten, so scheinen ihnen jedenfalls nur selten, wenn überhaupt, grosse Entwürfe zur Veränderung hin zu einer humaneren Wirtschaft gelungen zu sein. Natürlich wäre es zu einfach, den theologisch liberalen Kreisen den Schwarzen Peter alleine in die Schuhe schieben zu wollen, dazu ist die Wirklichkeit zu kompliziert.
Auch Walter Rauschenbuschs Theologie für ein soziales Evangelium (Social Gospel), welche 1917 veröffentlicht wurde, ging von einem evolutiven Ansatz aus. Sie forderte die Entwicklung der Gesellschaft, vergass aber die christliche Hoffnung auf eine Ewigkeit bei Gott. Rauschenbuschs Überreaktion ist aufgrund der aktuellen Umstände überaus verständlich. Trotzdem distanzierte sich von ihm auch ein Martin Luther King in den fünfziger Jahren, der richtig erkannte, dass vor allem die Seele von den Zwängen der Gesellschaft befreit werden müsse, notfalls durch grundlegende Veränderungen. Die Diesseits- wie die Jenseitshoffnung müsse immer gepaart werden, um die christliche Hoffnung nicht unzulässig einzuengen. Von daher war Martin Luther King näher beim biblischen Denk-Ansatz als Rauschenbusch, weil er damit zuerst den allergrössten Feind der wirtschaftlichen und sozialen Aufwärtsentwicklung bekämpfte: die Angst.
Die grossen Veränderungen hin zu einer sozial besser abgefederten Gesellschaft in den USA kamen im Verlauf des 20. Jahrhunderts nicht durch die Kirchen, sondern vor allem durch die Gewerkschaften zustande. Das Aufbegehren gegen bestehende Zustände in der Gesellschaft wurde durch die Kirchen durch ein dem gesellschaftlichen Umfeld und nicht einem der Bibel entliehenen Obrigkeitsverständnis meistens gedämpft oder sogar vehement bestritten. Natürlich gab es auch in der kirchlichen Landschaft in den verschiedenen Denominationen und Gegenden ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Ansichten zu diesen Fragen. Dass eine zu starke Stellung des Kapitals und eine zu schwache des Wirtschaftsfaktors Arbeit zu einer ungerechten Wirtschaft führt und zu einer Entwicklungshilfe von den Armen an den Mittelstand und vom Mittelstand an die Reichen (bereits 1890 besassen in den USA ein einziges Prozent der Bevölkerung mehr Kapitalien als die restlichen 99 Prozent zusammen), wurde jedoch auch von der Theologie zu wenig durchschaut und konnte von den Kirchen daher nur sehr mangelhaft angegangen werden. Dazu kam der gesellschaftliche Widerstand gegen diejenigen, welche das Unrecht anprangerten, vor allem aus der Oberschicht. Den eigenen Wohlstand mit Hilfe der Bibel zu verteidigen, vor allem mit Bezug auf das willige Untertanensein vor der Obrigkeit, das passierte in jener Zeit allzu leichtfertig. Die Bibel sagt das Umgekehrte ja auch: "Stelle Deine Glieder nicht in den Dienst der Ungerechtigkeit". Auch diese Stelle zu zitieren, war gar nicht Mode und ist es auch heute noch oft nicht.
Die Anti-Trust-Gesetze wurden einseitig gegen die Gewerkschaften ausgelegt. Die Macht-Konzentration der Arbeiter- und Angestelltenschaft in den Gewerkschaften wurde in verschiedenen Prozessen als unliebsame Machtballung ausgelegt. Die grossen Firmen-Konglomerate mit ihrer Monopol-Stellung, welche das Gewerbe nachhaltig negativ beeinflussten, wurden durch die gängige Auslegung der Kartellgesetze kaum zurückgebunden, was aus heutiger Sicht als absurd und skandalös anmutet, ein Liberalismus, der für alle gilt, solange sie zu den Reichen und Schönen gehören.
Die USA wurde im Grunde von einer sehr ungerechten Gesellschaftsordnung getragen, was ihre Spuren auch bei den Christen hinterliess. Archetypisch ist das Verhalten des Quäkers Herbert Clark Hoover, der von 1921 bis 1928 Handelsminister war. Hoover hatte sich sehr verdient gemacht als Organisator des Quäker-Hilfswerks und seinen Aktionen im kriegsverwüsteten Europa. Derselbe Hoover lehnte aber auch jegliche staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab und postulierte irrigerweise, wenn die Ökonomie unbeeinflusst sei, werde auch die Armut besiegt. Sein Glaube an eine bestimmte ökonomische Ideologie statt an die biblische Gerechtigkeit verhinderte eine positive Einflussnahme in der Politik.
Sein Verhalten ist deshalb archetypisch für sehr viele Anhänger der evangelisch-konservativen Bewegung, weil man sich persönlich sehr für die Armen engagieren kann, bei den grossen Entwürfen in der Gesellschaft aber die Rolle des Duckmäusers und des Ja-Sagers einnimmt und jede Ungerechtigkeit offenbar als das Richtige und Gottgewollte unkritisch hinnimmt. Diese als ausgewogen empfunde Haltung ist schizophren und charakteristisch für die evangelisch-konservative Bewegung in vielen Ländern. Der richtige individualistische Ansatz da wo es um den Glauben geht, nämlich dass sich jeder für Jesus Christus entscheiden muss und nicht Christ werden kann, nur weil er getauft ist, wird auf unzulässige Art auch in weltliche Bereiche hinüber verlängert. Dadurch wird der individualistische Fleiss als alleinige Quelle des Wohlstands angesehen. Es wurde vergessen, und es ist bei den Fundamentalisten, etwas weniger bei Evangelikalen, noch so, dass politische Gerechtigkeit als systemisches Handeln relativ schnell als marxistisch abgetan wird. Dadurch machen sich die Konservativ-Religiösen zu Handlangern einer säkularen Ideologie, welche sie durch eine einseitige Betrachtung der biblischen Gerechtigkeit mit religiösen Denkmuster untermauern. Dabei ist es doch einleuchtend, dass indivudalistisches und gezieltes systemisches Handeln in der Politik zusammen die grösstmögliche Aussicht auf einen grösstmöglichen Erfolg für möglichst Viele bringt. Dieses Beispiel zeigt, dass auch bei den Evangelikalen die Eigendynamik der eigenen Bewegung ebenso zur Religion wird und heute schon teilweise an den gleichen Erstarrungen leidet, die sie heute anderen christlichen Denominationen und Bewegungen vorwirft. Bei den Fundamentalisten ist dies verstärkt der Fall.
Zurück zur Wirtschaftsgeschichte: Einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten die USA durch den Weltkrieg von 1914-1918. Da die Kriegsführung moderner - und auch grausamer geworden war - stieg die Nachfrage nach amerikanischem Kriegsmaterial in Europa wesentlich. Nach Deschner stieg die Zahl der Werften in den letzten beiden Kriegsjahren von 61 auf 314, die der Werftarbeiter von 45 000 auf 380 000, die Tonnage für den Bereich Aussenhandel von 2,2 Mio. Tonnen auf 8,7 Mio. Tonnen. Die Reedereien in den USA, die für ihre Regierung produzierten, machten 90 Prozent Gewinn. Natürlich war das Vermögen der kriegführenden Ländern in Europa infolge der Beschaffung von Rüstungsgütern schnell aufgebraucht, sodass die Alliierten bei amerikanischen Banken entsprechende Kredite aufnahmen. Die Gesamtproduktion der USA wuchs während des Ersten Weltkrieges um 15 Prozent, der Export wuchs um das Dreifache, der Exportüberschuss um das Achtfache. Zwischen 1900 und 1920 verzehnfachte sich, vor allem infolge des Ersten Weltkrieges, das Budget der Regierung. Das Volkseinkommen wuchs in diesem Zeitraum von 28 auf 61 Milliarden Dollar. Dadurch wuchs die Verflechtung zwischen den Industrie- und den Finanzkreisen sowie ihr Machtpotential noch weiter. Die Kriegsgewinne gingen in erster Linie an eine schmale Gesellschaftsschicht der oberen Zehntausend. Die USA als solche wurden dadurch vom Schuldner- zum Gläubigerland.
Trotz des finanziellen und militärischen Engagements im Ersten Weltkrieg betrieb die USA bis dahin eine isolationistische Politik, die vor allem im Aufbau des eigenen Landes und nicht auf der Weltbühne ihr primäres Anliegen sah. Die zwanziger Jahre brachten denn auch eine Hochkonjunktur, die begleitet war mit einer Teuerung, die einmal mehr die Minderbemittelten benachteiligte. 1930 besassen nur 200 Gesellschaften 50 Prozent des Industrievermögens. Zwischen 1923 und 1929 stiegen zwar die Fabrikantengewinne um 65 Prozent, Arbeiter und Angestellte verdienten im Durchschnitt aber nur 11 Prozent mehr, und die Arbeitslosigkeit war immer noch weit verbreitet. In der Politik wurden die für die Reichen lästigen Sozialgesetze der Administration Wilson, wie die Regelung des Minimallohnes für Frauen oder die Gesetze gegen die Kinderarbeit wieder rückgängig gemacht. Durch die weitere Kartellisierung verschwanden viele Gewerbebetriebe.
Eine logische Folge in solchen Zeiten ist die Projizierung der eigenen Ängste auf andere, die man als bedrohlich erlebt und bekämpfen muss, auch solche, die objektiv keine Gefahr für das eigene Wohlergehen darstellen. Nachvollziehbar, dass der Konservatismus in allen seinen Schattierungen regen Zulauf hatte, um sich gegen die schnellebige und für viele wirtschaftlich schwierige Zeit zu wehren. Eine gefährliche Zuspitzung erlebte ein Teil dieses Konservatismus zweifelsohne im Geheimbund Ku-Klux-Klan, welcher damals 4,5 Millionen Mitglieder zählte. Christliche und zivilreligiöse Gedanken wurden hier zusammen mit rassistischen Ideologien zu einer eigenen (Irr-)Lehre zusammengekittet, welche die Überlegenheit der eigenen Rasse, nämlich die der angelsächsischen weissen Christen, gegenüber anderen Ethnien und Weltanschauungen postulierte. Es ist ja immer besonders gefährlich, wenn Wahrheit und Lüge zu einer Ideologie zusammengefilzt werden. Dies war auch hier der Fall. Die Gegner des Klans und auch ihre Opfer waren Schwarze, Juden, Katholiken und Liberale. Durch die Unruhen des Klans in Oklahoma musste 1923 sogar das Kriegsrecht ausgerufen werden, um wieder Ordnung zu schaffen.
Da die USA nach dem Ersten Weltkrieg zum Finanzzentrum geworden waren und das Geld in Strömen floss, vergaben die Banken ihre Kredite allzu leichtsinnig, vor allem nach Europa. Da das Vermögen in den USA kaum breit gestreut und der Mittelstand keineswegs so finanzkräftig war, wie wir das aufgrund unserer eigenen Situation hier und heute vielleicht anzunehmen versucht wären, ging seit 1927 die industrielle Produktion zurück. Der Bumerang, dem Mittelstand keine nachhaltige Existenz zu geben, kam mit voller Wucht zurück. Vor allem Autos und Konsumgüter wurden weniger gekauft. Der Mega-Boom im Bau- und Grundstücksgeschäft führte zu einer grossen Schuldverschreibung. Der Konsum wurde bisher vor allem auf Pump getätigt. Dies führte zu einer Aufblähung der ganzen Wirtschaft, die Aktienkurse stiegen ins Irreale, ohne dass dahinter eine gleichwertige Substanz in den Firmen bestanden hätte. Eine Korrektur war daher überfällig. Wie diese allerdings zustande kam, war ein Schock und dies nicht nur für die USA, sondern in seinen Rückwirkungen auch auf andere Weltgegenden, vor allem aber für Europa. Am Schwarzen Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, fielen Dutzende der wichtigsten Aktienkurse. Als die Europäer dies am anderen Morgen realisierten, war es schon Freitag. Daher sprechen wir in Europa vom Schwarzen Freitag. Innert zwei Wochen schrumpften die Aktienwerte um 26 Milliarden Dollar, eine Katastrophe sondergleichen. Viele verloren Haus und Einkommen. US-Präsident war damals übrigens der schon erwähnte Quäker und ehemalige Handelsminister Herbert Clark Hoover, er amtierte von 1929 bis 1933. Zum 1. Mai 1930 sagte er, «das Schlimmste haben wir hinter uns». Dies deckte sich keinesfalls mit der Realität. Hoover lehnte jede staatliche Arbeitslosenunterstützung ab und dies in jener höchst gravierenden Situation.
Das Nationaleinkommen sank 1930 von 81 auf unter 68 Milliarden Dollar. Über 1300 Banken mussten schliessen, darunter die Bank of the United States in New York City. Die amerikanischen Autoexporte fielen von 541 Millionen 1929 auf 76 Millionen Dollar 1932. Der Wall-Street-Crash verursachte weitreichende Kettenreaktionen, die wirtschaftliche Depression war weltweit zu spüren. Der Welthandel brach richtiggehend zusammen, in Frankreich verlor das Geld vier Fünftel seines Wertes, in Deutschland fiel die Reichsmark auf Null, was mithalf, drei Jahre später Adolf Hitler und den Nationalsozialismus an die Macht spülen sollte. Die USA hatte damals ein Interesse an einem starken Deutschland, nicht zuletzt um die Gefahr eines marxistischen Umsturzes abzuwenden, sodass die intakt gebliebenen US-Banken Deutschland mit Krediten halfen, die Reparationszahlungen an die alliierten Siegermächte zu bezahlen.
Franklin Delano Roosevelt folgte als US-Präsident auf Hoover. Roosevelt amtierte von 1933 bis 1945. Unter seiner Regierung wurde die Macht der grossen Kartelle eingeschränkt und das Einkommen breiter Bevölkerungskreise verbesserte sich. Die Arbeitslosenzahl sank auf sechs Millionen und die Gewerkschaften gewannen nach langem wieder an Bedeutung. Unter Roosevelt wurde enorm aufgerüstet. Der Höhepunkt amerikanischer Dekadenz wurde erreicht durch die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Nicht einmal eine militärische Notwendigkeit hat bestanden, diese Waffen einzusetzen, deren Entwicklung zwei Milliarden Dollar verschlang und man deshalb abwerfen «musste» (auch um den Sowjets den Tarif durchzugeben) - ganz abgesehen davon, dass der Massenmord an Zivilisten ein Kriegsverbrechen ersten Ranges ist, worüber die Amerikaner über andere Völker aber gleichzeitig zu Gericht sassen. Ausserdem kamen während dem Krieg 322 000 der eigenen Soldaten ums Leben.
Wiederum war die Aufrüstung der Hauptgrund für den wirtschaftlichen Aufschwung der USA. Es waren dieselben Kreise der Hochfinanz und des militärisch-industriellen Komplexes, die an der Aufrüstung wie auch am Wiederaufbau massiv verdienten. Alleine von 1939 bis 1941 verdoppelte sich die amerikanische Industrieproduktion. Der Aktiv-Saldo in der nationalen Buchhaltung war 1945 doppelt so hoch wie der von 1920, als sich die USA durch den Ersten Weltkrieg saniert hatten. Die Arbeitslosenzahl sank von 13 Millionen auf 10 Millionen zwischen 1932 und 1939, der Zweite Weltkrieg brachte die Vollbeschäftigung. Nach dem Krieg besassen 135 Unternehmen 45 Prozent aller Industrieanlagen in den USA, welche ein Viertel aller Fertigwaren der ganzen Welt produzierten.