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Schlussredaktion: Rolf Strasser
Trennung von Kirche und Staat in den USA
Eine wichtige Einflussgrösse für die religiöse Landschaft in den USA bildet die Trennung von Kirche und Staat. Man zieht die USA in der Literatur auch als Beispiel für eine freundliche Trennung heran, weil das religiöse Element in der Gesellschaft trotz dieser Trennung immer sehr stark gewesen ist. Im Gegensatz dazu ist Frankreich das Beispiel einer unfreundlichen Trennung, einer privatisierten Kirche in einem säkularen Umfeld. Der Grund für die Trennung von Kirche und Staat in den USA ist in der Entstehungsgeschichte zu finden. Die vor allem protestantischen Einwanderer gehörten von Beginn weg ganz unterschiedlichen Denominationen und Konfessionen an. Dies ist auch gut nachvollziehbar, kamen sie doch aus ganz verschiedenen Gegenden, vor allem Europas, angereist. Dort hatte die Reformation im 16. Jahrhundert die unterschiedlichen Denominationen hervorgebracht. Wurde in der Schule aus der Bibel vorgelesen, konnte es Uneinigkeit darüber geben, welche Bibelübersetzung dafür zu verwenden sei. Und wenn der Lehrer den Schülern empfahl, sich ein eigenes Urteil über die Bibel zu bilden, so war dies den Katholiken nicht recht. Nach ihrer Überzeugung durfte die Bibel nur unter der Autorität der Kirche gelesen werden.Die Katholiken hatten an den meisten Orten ihre Kinder in protestantisch dominierte Schulen zu schicken, weil die Protestanten die Mehrheit stellten. Die grossen Ströme der Katholiken kamen erst nach den Protestanten in die USA, vor allem seit 1830. Dies darf uns natürlich nicht vergessen machen, dass es auch schon früher katholische Einwanderer gab, vor allem in den ursprünglich französischen Gebieten wie zum Beispiel das 1682 vorerst Frankreich angegliederte Louisiana entlang des Mississippi-Gebiets, das nach dem damaligen französischen König benannt ist. Ein anderes Beispiel ist das 1632 gegründete katholische Maryland. Eine andere katholisch-französische Eroberung bestand in der Gründung von Québec 1608 (mit Montreal 1643).
Später errichteten die Katholiken in ihrer neuen Heimat vermehrt eigene Schulen, auch da wo sie in der Minderheit waren. Sie mussten so aber neben den Steuern für die öffentlichen Schulen noch ihre privaten Schulen finanzieren. Diese Beispiele zeigen, dass es zu viele Ungleichheiten unter den Christen gab und daher die Trennung von Kirche und Staat das Beste schien, um die Rechtsgleichheit zu gewährleisten. In neuerer Zeit wurde auch das Schulgebet abgeschafft, weil dies eine Diskriminierung der Schüler aus den nichtchristlichen Religionen, welche mehrheitlich erst im 20. Jahrhundert ins Land kamen, bedeutet hätte. Jedenfalls hat die Einführung einer einheitlichen und landesweiten, protestantischen Staatskirche in den USA nie ernsthaft zur Debatte gestanden. Freilich hatten einzelne Staaten bis zur völligen Trennung von Kirche und Staat auch ihre Staatskirche oder waren zumindest von einer bestimmten Denomination massgeblich dominiert. So waren die Kongregationalisten in Neu-England vorherrschend, die Puritaner in Massachussetts, die Anglikaner in Virginia, die Reformierten in Neu-Holland (später New York) und die Quäker in Pennsylvania (das wie deren Hauptstadt Philadelphia 1683 von William Penn gegründet wurde).
Virginia wurde bereits 1584 gegründet und war die älteste dauernde britische Niederlassung in Nordamerika, also die erste jener 13 Kolonien, aus welcher später die Vereinigten Staaten hervorgingen. Der Name wurde nach der jungfräulichen Königin Elisabeth gewählt. In der ersten Verfassungsurkunde Virginias von 1606 wurde erwähnt, dass der Glaube so gestaltet sein soll wie im Königreich England. Von Anfang an sorgten ferner die Gesetze für den Unterhalt von Kirche und Klerus und legten die Zugehörigkeit zur englischen Staatskirche fest. In Neu-Holland wurde in einer Urkunde von 1640 festgelegt, dass kein anderer Glaube öffentlich zugelassen sei, als der reformierte und zwar so wie er in den Vereinigten Niederlanden ausgeübt wird.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam die Toleranz in allen englischen Kolonien zum Durchbruch, wenngleich oft nur zögerlich. Zunächst war es meist nur eine minimale Tolerierung anderer Bekenntnisse im Sinne eines Nicht-Bedrängens Andersgläubiger von Seiten des Staates. Diese Minimaltoleranz wurde im Verhältnis der Bürger untereinander aber oft nicht nachvollzogen. Es fällt auf, dass später die Staatskirchen im Sinne eines bevorzugten Glaubensbekenntnisses nicht übergingen in pluralistische und nur noch administrativ mit dem Staat verbundene Landeskirchen wie bei uns. Es wurde geradewegs eine konsequente Trennung vollzogen, weil der Gedanke an die Privilegierung einer bestimmten Denomination trotz einer gleichzeitigen Tolerierung jeden anderen Glaubens als Verstoss gegen die Rechtsgleichheit angesehen wurde. Man liest oft, dass die Reformation fast immer Glaubensfreiheit hervorgebracht habe. Dies ist jedoch nicht der Fall, in Europa nicht und in den USA auch nicht. Vielmehr scheint es, dass man in protestantischen Gebieten erst allmählich und aufgrund äusserer Umstände, vor allem wirtschaftlicher Art, in die allgemeine Glaubensfreiheit hinein gestolpert ist. Die Rechtsgleichheit und damit das Nicht-Privilegieren einer bestimmten Konfession betraf durch die Verfassung von 1787 und die ersten Zusatzartikel vorerst nur das Verhältnis der Union zu den Konfessionen. Die Existenz von Staatskirchen in den einzelnen Staaten war dadurch noch nicht berührt. Noch 1891 erklärte nach Mead ein Gerichtshof: «Die Staaten können sich auf eine Staatskirche oder ein Glaubensbekenntnis festlegen und sie beibehalten, sofern die Bundesverfassung berücksichtigt ist.» (also die Erlaubnis für andere Bekenntnisse, ihre Religion frei auszuüben). Erst im 20. Jahrhundert haben die Gerichtshöfe die Garantie der Glaubensfreiheit für alle Bürger zur Zuständigkeit der Bundesgerichte gemacht. Und dies bedeutete in der Lesart der amerikanischen Verfassungsgerichtsbarkeit logischerweise das explizite Verbot der Privilegierung einer bestimmten Konfession. Das Durchsetzen eines bestimmten Glaubens sollte nicht länger aufgrund von institutioneller Macht vollzogen werden, sondern im freien Wettbewerb mit anderen Bekenntnissen aufgrund der eigenen Überzeugungskraft. In diesem Sinne hat das amerikanische Modell Vorbildcharakter.
Im Vergleich dazu wird in der Schweiz in der revidierten Bundesverfassung von 1874 die Rechtsgleichheit zwar garantiert, aber aufgrund von historisch gewachsenen Interessen in den Kantonen bis heute nicht konsequent durchgesetzt. Da man die konservativen, mehrheitlich katholischen Kantone in der Schweiz zur Teilnahme am modernen Bundesstaat militärisch gezwungen hatte, sah die Verfassung die Religion im Prinzip, mit wenigen Ausnahmen, als kantonale Sache an. Die Schweiz wäre sonst möglicherweise auseinandergefallen.
Eine konsequente Trennung von Kirche und Staat bedeutet natürlich nicht, dass unter keinerlei Umständen Geld vom Staat in die Kirchen fliesst. Vielmehr werden in den USA da religiöse Institutionen subventioniert, wo diese den Staat entlasten, wie zum Beispiel bei den konfessionell ausgerichtete Schulen. Eine Trennung von Kirche und Staat aus juristischer Sicht ist daher eine primär administrative Angelegenheit. An der Trennung in den USA ist auffallend, dass das Verbot einer Staatskirche recht konsequent gehandhabt wurde. Anderseits wurde den religiösen Überzeugungen der protestantischen Mehrheit und ihren Einflüssen auf Gesellschaft und Kultur freier Lauf gelassen.
Mit der Toleranz in den USA, die durch die rechtsgleiche Behandlung der Bekenntnisse eingesetzt hat, begannen die Fronten der Denominationen zu zerbröseln. Es gab nicht nur juristische Aspekte dieser Aufweichung, sondern auch urchristliche, geistliche Momente. Vielen Kirchengliedern war die Starre der eigenen Denomination zu eng geworden, sodass viele begannen, Kulturelemente aus anderen Glaubenstraditionen zu übernehmen, was durch die denominationelle Vermischung der Bevölkerung gut nachzuvollziehen ist. Mit der Entfremdung gegenüber der eigenen Glaubenskultur konnte einerseits eine massive Gleichgültigkeit gegenüber den eigentlichen christlichen Inhalten einhergehen, anderseits aber auch eine tiefe Sehnsucht nach geistlicher Nahrung. Dies müssen wir uns bewusst machen, um den Erfolg der verschiedenen Wellen der Erweckungsbewegungen zu verstehen. Bei uns in Europa lief dies ja ganz ähnlich ab. Der Pietismus war bei uns eine Antwort des Herzens auf die starre Orthodoxie des Protestantismus, welche ihrerseits das lutherische Anliegen, die Reformation müsse ständig selber reformiert werden, hinten angestellt hatte.
Mead weist darauf hin, dass die Erweckungsbewegungen in Europa zwar durch die starken Staatskirchen abgebremst oder sogar integriert wurden. Auch in den USA fanden die Erweckungen zuerst vor allem innerhalb von den fest im Land verwurzelten und herrschenden Kirchen statt, was teils zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Trotzdem war die Macht der offiziellen Kirchen in den USA seit Ende des 18. Jahrhunderts und verschiedenenorts schon vorher gebrochen. Da die etablierten Kirchen keine anderen Bekenntnisse in irgend einer Weise diskriminieren durften, schossen die Erweckungsbewegungen stärker hinauf. Dies brachte auch die sonderbaren Züge dieser Erweckungen hervor, die uns heute noch, zum Beispiel beim Anblick gewisser amerikanischer Tele-Evangelisten, so negativ berühren und das Verhältnis zwischen den Erweckten und der Gesellschaft beeinträchtigt.
Die Erweckungsbewegungen begannen schon vor der Unabhängigkeit der USA. Mead schreibt: «Von den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts bis zur Revolution fegte er über die Kolonien hinweg und verwandelte dabei die religiöse Zusammensetzung des Landes.» Von daher ist klar, dass die Erweckung nicht nur eine Folge der grösseren Toleranz war, sondern ebenso auch mit ihre Ursache. Das Verwirklichen der Toleranz war ein Produkt einer ungewöhnlichen Allianz zwischen Erweckten und Rationalisten, denn letztere standen jeglicher Religion meist ablehnend gegenüber. Jedenfalls waren beide der Ansicht, dass die Religion ohne institutionelle Vermittlung eine Sache zwischen dem Einzelnen und Gott sei. Demzufolge müsse die Kirche eine freiwillige Organisation von gleichgesinnten Einzelpersonen sein.
Diese Bewegungen äusserten sich vor allem in einem im Vergleich zu den Nicht-Erweckungszeiten überdurchschnittlichen Zuwachs an Neu-Bekehrten, Getauften und Mitgliedern. Denominationell gesehen war der Zuwachs bei denjenigen Gemeinden zu verzeichnen, welche selber erweckt waren. Die geistlich vertrockneten und traditionalistischen Konfessionen gingen dabei leer aus oder verloren sogar Mitglieder, entweder an die eigene Minorität der erweckten Richtung, an die von der eigenen Richtung ausgegangenen Abspaltungen oder vereinzelt an neu entstandene Denominationen. Mead weiter: «Die Erweckungsbewegungen lieferten den Kirchen, die sich immer weniger auf die Anwendung von Zwang verlassen konnten, den Beweis für die auffallende Wirksamkeit der Überzeugung als alleiniger Missionierungsmethode.»
George Whitefield, Engländer, Evangelist und Sklavenhalter gilt in einem Teil der Evangelikalismus beschreibenden Literatur als Gründungsfigur des amerikanischen Evangelikalismus. Durch seine erwecklich-gefühlsbetonten Glaubensreden wurden viele Christen, eine Basis für die spätere evangelikale Bewegung. Natürlich ist der Prozess der Evangelikalismus-Werdung zu vielschichtig, um sie einer einzelnen Person zuzuschreiben. So hoch das Ansehen von Whitefield in der evangelikalen Bewegung noch heute ist: ein Sklavenhalter können nicht alle als Leitfigur sehen, ungeachtet der sonstigen Verdienste. Whitefields Wirken war vor allem von 1720 bis 1740. Er war Sklavenhalter und versuchte dort die Sklaverei wieder einzuführen, wo sie schon verboten war. Ein von ihm mitgegründetes Waisenhaus in Georgia kaufte illegalerweise Sklaven. Die wirtschaftlichen Umstände waren derart, dass das Waisenhaus mit Angestellten alleine wirtschaftlich nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. So weisen Kritikkritiker darauf hin, dass es einfach ist, im nachhinein zu urteilen. Das frühe 18. Jahrhundert war eine Zeit, die für uns heute jedenfalls schwierig nachzuvollziehen ist. Jedenfalls scheint es zu einfach zu sein, die frühen Evangelikalen als Sklaverei-Befürworter generell hinzustellen. Von den frühen und lauten Sklaverei-Gegnern hatte es viele, welche sich auf die christliche Gerechtigkeit beruften. Auch zur Zeit der Unabhängigkeit von Grossbritannien 1776 gab es solche, die sagten, wenn sich die USA von der Sklaverei von Grossbritannien löse, könne es nicht angehen, dass gleichzeitig selber im eigenen Land noch Sklaven gehalten würden.
Natürlich waren nicht alle Sklaverei-Gegner auch Rassismus-Gegner. Nicht wenige konnten sich vorstellen, die Afrikaner zurück nach ihrem Heimatkontinent zu verbringen. Dies passierte nach der Abschaffung der Sklaverei jedoch nicht. So sehr die Sklaverei abgeschafft wurde, der der Sklaverei zugrunde liegende Rassialismus (wovon der Rassismus die engere und radikalere Form ist) hat die amerikanische Gesellschaft bis heute nicht überwunden. Die afro-amerikanische Minderheit von rund 13 Prozent der Bevölkerung der USA (um 1750 noch 20 Prozent) ist sozial abgetrennt. Mischehen sind selten, was vieles aussagt. Durch die Erweckungsbewegung kamen zwar viele Afro-Amerikaner zum Glauben an Jesus Christus, ihre Nachfahren haben ihre eigenen Kirchen und ihre eigene Kultur. In politischer Hinsicht ist der Graben zwischen weissen anglo-amerikanischen Evangelikalen und afro-amerikanischen Evangelikalen auch Ende des 20. Jahrhunderts noch tiefer als zwischen Anglo-Amerikanern und Afro-Amerikanern generell, wie Umfragen zur Einschätzung gesellschaftlicher Fragen zeigen. Der gemeinsame Glaube führt nicht mal zu Kirchenfusionen oder höchstens punktuell. Trotzdem gibt es Kirchen, die von Weissen und Afros besucht werden.
Heute gibt es in den USA eine National Black Evangelical Association, ein Zusammenschluss von Denominationen und Einzelnen aus verschiedenen Rassen, welche das Anliegen teilen, die Afro-Amerikaner mit dem Evangelium zu erreichen.