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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Der Einfluss unterschiedlicher theologischer Positionen auf den frühen Fundamentalismus in den USA
Die unterschiedlichen Denkrichtungen und Nebenströmungen unter den evangelischkonservativen Christen hatten ihre Ursache natürlich nicht nur in unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründen. Es ging vor allem auch um unterschiedliche theologische Positionen, die ein unterschiedliches christliches Handeln induzierten. Diese Positionen verlaufen aber nicht unbedingt entlang der Grenzen unterschiedlicher gesellschaftlicher Hintergründe.Nun gibt die Bibel in den meisten Fragen, zu denen sie Stellung nimmt, eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten vor, sie definiert selten Rezepte für den konkreten ethischen Einzelfall. Wer mit einem technokratisch bedingten, hochanalytischen Vorverständnis an die Bibel herangeht, beeinträchtigt die Bandbreite der Bibel-Erkenntnis. Die Bibel wurde nicht in eine aufklärerische, analytisch denkende Zeit hineingeschrieben. Jedenfalls hat der analytische Verstand auch unter bibelorientierten Christen dogmatische Fixierungen hervorgebracht, die schon im Erkenntnisansatz gar nicht zwingend sind und der erwähnten Bandbreite von biblischen Denk und Handelsmöglichkeiten zu wenig Rechnung trägt. Die Folge kann sein, dass man sich in dogmatische Positionen verbeisst und daraus seine Glaubensidentität bezieht. Natürlich führt dies dazu, dass sich auch Fundamentalisten manchmal gegenseitig als Irrlehrer betrachten und dementsprechend gegeneinander auftreten (vornehmlich in der Literatur, kontradiktorische Veranstaltungen gibt es praktisch nicht). Auf alle Fälle müssen wir uns bewusst sein, dass theologische Unterströmungen und Fixierungen innerhalb der evangelisch konservativen Bewegung oft nicht entlang von Denominationsgrenzen verlaufen. Dies hängt damit zusammen, dass das Wissen rund um den Glauben nicht mehr wie früher ausschliesslich durch Aussagen der innerkirchlichen Führung zustande kommt, sondern massgeblich geprägt wird durch interkirchliche Medien, seien es Flugblätter, Broschüren, Bücher sowie christliche Radio und TVStationen.
Es gab in den USA verschiedene Schübe der Erweckungsbewegung. In der Literatur ist man sich nicht ganz einig darüber, wann diese stattgefunden haben. Der bei Holthaus zitierte William G. McLoughlin setzte in seiner Arbeit von 1978 die erste grosse nordamerikanische Erweckung von 1730-60 an, die zweite von 1800-30, die dritte von 1890-1920 und die vierte von 1960 bis voraussichtlich 1990. Die zweite grosse Erweckung geht vor allem zurück auf den Erweckungsprediger Charles Finney (1792-1875) aber auch Dwight L. Moody, Oswald Chambers, Reuben A. Torrey, William Booth, Murray u. a. und bewirkte die Erneuerung der in den puritanischen und anderen Orthodoxien erstarrten Christen. Mit ein Grund für den grossen Zulauf zu den Kirchen während dieser Zeit war auch der Bürgerkrieg, welcher eine verstärkte Sehnsucht nach Geborgenheit auslöste. Die erste grosse Erweckung fand übrigens unter dem Einfluss des intellektuellen Evangelisten und Yale-Absolventen Jonathan Edwards (1703-1758) aus Massachusetts statt und später auch durch den Engländer George Whitefield, welcher in den USA herumreiste. Es wäre separat zu untersuchen, wie die konfessionellen und geistesgeschichtlichen Beziehungen zwischen der ersten und der zweiten grossen Erweckung und deren geographische Verbreitung vonstatten gingen.
Nun stellt sich die Frage, über welche Personen und Institutionen die Informationen in der evangelischkonservativen Bewegung flossen, damit das entstehen konnte, was als Fundamentalismus bekannt ist. Wir erwähnten bereits das Theologieseminar in Princeton, New Jersey, welches einen massgeblichen Einfluss gehabt hat. Da die Bibelkritik an den Universitäten Mitte des 19. Jahrhunderts Einzug hielt, muss man den Beginn des Widerstandes dagegen zeitlich ähnlich ansetzen. Das Princeton-Seminar wurde 1812 als theologische Ausbildungsstätte der Presbyterianischen Kirche gegründet. Es stand von 1822 bis 1878 unter anderem unter dem Einfluss von Professor Charles Hodge, von dem Mead schreibt: «Hodge besass eine unheimliche Fähigkeit, die inhaltsschweren Verwicklungen des christlichen Lebens in der modernen Welt auf so ewas wie eine im Groben geschnitzte, orthodoxe Einfachheit zu reduzieren.» Das Princeton-Seminar hatte eine Ausstrahlungskraft nicht nur in die eigene, presbyterianische Kirche, sondern auch darüber hinaus zu den Episkopalen, Kongregationalisten, Baptisten und anderen Denominationen. Die Princeton-Theologie war rationalistisch und ignonierte den Kritizismus eines Hume oder Kant, wie Sandeen festhält..
Die Schulleitung des Princeton-Seminars bekannte sich zu einem orthodoxen Calvinismus. Diese Richtung fand am Seminar vor allem durch die Werke Turretins des Älteren Eingang, welche eine lange Zeit Pflichtlektüre waren. Turretin (1623-1687) kam in Genf zur Welt und wurde dort 1648 Professor der Theologie. Er vertrat die Irrtumslosigkeit der Bibel gegen die scheinbare Irrtumslosigkeit des Papstes und die calvinistische Lehre ganz generell gegen den Arminianismus und Katholizismus. Im Arminianismus lebte die Religiosität und die theologische Arbeit von Erasmus von Rotterdam, welcher lange Zeit in Basel lebte, fort. Die Wirkung lag in dem starken Anteil, den ihre wissenschaftliche Tätigkeit an der Entstehung der kritischen Theologie der Aufklärung hatte, vor allem durch ihr 1634 in Amsterdam gegründetes theologisches Seminar. Die massgebende Arbeit von Turretin nun war die Institutio theologiae elencticae, welche 1688 erstmals erschien. Er lehrte, dass jeder normale Bibelleser die Heilswahrheiten ohne Interpretation von aussen verstehen könne.
Am Princeton-Seminar wurde im 19. Jahrhundert diese scholastischorthodoxe Sicht der Bibelinterpretation durch die Scottish-Common-Sense-Philosophie verstärkt. Dazu gesellte sich auch der Einfluss des Wissenschaftsideals eines Francis Bacon (1561-1626). Er war der Begründer des englischem Empirismus. Darin ging er davon aus, dass die Erfahrung die einzige Quelle der Naturerkenntnis sei. Bacon gilt daher auch als Vater der induktiven Methode in der Wissenschaft. Seine Wissenschaftstheorie ging davon aus, dass bestehende Basiswahrheiten den Menschen mitgegeben seien, die als Grundlage aller Erkenntnis allgemeine Gültigkeit hätten. Am Princeton-Seminar sah man auf dem Gebiet des Glaubens die Irrtumslosigkeit der Bibel als eine solche Grundwahrheit. Der Glaube bestehe prinzipiell aus vernünftigen Gründen der Logik. Die rationalistische Apologetik war deshalb nicht umsonst ein wichtiger Baustein des Neocalvinismus des Princeton-Seminars. Am Princeton-Seminar nun war es vor allem Benjamin B. Warfield (1851-1921), der die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel ausformulierte. Seine Arbeiten wurden von den Fundamentalisten später immer wieder herangezogen, und zwar nicht nur von den Presbyterianern. Für Princeton war die Bibel wörtlich von Gott inspiriert und irrtumslos. Eine solche Ausformulierung des Bibelverständnisses war unter konservativen Protestanten neu und wurde so noch nicht formuliert, weder in Amerika noch in Europa.
Zum Glauben an die absolute Vertrauenswürdigkeit der Bibel gehörte auch die Überzeugung, dass die Bibel nur im Urtext von Gott inspiriert ist. Daher wurden immer vor allem Bibelübersetzungen verwendet, welche diesem Urtext möglichst nahe kamen, im englischen Sprachraum die King James Version, im deutschen die Elberfelder Bibel. Da diese Übersetzungen und ihre urtextliche Worttreue zu Lasten der einfachen Verständlichkeit für den modernen Zeitgenossen geht, ist die Übersetzung des Evangeliumsinhaltes gegenüber der Gesellschaft oft auf der Strecke geblieben, trotz aufwendiger evangelistischer Bemühungen. Es wäre zu untersuchen, inwieweit die absenderorientierte Kommunikation der Fundamentalisten mitverursacht wurde durch diese Bibelübersetzungen, welche man ausserhalb der fundamentalistischen Subkultur als veraltet ansieht oder teilweise schlichtweg nicht mehr versteht. Umgekehrt können moderne und trotzdem urtexttreue Bibelübersetzungen das Evangelium auch heute noch gut vermitteln (in der deutschen Sprache zum Beispiel die noch nicht vollständig vorliegende Neue Genfer Übersetzung der Genfer Bibelgesellschaft)..
Dogmatische Fixierungen innerhalb der evangelisch-konservativen Bewegung gab es im wesentlichen auch bei Fragen der Endzeit (Eschatologie). Dass diese Fixierungen gerade bei Fragen um die Endzeit einschlagen, scheint wohl mit den Urfragen der Menschheit zusammenzuhangen (Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?). Es gehört zur Geschichte der evangelischkonservativen Bewegung schon im 19. Jahrhundert, dass solche Fragen Gegenstand von Debatten waren. Aus den unterschiedlichen EndzeitVerständnissen ergaben sich ganz unterschiedliche Stile der Glaubenskultur und damit auch unterschiedliche Stile dieser Kulturen zu den Kulturen der Gesellschaft. Natürlich gab es in den eigenen Reihen auch Kritiker gegen die allzustarke Behandlung endzeitlicher Fragen. Die Kritiker argumentierten, dass aufgrund der Bibel es den Menschen nicht gebührt, Zeitalter und Stunde der Wiederkunft Christi zu wissen. Jedenfalls haben diese Endzeit-Diskussionen von jeher einen wesentlichen Einfluss auf die fundamentalistische Richtung der evangelischkonservativen Bewegung gemacht.
Bei den Fragen rund um die Endzeit geht es vor allem um das tausendjährige Friedensreich, dass Gott auf der Erde einst errichten wird. Die Endzeitbewegung wird daher auch Milleniarismus oder auch Chiliasmus genannt (interessant ist, dass andere als in der evangelischkonservativen Bewegung gängige Milleniumsvorstellungen auch in der Geschichte der Zeugen Jehovas immer eine zentrale Rolle gespielt haben.). Der Milleniarismus wird grob unterteilt in den Postmilleniarismus, welcher die Wiederkunft Christi nach diesem tausendjährigen Friedensreich ansetzt, und den Prämilleniarismus, in welchem Christus auf die Erde wiederkehrt und unter seiner Regierung das Millenium beginnt. Im Matthäus-Evangelium (Übersetzung Hoffnung für alle, Kapitel 24, Verse 27 bis 31) steht zum Thema Wiederkunft und Entrückung unter anderem:
«Wenn aber der Menschensohn wiederkommt, wird er sofort für alle sichtbar sein, wie ein Blitz, der von Ost nach West am Himmel aufzuckt, oder wie ein verendetes Tier, um das sich die Geier scharen. Unmittelbar nach dieser grossen Schreckenszeit werden sich Sonne und Mond verfinstern. Die Sterne werden aus ihrer Bahn geschleudert, und die kosmischen Kräfte geraten durcheinander. Dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen. Die Menschen auf der ganzen Erde werden vor Entsetzen jammern und heulen. Sie werden sehen, wie der Menschensohn in göttlicher Macht und Herrlichkeit in den Wolken des Himmels kommt. Mit gewaltigem Posaunenschall wird er seine Engel aussenden, und sie werden seine Auserwählten aus allen Teilen der Welt sammeln.»
Der Fundamentalismus wurde vor allem vom Prämilleniarismus geprägt. Holthaus weist in seiner detaillierten Studie über den Fundamentalismus darauf hin, dass vor allem die Erfahrungen in zwei Weltkriegen den Postmilleniarismus verdrängte oder nicht richtig aufkommen liess. Dieser Postmilleniarismus geht von der kulturoptimistischen Sicht aus, dass sich das tausendjährige Friedensreich von selber ergeben wird, weil sich immer mehr Menschen zu Christus bekehren. Hier sehen wir also, wie der Fundamentalismus der Weltabgewandheit und derjenige der Weltzugewandheit mit dem Prä- oder eben dem Postmilleniarismus zu tun hat, wenngleich man diese Grundhaltungen nicht auf unterschiedliche Positionen in den Endzeit-Fragen reduzieren darf. Man darf auch nicht vergessen, dass nicht wenige Fundamentalisten sich nicht so stark für die Endzeit interessieren oder sich nicht auf eine der gängigen Meinungen fixieren möchten.
Es scheint uns wichtig, auf den Prämilleniarismus etwas näher einzugehen, zumal es hier verschiedene Unterströmungen gibt. Holthaus unterscheidet zwischen einem historischen (dispensationalistischen) und einem futuristischen Prämilleniarismus. (Zur Erinnerung: Der Prämilleniarismus vertritt die These, dass Christus zu Beginn des tausendjährigen Friedensreiches auf der Erde wiederkommen wird). Die historische Richtung sieht vor allem beim Propheten Daniel (Jahrhunderte vor Christi Geburt geschrieben) und der Offenbarung des Johannes (um 90 n. C. geschrieben) symbolische und voraussagende Anspielungen, wie sich die Kirchengeschichte abwickeln wird. Sie teilt die Heilsgeschichte in verschiedene Zeitabschnitte (engl. dispensations) ein. Die Schöpfungstage werden sowohl wörtlich in bezug auf die Entstehung der Erde verstanden wie auch symbolisch bezüglich der Zukunft. So wird das Alter der Erde auf etwa 6000 Jahre angesetzt (sechs Schöpfungstage zu tausend Jahre). Schnabel schreibt über den dispensationalistischen Prämilleniarismus:
«Der Dispensationalismus vertritt im Anschluss an Überzeugungen des anglikanischen Priesters John Nelson Darby ein bestimmtes Auslegungssystem der Bibel, das mindestens vier Kennzeichen aufweist: a) eine strenge Unterscheidung von Israel und der Gemeinde Jesu Christi, b) die Einteilung der Heilsgeschichte in verschiedene, voneinander abgesetzte Perioden, c) die Erwartung der Entrückung der Gemeinde vor der erwarteten grossen Trübsalszeit, d) die buchstäbliche Auslegung der prophetischen Aussagen der Bibel, wodurch diese als eine Art 'Handbuch der Zukunft' verstanden wird. Vertreter dieser Auslegungsmethode vergessen leicht, dass der Dispensationalismus eine hermeneutische Innovation des ausgehenden 19. Jahrhunderts und somit keine 'fundamentale' Lehre des historischen 'orthodoxen' christlichen Glaubens ist. Wenn man ehrlich wäre, müsste man also zugeben, dass diese Schau der Endzeit nicht einfach gleichgesetzt werden kann mit der 'Wahrheit biblischen Glaubens', sondern von einer bestimmten Interpretation ausgewählter und auf bestimmte Weise miteinander kombinierter Belegstellen abhängig ist.»
Schnabel warnt ferner davor, als Evangelikale in Anspruch zu nehmen, man nehme die Bibel im Vergleich zu anderen Christen wörtlich. Die theologischen und ethischen Positionen seien immer auch Resultate hermeneutischer Prozesse (Hermeneutik ist die Kunst des Erkennens). Im Unterschied hermeneutischer Prozesse befindet sich des Pudels Kern im Disput zwischen Fundamentalismus und Modernismus, aber auch den verschiedenen Denkrichtungen innerhalb der evangelisch-konservativen Bewegung.
Die futuristische Richtung des Prämilleniarismus bringt die Weissagungen über die letzten Tage allein oder vor allem mit dem wiedergesammelten Volk Israel in Verbindung. Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand eine starke Erwartung der unmittelbaren Sammlung der Juden in Palästina (es sei an die Gründung der zionistischen Bewegung in Basel 1897 erinnert). Als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, erhielt vor allem die futuristische Richtung des Prämilleniarismus einen neuen Schub. Nun wäre die Darstellung über den futuristischen Prämilleniarismus nicht komplett, wenn wir die darin meist diskutierte Frage, wann die Entrückung der Gläubigen in den Himmel stattfinden würde, unerwähnt bliebe. Der Zeitpunkt wird in den Diskussionen angesetzt auf die Zeit vor der siebenjährigen Verfolgungszeit (auch Trübsalszeit genannt), auf die Mitte der Verfolgung nach dreieinhalb Jahren, auf die Zeit nach der Verfolgung und dann gibt es auch noch die Vorstellung einer Auswahlentrückung von besonders privilegierten Gläubigen. Zur Trübsalszeit steht im MatthäusEvangelium Kapitel 24, die Verse 21 und 22:
«Denn es wird eine Notzeit kommen, wie sie die Welt in ihrer ganzen Geschichte noch nicht erlebt hat und wie auch später nicht wieder eintreten wird. Wenn diese Leidenszeit nicht verkürzt würde, könnte niemand gerettet werden! Aber den Auserwählten Gottes zuliebe wird Gott diese Zeit verkürzen.»
Der Prämilleniarismus geht, in allen seinen Denkarten, zurück auf das England des 19. Jahrhunderts. Mit ein Grund dafür war die apokalyptische Simmung der anglikanischen Staatskirche durch die Folgen der Französischen Revolution. Ein wichtiger Mann für den (vor allem den dispensationalistischen) Prämilleniarismus war John Nelson Darby (1800-1892), ein irischer Rechtsanwalt und später Priester der anglikanischen Staatskirche. Wegen des moralischen Niedergangs in seiner Kirche gründete er in Grossbritannien separatistische Gruppen. In den USA wuchs der Einfluss Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem durch entsprechende Konferenzen und auch Literatur. So wurde das Buch Jesus is Coming weit verbreitet. Bereits 1878 wurde in New York ein 14-Punkte-Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel und zur prämilleniaristischen Eschatologie verabschiedet. Dieses Bekenntnis sieht man als eigentlichen Auftakt zur prämilleniaristischen Bewegung in den USA an. Der Dispensationalismus in den USA und Kanada wurde ungefähr ab 1840 verbreitet. Wesentlich wirkten die Reisen Darbys zwischen 1862 und 1877 nach. Er hatte vor allem Kontakt zu Predigern und anderen überzeugten Christen. Der Einfluss des Dispensationalismus ist bei Presbyterianern und calvinistisch orientierten Baptisten spürbar. Die Methodisten waren nicht so offen für diese Lehre, wenn man von den deutschsprachigen Methodisten absieht.
Neben dem Einfluss des Princeton-Seminars und des Milleniarismus auf den frühen Fundamentalismus gehört auch die sogenannte Heiligungsbewegung. Der konfessionelle Schwerpunkt der Heiligungsbewegung lag im Methodismus. Daher ist das Heiligungsverständnis von John Wesley, dem Mitbegründer des Methodismus, wichtig, um diese Einflussgrösse besser zu verstehen. Wesley bezeichnete unter der Heiligung die christliche Vollkommenheit der Nachfolge. Holthaus hält fest, dass die Frage der Heiligung auch in der mönchischen und pietistischen Tradition eine grosse Rolle gespielt hat. In den USA wurde die Heiligungstheologie zunächst von den Wesleyan Methodists, den Free Methodists und der Heilsarmee vertreten. Charles Finney verband die perfektionistische Heiligungstheologie des Methodismus mit der calvinistischen Theologie des Christenkampfes und machte dadurch die Heiligungslehre in den Kreisen der amerikanischen Reformierten populär. Zur Heiligungslehre gehörte die persönliche Frömmigkeit und die Evangelisation. Es wurde auch von einer Art zweitem Segen nach der Bekehrung gesprochen, der den Durchbruch zu einem heiligungsbewussten Lebensstil signalisiert. Diese Lehre des zweiten Segens und der Geistestaufe geht ebenfalls auf John Wesley zurück. Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts wurde diese Lehre verfeinert und wurde dadurch zum Spaltungsgrund der Heiligungs und vor allem der Nachfolgebewegungen. Vor allem in der charismatischen Bewegung wurde die Geistestaufe teilweise zu einer Art Sakrament erhoben, was von seiten anderer Kritik insofern gab, dass der Heilige Geist nicht zu einem Teil bei der Bekehrung über den Menschen käme und zum anderen Teil bei dieser zweiten Erfahrung. Sie kritisierten, dass die Bibel die zweite Erfahrung nicht kennen würde. Da diese dogmatischen Unterschiede später zusammenfielen mit anderen Stellungnahmen, wie die Stellung der Rede der Gläubigen in anderen, unverständlichen Sprachen (Sprachenreden), kam es später zu einem Bruch zwischen Charismatikern und Nicht-Charismatikern, welcher das ganze 20. Jahrhundert andauern sollte. Vor allem die Princeton-Theologie stärkte die Position der Nicht-Charismatiker.
Ähnlich wie der Milleniarismus fand auch die Heiligungsbewegung durch grosse Konferenzen weitere Anhänger. In den Anfangsjahren war die Heiligungsbewegung postmilleniaristisch eingestellt. Viele Prediger in der Heiligungsbewegung hatten ein fundamentalistisches Schriftverständnis, sowohl in dem Teil, der später charismatisch wurde wie im nichtcharismatischen Teil. So stark der Einfluss der Heiligungsbewegung auf die Entstehung des Fundamentalismus war, so warnt Holthaus vor einer Überbetonung dieses Einflusses. Neben der Zweiten Grossen Erweckungsbewegung der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts und der Heiligungs-Bewegung steht vor allem der Princeton-Calvinismus und der Dispensationalismus als Ursache des Fundamentalismus fest.
Um das Jahr 1900 war der Protestantismus noch nicht in einen modernistischen und fundamentalistischen Flügel zerfallen, wenngleich gewisse Fronten schon abgesteckt waren. Die meisten Prediger hatten sich noch nicht für eine der beiden Richtungen entschieden und viele Christen gingen davon aus, dass sie mit beiden Lagern in Frieden auskommen könnten. Die Fundamentalisten hatten jedoch nicht wenige Anhänger an Schlüsselstellen, sei es als Herausgeber von religiösen Publikationen, als Dekane von Bibelschulen, als Professoren an theologischen Seminarien oder als Reise-Evangelisten. Die fundamentalistischen Meinungsführer hatten den geographischen Schwerpunkt in den Städten, vor allem im Gebiet Philadelphia-New York-Bosten, etwas weniger bedeutend aber auch in Chicago, St. Louis und Los Angeles.
Die Prägung des frühen Fundamentalismus durch den Princeton-Calvinismus und die Dispensationalisten war nicht spannungsfrei innerhalb der neuen Bewegung. Das zeigen die Verhältnisse bei den Northern Baptists. Die National Federation of Fundamentalists of the Northern Baptists und die Baptist Bible Union machten beide aber nicht gemeinsam Front gegen den Modernismus innerhalb ihrer Denomination. Die Federation war mehr geprägt vom Princeton-Calvinismus und die Bible Union vom stärker zum Separatismus neigenden Dispensationalismus.
Die spätere instutionelle Differenzierung des Fundamentalismus lag vor allem im ekklesiologischen Verständnis (Lehre von der christlichen Gemeinde). Eine christliche Gemeinde nach der fundamentalistischen Ansicht ist eine Versammlung von wiedergeborenen Christen. Dadurch war für die Fundamentalisten zu einem späteren Zeitpunkt immer klar, wer zu ihnen gehört und wer nicht und als Folge davon, welche christliche Gemeinde und christliche Institution auf ihrer Seite stand und welche nicht. War der Fundamentalismus zu Beginn eine amorphe Bewegung, die in der Berichterstattung der protestantischen Blätter oft nur als Nebensache behandelt wurde, differenzierte sie sich später und wurde zur eigenen konfessionellen Grösse.
Der Separatismus des Fundamentalismus zeigte sich erst durch den Versuch, die denominationellen Schaltstellen zu übernehmen. Wo dies nicht gelangt, wurden interdenominationelle Parallelstrukturen ins Leben gerufen. So entstand bei den Presbyterianern das Fundamentalist Westminster Seminary in Philadelphia, später wurde das Fundamentalist Presbyterian Mission Board gegründet. Bestehen auf Bundesebene einmal eigene Strukturen, ist es kein grosser Weg mehr, entsprechend orientierte Gemeinden aus einer Denomination herauszulösen und eine eigene zu bilden, wenngleich die Überzeugungsarbeit an der Basis nicht immer einfach ist. 1936 kam es zu einer Abspaltung aus der Presbyterianischen Kirche. Rund 100 Prediger und ihre presbyterianischen Gemeinden bildeten neu die Orthodox Presbyterian Church. Abspaltungen beinhalten immer ein Fragmentierungs-Risiko. Es gibt Gruppen, die zwar Mühe mit der Idee einer neuen Denomination bekunden, dann aber doch mitmachen, während anderen die Ausgestaltung der neuen Denomination zu wenig weit geht und sich mangels Gehör von der Abspaltung abspalten. Solche «Arpeggio»-Gemeinden sind oft kurzlebig, weil sie im wesentlichen von einer oder sehr wenigen Personen abhängen. In der neuen Orthodox Presbyterian Church gab es bald eine dispensationalistische und eine Princeton-Richtung, die sich voneinander abspalteten. Die Dispensationalisten nannten darauf ihre eigene Richtung Bible Presbyterian Synod, welche unter der Leitung von Carl McIntire stand, dem späteren Gründer des fundamentalistisch-dispensationalistisch orientierten American Council of Christian Churches ACCC und dem International Council of Christian Churches ICCC. Die Princeton-Fraktion stand unter der Leitung von J. Gresham Machen.
Das Jahr 1918 bezeichnet Sandeen in einer Arbeitshypothese als das eigentliche Ende des frühen Fundamentalismus, weil sich die beiden Gründungs-Richtungen voneinander weg bewegten, nachdem sie aufgrund vieler Gemeinsamkeiten und der gemeinsamen Front gegen den Modernismus in der protestantischen Theologie zusammengegangen waren,. wie im oben beschriebenen Beispiel aus der Presbyterianer-Kirche aufgezeigt.