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Schlussredaktion: Rolf Strasser
Würdigung und Kritik der Religiosität der USA
Die Religion in den USA hat gerade durch ihre Verschiedenartigkeit und die Trennung von Kirche und Staat in neuerer Zeit die Vitalität eines freien Marktes beibehalten, was bei uns in dieser Ausprägung unbekannt ist. Mead meint zusammenfassend über die religiöse Entwicklung in den USA, dass ihre grösste Leistung in der Glaubensfreiheit bestand und der grösste Fehlschlag im Mangel an theologischer Struktur zu sehen sei.
Hatch verweist in seinem Aufsatz auf Alexis de Tocqueville, einen sehr bekannten französischen Amerika-Bekenner. Dieser meinte, in Europa hätten sich der Geist der Freiheit und die Religion in zwei verschiedene Richtungen entwickelt, in den USA seien die beiden verschmolzen. Die Religion in den USA sei deshalb hörer-orientiert, intellektuell offen nach allen Richtungen, organisatorisch pluralistisch und innovativ.
Natürlich ist die Glaubensfreiheit nicht nur ein von Christen erhobenes Postulat gewesen. Viele Christen wollten auch gar nicht die Gleichwertigkeit aller Glaubensrichtungen und damit die Toleranz verwirklicht sehen, sondern nur die Privilegierung ihrer eigenen Konfession. Jedenfalls ist es sicher, ohne die schlussendlich obsiegende Toleranz der Glaubensfreiheit wäre es nicht möglich gewesen, Menschen aus so vielen Denominationen, so vielen verschiedenen Ländern und so verschiedenen Gesellschaftsschichten trotz allem relativ friedlich beieinander arbeiten und leben zu lassen, wenn man von der Vertreibung der Urbevölkerung mal absieht. Die Amerikaner betrachteten sich deshalb als ein besonderes, aus anderen Ländern zusammengerufenes und auserwähltes Volk, das von Gott bestimmt war, einem besonderen Zweck zu dienen. Diese Meinung bestand unter den meisten Christen auch, gleich welcher Konfession sie angehörten.
Von diesem Geist, ein besonderes Volk zu sein, sind die Amerikaner noch heute beseelt. Das erklärt auch zu einem nicht unwesentlichen Teil ihren missionarischen Charakter, mit dem sie in der Welt für Ordnung sorgen wollen. Zu jeglichem Sendungsbewusstsein gehört naturgemäss auch ein oft anzutreffender Übereifer. Im Falle der USA führt dies dazu, dass sie sich lauthals für eine neue Weltordnung unter ihrer Führung empfehlen können, obwohl in den eigenen Reihen ganz elementare Dinge nicht funktionieren; sei es die grosse Armenschicht, die - obwohl in den siebziger Jahren fast zum Verschwinden gebracht - unter mehrheitlich republikanischer Präsidentschaft an Grösse galoppierend zugenommen hat, sei es so elementare Dinge wie eine gut funktionierende Kehrichtabfuhr wie zum Beispiel in New York, der Zerfall der Staatsstrassen, in Schulen die Verwendung von veralteten Lehrbüchern, die umstrittenen Aktionen des US-Geheimdienstes CIA, die verschiedenen Affären (Vietnam-Krieg, Watergate, Iran-Contra), die gewaltverlängernde Militärhilfe in Lateinamerika usw. Dies führt dazu, dass man der USA auch viel Antipathie entgegenbringt.
Die grundsätzliche Spaltung der USA in Weisse und Afros lässt sich höchstens längerfristig überbrücken. Die Kirchen sind vielenorts entlang der Rassengrenzen gespalten, weil die Unterschiede in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht trotz Gemeinsamkeiten in grundsätzlichen theologischen Fragen zu gross sind. Die Religiöse Rechte wird die Spannung zwischen den Rassen eher verstärken, weil sie ihre Stimmen grossmehrheitlich den Republikanern (Stand 2000: 93% Weisse, Demokraten 75 % Weisse) zukommen lässt. Natürlich muss fairerweise erwähnt sein, dass das Problem, welches ein Zwei-Parteien-System mit sich bringt, grundsätzlicher ist und die Kritik vornehmlich dort anzusetzen ist. Es ist nicht einzusehen, warum ein grosses Land bei der Tradition des zwei-Blöcke-Systems bleiben muss und warum nicht thematische, von Gesetz zu Gesetz oder von Gesetzesartikel zu Gesetzesartikel wechselnde Koalitionen möglich sind wie in der Schweiz. Das Zwei-Block-System formatiert die Denkkultur einer Gesellschaft derart, dass die Frontenverhärtung die sachgerechte Lösung der Probleme behindert oder verhindert.
Diese Denkkultur hinterlässt auch in den Kirchen und bei den Christen ihre Spuren, sodass der Denkansatz, die Religiöse Rechte sei an allem schuld, mindestens in dieser Einseitigkeit falsch ist. Der Religionismus der Evangelikalen und Fundamentalisten, also die Abgrenzung von der bösen Welt, ist die Folge und das Pendant des Rassialismus in der amerikanischen Gesellschaft, die Abgrenzung von den bösen Afros oder umgekehrt von den bösen Weissen sowie die innerkirchliche Verlängerung des Denkens der Zeit des Kalten Krieges. Die konservativen Religiösen provozieren mit ihrem Auftreten den umgekehrten Religionismus, dass die Gesellschaft die Religiösen als Bedrohung ihrer Freiheit sieht oder den Glauben fälschlicherweise als eine Sache für solche ansieht, die nicht bei Trost sind.