Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA

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Herausgeber: Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser



Die Phasen des protestantisch-konservativen Fundamentalismus in den USA des 20. Jahrhunderts

Der technische Fortschritt der Gesellschaft brachte eine Arbeitsteilung und damit eine Spezialisierung der Erwerbswelt. Dadurch segmentierte sich das ganze Leben und das Christentum, das bisher die Grundlage allen Seins und Schaffens war, und bekam neu einen Platz unter vielen. Die Abdankung des vorwiegend protestantischen Christentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutete, dass die Gesellschaft die Ideen und Ideale der entstehenden Erwerbsgesellschaft kritiklos anerkannte. Die Relevanz des Christentums für das öffentliche Wohlergehen litt zudem durch die bittere Kontroverse zwischen Fundamentalisten und Modernisten. Der Rückgang des christlichen Einflusses wurde um des Festhaltens an ungelösten theoretischen Schwierigkeiten willen teuer erkauft.

Viele vom Fundamentalismus geprägten Christen zogen sich nach dem Affenprozess in die innere Emigration zurück, weil sie in der Öffentlichkeit durch ihre schlechte Argumentation je länger je mehr als Ewiggestrige angesehen wurden. Dennoch waren die konservativen Protestanten der Ansicht, der Glaube müsse gegen den theologischen und auch gegen den politischen Liberalismus, den Evolutionismus und später auch gegen den Kommunismus verteidigt werden. Ein Kennzeichen dieser Art von Fundamentalismus war der Hang zur propagandistischen Argumentation. Dies war denn auch der Hauptgrund, dass sich die konservative evangelische Bewegung ab Mitte der vierziger Jahre deutlicher in ihre unterschiedlichen Fazetten aufzufächern begann.

Martin Riesebrodt hat in seinem Aufsatz von 1987 den amerikanischen Fundamentalismus des 20. Jahrhunderts schwerpunktmässig in folgende sechs Phasen eingeteilt:

Martin Riesebrodt wies 1987 in seinem Aufsatz Protestantischer Fundamentalismus in den USA auf folgendes hin: «Lange Zeit wurde der Fundamentalismus­Begriff ausschliesslich zur Kennzeichnung dieser sich vor allem von 1918­25 politisierenden Bewegung und der in ihrer Kontinuität stehenden Gruppen bis in die Gegenwart verwendet. In Teilen der religionswissenschaftlichen Literatur der USA fand jedoch im Laufe der Zeit eine extreme Ausweitung des Begriffs auf alle religiösen Gruppen statt, die einem biblischen Literalismus anhängen, egal wie dieser jeweils definiert und inhaltlich gefüllt wird. Damit werden unter den Fundamentalismus­Begriff religiös­theologisch und soziologisch so unterschiedliche Phänomene wie die Kirchen der Schwarzen und die der alten Mittelschichten angelsächsischer Herkunft, die Gemeinden charismatischer Wunderheiler wie diejenigen calvinistischer Moralprediger, die Träger der elektronischen Kirchen wie die technikfeindlichen Amish, weltflüchtige Sekten und religiös­politische Massenorganisationen subsumiert.»

Riesebrodt unterscheidet weiter in Anlehnung an Max Weber von einem Fundamentalismus der Weltbeherrschung und einem Fundamentalismus der Weltflucht. Daneben ist auch an die Existenz von (biblisch wohl am ehesten legitimierbaren) Mischformen zu erinnern, so auch an die Weltzugewandtheit der Evangelikalen: Weltverantwortung durch Weltüberwindung. Interessant ist, dass der christliche Fundamentalismus in der Öffentlichkeit teilweise und einseitig den Ruf geniesst, es gehe ihm um mehr Einfluss in der Welt. Diese Auffassung ist mitunter durch das auf Auftreten von denjenigen Tele­Evangelisten entstanden, die ihr Bekanntsein auch als Plattform für die Kandidatur von politischen Ämtern zu nutzen suchten. Die Tele­Evangelisten (wobei nicht alle von ihnen als negativ zu beurteilen sind), haben sich gemessen an dem, wie viele evangelikale Christen je hinter ihnen gestanden sind, eine wohl zu überproportionierte Plattform geschaffen. Die finanzstarken Kreise in der evangelisch-konservativen Bewegung sind oft nicht deckungsgleich mit denen, welche versuchen, auf profunder biblischer Grundlage ihre eigene Kultur und ihren eigenen Lebensstil zu hinterfragen und zur geistigen Entwicklung der Christen etwas beizutragen. Für das negative Aussenbild des Fundamentalismus mitverantwortlich ist sicher auch die mangelnde Recherche von einem Teil des Journalismus, welcher die Sicht über den Islamismus und vor allem über deren militanten Flügel allzu einseitig auf die christlichen Fundamentalisten übertragen haben. Jedenfalls ist das negative Image über den christlichen Fundamentalismus in der Öffentlichkeit kaum mehr zu korrigieren, vor allem seit in den USA Fanatiker auf Abtreibungsärzte zu schiessen begonnen haben. Dementsprechend ist die Austrittswelle vieler Evangelikaler aus der amerikanischen Anti-Abtreibungs-Bewegung Mitte unserer neunziger Jahre zu erklären, ein Umstand, der in der säkularen Presse keine Würdigung fand.

In den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts schien der Modernismus plötzlich die Oberhand zu gewinnen. Kägi berichtet vom Einfluss der Liberalen auch auf bibeltreue Ausbildungsstätten: «... Als Folge verloren viele Fundamentalisten ihr Vertrauen in die Möglichkeit wahrhaft bibeltreuer Theologie innerhalb von bestehenden Kirchen. Und was vor allem geschah, war ein stark um sich greifender Trend zum Verlassen der bestehenden Kirchen und deren Ausbildungszentren ... Francis A. Schaeffer ... nennt diejenige Gruppe des Fundamentalismus, die überall austrat, um eigene Werke zu beginnen, die 'Separatistenbewegung'. Ihre Anhänger stellte das Austreten oft geradezu als das Kennzeichen echter Bibelgläubigkeit hin. Die anderen, welche im Bestehenden verblieben, um dieses von innen heraus zu erneuern, wurden als Anpasser tituliert.» Der Riss zwischen separatistischen und dialogischen Fundamentalisten begann schon in dieser Zeit, auch wenn er erst 1942 mit der Gründung der National Association of Evangelicals NAE und 1947 mit der Gründung des Fuller Seminary in Pasadena/Kalifornien so richtig sichtbar wurde. In der amerikanischen Literatur wird der Neo-Evangelikalismus als gemässigte Erneuerung des Fundamentalismus auch als Reforming Fundamentalism bezeichnet. Kägi: «... Der Fundamentalismus separatistischer Prägung war nämlich 'zunehmend in einen falschen Plan verfallen, der jede Herausforderung an die ihn umgebende Kultur als ungeistlich ansah.' (Francis A. Schaeffer) ... »

Der Grund, warum es zu einer richtigen Abgrenzung des gemässigten Neo-Evangelikalismus von der fundamentalistischen Bewegung war die Frage, wie stark man sich als Christen von der Welt (und damit auch von denjenigen Kirchen, die als weltlich empfunden wurden) separieren soll. Die Neo-Evangelikalen separierten sich von der Welt, indem sie zumindest gedanklich gegenüber dem Militär, der Industrie und den Banken kritisch gegenüber standen. Die bürgerlichen Fundamentalisten sahen ihre Abgrenzung mehr gegenüber Kommunisten, Pazifisten, Arbeitslosen und Ausländern. Es ist daher nicht völlig falsch, diese Trennung zumindest tendenziell auch als eine Scheidung zwischen politisch links und politisch rechts stehenden theologisch konservativen Protestanten zu definieren. Natürlich gab es auch eine sehr wesentliche theologisch-dogmatische Dimension dieser Trennung. Am meisten litten darunter jedenfalls diejenigen, welche theologisch sehr konservativ und (vielleicht gerade deshalb) politisch sehr progressiv dachten. Sie fühlten sich fortan nur in wenigen Denominationen richtig zu Hause.

Das Jahr 1947 hängt mit der Gründung des neo-evangelikalen «Vorortes» in Gestalt eines theologischen Seminars zusammen. Er schreibt: «Nach einigen Vorgesprächen kam es 1947 zur Gründung des Fuller Theological Seminary (FTS) in Pasadena, Kalifornien, benannt nach dem Gründer, Charles E. Fuller, einem damals bekannten Radio-Evangelisten. Unter dem Präsidium von Harold J. Ockenga [er «erfand» 1947 den Terminus «neo-evangelikal» / Anm. d. Verf.], einem umsichtigen, gebildeten Gentleman und Pfarrer an der Park Street Church in Boston, nahm die kleine Fakultät ihre Arbeit auf. Alle Dozenten ... teilten die gleiche Erbschaft: Altprotestantismus ..., amerikanischer evangelicalism (erweckliche Erneuerungsbewegungen evangelistischer Art) und Fundamentalismus. Das gemeinsame Ziel bestand darin, eine Institution ins Leben zu rufen, in der Menschen dazu ausgerüstet werden konnten, um dem Modernismus wirkungsvoll Widerstand leisten zu können. Zugleich sollte das FTS als Zentrum für evangelikale wissenschaftliche Arbeit ... dienen. Die Lehrkräfte wollten nicht lediglich Bibelstudium anbieten, sondern waren entschlossen, ein ganzes christliches Schrifttum zu schaffen, welches durch seine argumentative Kraft sogar in den grössten intellektuellen Zentren eine Zuhörerschaft gewinnen würde. Von Anfang an stand Mission und Evangelisation im Zentrum. Wenn auch bald das Bemühen um evangelikale wissenschaftlich-theologische Arbeit zusammen mit dem wachsenden sozialen Bewusstsein ins Zentrum rückten, so blieb doch der Missionsauftrag das sine qua non ... 1949 kam es zu engen Kontakten mit dem noch sehr jungen Evangelisten Billy Graham. Diese Beziehung blieb lange bestehen und half mit, junge Menschen zum Theologiestudium am FTS zu ermutigen. Am Fuller Theological Seminary lehnte man sowohl die lehrmässigen als auch die kulturellen Implikationen eines konsequenten Dispensationalismus ab [Dispensationalismus ist die Lehre von relativ starren Abschnitten (dispensations) in der Heilsgeschichte der Menschheit / Anm. d. Verf.], während an den Fundamenten des Fundamentalismus festgehalten wurde ... Was Marsden als zentrales Motiv des FTS bezeichnet, war das Bemühen, eine Kraft der Erneuerung und der Erweiterung des Fundamentalismus zu sein. Mit dieser doppelten Ausrichtung sah sich das FTS zugleich einer doppelten Konfrontation gegenüber: protestantischer Liberalismus auf der einen und strikter Fundamentalismus auf der anderen Seite. Für die einen war es stets zu bibeltreu, für die anderen aber zu offen. Auf dieser Gratwanderung zwischen zwei theologischen Welten wuchs das FTS stetig, trotz Kämpfen im Inneren und Spannungen nach aussen. Der theologische Weg, den es einschlug, führte dazu, dass es bereits nach einem Jahrzehnt (1957) mit Fug und Recht behaupten konnte, es spreche für einen grossen Teil des amerikanischen Protestantismus. Der Fundamentalismus hingegen war mittlerweile auf eine bedeutend kleinere Gruppe geschrumpft, vielleicht einige Millionen Anhänger zählend.»

Kägi weiter: «Das Verhältnis des Neo-Evangelikalismus zum Fundamentalismus wurde mit den Jahren immer schwerer definierbar. Während die Vertreter des FTS Separatismus und militanten Dispensationalismus des späten Fundamentalismus eindeutig ablehnten, hielten sie doch an der fundamentalistischen Verteidigung des Glaubens fest. Zu dieser apologetischen Seite ihres Engagements gehörte auch die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Schrift ('Inerrancy of Scripture'), das Herzstück fundamentalistischen Denkens. 1962 erreichten die spannungsvollen Diskussionen um das Verständnis der Irrtumslosigkeit der Schrift am FTS ihren Höhepunkt. Der Sohn des Gründers, Dan Fuller, war eben von einem dreieinhalbjährigen Europaaufenthalt zurückgekehrt, wo er in Basel theologisch gearbeitet hatte. An einer Planungskonferenz für die nächsten zehn Jahre brachte er sein Schriftverständnis in die Diskussion ein, was zu vehementen Auseinandersetzungen führte. Seine Meinung war, dass die Bibel nur Irrtumslosigkeit beansprucht, was die Offenbarungslehre ..., den Weg zum Heil betrifft. In den anderen Dingen, wie kosmologische Theorien oder historische Details, bediente sich Gott, so Dan Fuller, den unvollständigen Vorstellungen derjenigen Menschen, welche die Bibel schrieben ... Edward J. Carnell entgegnete ihm, dass eine solche, rein induktive Verteidigung der Wahrheit der Schrift, wie Fuller sie vertrat, philosophisch verhängnisvoll sei. Man sollte vielmehr mit der Hypothese an die Bibel herantreten, dass sie wahrhaftig Gottes Wort sei ... Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Schrift war am FTS eine Sache, die allen sehr am Herzen lag. Wohl deshalb war es nie möglich, sie als eine rein intellektuelle Frage, losgelöst von allem anderen zu diskutieren. Stets war sie unauflöslich verbunden mit politischen, persönlichen, lehrmässigen und anderen Belangen. So führten die Diskussionen nicht weiter. Die konservative Seite war bestürzt über das Anliegen Dan Fullers, denn für sie war Irrtumslosigkeit der Schrift die logische Folge von 2. Timotheus 2,16, dass 'alle Schrift von Gott inspiriert ist'. Gott aber würde nie einen Irrtum inspirieren. Auch Jesu Gebrauch des Alten Testaments zeige, so die Überzeugung der Konservativen, dass Jesus selbst die Schriften als historisch genau und zuverlässig bis ins Detail betrachtete. Schliesslich sei es höchst problematisch zu behaupten, ein Teil der Schrift sei irrtumslos und ein anderer nicht. Wer wolle dann entscheiden, was zu welchem Teil gehöre und welches der Massstab sei? ... Die Konservativen ... hielten deshalb an einer 'strict inerrantist position' fest, weil die Geschichte der meisten Ausbildungsstätten, die einmal bibeltreu begonnen hatten und dann bei der Lehre der biblischen Irrtumslosigkeit Kompromisse eingingen, sehr bald in den Liberalismus und sogar Säkularismus geführt habe. Genau das wollten die Theologen am Fuller Theological Seminary (FTS) verhindern. Teilweise gelang das Vorhaben ... Im Verlauf der nächsten fünf Jahre ging die Epoche zu Ende, in der das FTS die führende und richtungsgebende Kraft auf dem Weg vom Fundamentalismus zum heutigen Evangelikalismus war. Der Neo-Evangelikalismus war nun keine einheitliche Bewegung mit einer massgeblichen Schule mehr. Wenn der Neo-Evangelikalismus im Sinne des FTS auch noch in Organisationen und Individuen weiterlebte ..., so war sein intellektuelles Erbe mittlerweile doch viel breiter und amorpher geworden ... So wurde aus der neo-evangelikalen Bewegung gegen Ende der 60er Jahre ein immer breiter werdender Strom, den wir mit Evangelikalismus bezeichnen.»

Kägi schlägt vor, die neo-evangelikale Strömung innerhalb der evangelisch-konservativen Bewegung in den USA für den Zeitraum von 1947 bis 1967 anzusetzen und für die Zeit seit 1967 der Einfachheit halber nur noch vom Evangelikalismus zu sprechen.

Bei Kägi sind die Hauptanliegen der evangelikalen Bewegung aufgelistet:

Den Fundamentalismus nach der neo-evangelikalen Abspaltung bezeichnet Kägi als Spätfundamentalismus: «... in den 70er Jahren lebte der Fundamentalismus in der Form des pointiert apolitischen Fundamentalismus nochmals auf. Vor allem Jerry Falwell war es, der in den USA die Meinung vertrat, dass echte Christen sich nicht in die Politik einmischen sollten. Eine Nachblüte des bereits einseitigen Fundamentalismus der 30er und 40er Jahre also. - Ein Jahrzehnt später, 1980, kam dann der andere Zug des Fundamentalismus, der sozialpolitisch aktive, in einem noch nie dagewesenen Masse zum Tragen: so entstand während der Regierungszeit von Präsident Ronald Reagan (1980-1988/Anm. Hrsg.) ein politischer Fundamentalismus christlicher Prägung. Auch hier war wieder Jerry Falwell tonangebend, zusammen mit anderen führenden Persönlichkeiten ... Obwohl beim politischen Fundamentalismus der 80er Jahre auch theologisch fundamentalistische Elemente der frühen Jahre mit dabei waren, ist die weit verbreitete Meinung doch nicht zutreffend, nach der wir es in der Reagan-Ära mit dem eigentlichen Fundamentalismus zu tun hätten. Denn das politische Moment steht im Vordergrund, an erster Stelle, und das war im Fundamentalismus nie der Fall, auch wenn er politisch aktiv wurde; immer kam zuerst Mission und Evangelisation und das Bemühen um Bibeltreue. Politiker vereinnahmen gerne alles und alle, die sich in ihrem Sinne verhalten. Deshalb wäre es falsch und gefährlich, eine ganze Bewegung wie die des Fundamentalismus politischen Zielen einverleiben zu wollen! Wo das die Medien trotzdem getan haben, da diente es leider einer allzustarken Unterstützung der Reagan-Regierung. Andererseits verbreitete es unglücklicherweise die unrichtige Meinung, im politischen Fundamentalismus der 80er Jahre lebe der ganze Fundamentalismus wieder auf, wo doch die geschichtliche Grösse des Fundamentalismus bereits nicht mehr existierte und der politische Fundamentalismus lediglich eine Nachblüte eines Teiles des Fundamentalismus war. - Die umfassendste und wirkungsvollste Nachblüte des Fundamentalismus besteht wohl im 'Fundamentalismus als Geisteshaltung'. Alle Elemente aus der Geschichte des Fundamentalismus kommen hier vor. Bis heute macht sich eine fundamentalistische Geisteshaltung an verschiedensten Orten auf unterschiedliche Weise bemerkbar. Auch im Evangelikalismus, oder besser: an dessen Rande, tritt sie gelegentlich auf.» Soweit Kägi.