Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Die Pfingst- und die charismatische Bewegung in den USA
Zuerst müssen wir uns nochmals bewusst machen, dass es innerhalb des Protestantismus verschiedene bibeltreue Bewegungen gibt. Evangelikalismus und Fundamentalismus sind aber sicher die zwei wesentlichsten Richtungen. Trotzdem muss hier auch auf die charismatische Erneuerungsbewegung hingewiesen werden, die sich vor allem seit Anfang der sechziger Jahre in unserem Jahrhundert auch in den USA ausbreitete (in den achtziger Jahren und teilweise schon in den siebziger Jahren auch bekannt als «Dritte Welle des Heiligen Geistes»). Hatten die Charismatiker in den Pfingstgemeinden seit anfangs Jahrhundert ihre eigenen Institutionen, so wuchs mit der Zeit eine charismatische Bewegung heran, die auch andere Denominationen erfasste und zwar nicht nur protestantische. Die charismatische Gemeindeerneuerung hat gerade auch im Katholizismus zu neuen Aufbrüchen geführt. In der Literatur wird die charismatische Bewegung aufgrund ihrer augenfälligen Unterschiede in der Glaubenskultur aber als eigene Richtung behandelt. Trotzdem müssen wir uns bewusst sein, dass der Charismatismus viele Berührungspunkte mit dem Evangelikalismus und dem Fundamentalismus hat. Auch bei den Charismatikern gibt es solche, welche eher separatistisch und fundamentalistisch, und andere, welche mehr weltoffen und evangelikal geprägt sind. So sehr sich diese verschiedenen Bewegungen um der eigenen Identität willen voneinander abgrenzen, so gibt es jedenfalls immer wieder Versuche um Verständigung über die Grenzen hinweg. Anderseits gab es auch sichtbare Trennungen, als sich die Fundamentalisten 1928 prinzipiell von den Pfingstlern abgrenzten (in Deutschland war dies bereits 1909 durch die Berliner Erklärung geschehen).Die Anfänge der Pfingstbewegung gehen auf eine Erweckung unter den Afro-Amerikanern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. In der, in sich sehr heterogenen Pfingstbewegung, spielen die Harmonie der erlebten Empfindungen diejenige Schlüsselrolle, welche in anderen evangelisch-konservativen Richtungen die Harmonie der Worte inne hat. In der Harmonie der Empfindungen schlägt das afrikanische Temperament durch. Verständlich, dass man bis heute in den afro-amerikanischen Kirchen der Pfingstbewegung mitreissende Gesänge hört, in den euro-amerikanischen Kirchen der Gesang eher als mässig bis schlecht zu beurteilen ist (wenn auch im Vergleich zum Kirchengesang im deutschsprachigen Europa immer noch als angenehm empfunden wird). Verständlich daher, dass die Pfingstbewegung auch unter den hellhäutigen Amerikanern grosse Marktanteile gewinnen konnte, um diesem und anderen Mängeln abzuhelfen. Umgekehrt haben sich auch dunkelhäutige Amerikaner vom kopfbetonten Glaubensstil der Weissen inspirieren lassen.
Lehrmässig unterscheiden sich die Pfingstler von Evangelikalen und Fundamentalisten durch ihre Lehre vom Reden in fremden Zungen als Zeichen der Geistestaufe. Die Geistestaufe ist eine Art zweite Bekehrung, die lehrmässig - wenn auch nicht in dieser Ausprägung - auf John Wesley zurückgeht. Davon unterschieden wird die Zungenrede im engeren Sinn, eine besondere Geistesgabe, welche nur gewisse Gabenträger erhalten. Genau genommen wurde bis etwa 1908 in der amerikanischen Pfingstbewegung eine Dreistufen-Erfüllung gelehrt. Die erste Stufe ist die Bekehrung und Wiedergeburt, die zweite die Heiligung (und zwar als ein plötzliches Werk des Heiligen Geistes und nicht als etwas prozessuales, lebenslanges wie bei den Evangelikalen) und die dritte Stufe ist die Geistestaufe nach der Heiligung, die eben durch das Zungenreden gekennzeichnet ist. Dieses Dreistufenschema war neben der Pfingstbewegung auch in der Nazarener-Kirche und anderen nichtpfingstlichen Heiligungskirchen gelehrt worden. W.H. Durham, Evangelist in Chicago und Los Angeles, empfing 1907 die Geistestaufe. Er reduzierte, unter baptistischem Einfluss - wie Hollenweger festhält -, die drei Stufen auf zwei, indem er Bekehrung und Heiligung zusammenfallen liess.
Dispensationalistisch geprägte Fundamentalisten sagen auf der gegenüberliegenden Seite des Meinungsspektrums, dass das Zungenreden nur in der urchristlichen Zeit zu finden gewesen sei und damals aufgehört habe. Sowohl die pfingstlerische wie die fundamentalistische Ansicht steht biblisch betrachtet auf schwachen Füssen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischendurch, in der Nähe der evangelikalen Positionen. Das Zungenreden als Ausweis der Geistestaufe ist meistens ein psychologisches Erlebnis, in welches sich die Gläubigen hineinsteigern. Es besteht aus lallendem Aneinanderreihen von irgendwelchen Lauten. Manchmal spricht ein Pfingstler in der Versammlung eine fremde, irdische Sprache, die niemand sonst in der Gemeinde versteht. Dies wird von den anderen dann als Gabe des Zungenredens interpretiert. Pech ist für den Showzungenredner, wenn jemand da sitzt, der eine solche Sprache zufällig versteht. Trotzdem darf nicht alles Zungenreden in den gleichen Topf geworfen werden. Das biblische Zungenreden dürfte sicher noch vorkommen, wobei die Betreffenden sich meist damit zurückhalten, weil ihnen bekannt ist, wieviel Falsches auf diesem Gebiet vorhanden ist. Der bekannte lutherische Pfarrer Larry Christenson hielt fest: «Das Mittel gegen den Missbrauch heisst nicht Nichtgebrauch, sondern rechter Gebrauch.» Auch die biblischen Vorschriften für den Gebrauch des Zungenredens sind selbst für die urchristliche Gemeinde streng. Sogar Paulus weist darauf hin, er wolle lieber fünf Worte mit dem Verstand reden als tausend in Zungen. Jedenfalls ist das psychologische Zungenreden, wie alles Gefühlsbetonte, eine Überreaktion auf die traditionelle Glaubenskultur, welche das Emotionale zu lange als etwas Schlechtes angesehen und es dahin verdrängt hat, wo es Schaden anrichtet (also ein innerevangelikales Pendant zum gefühlskalten, mechanistisch-modernen Weltbild des gesellschaftlichen Umfeldes).
Der Ausgangspunkt der Pfingstbewegung wird von pfingstlerischen Publizisten auf das Jahr 1901 in Topeka, Kansas, angesetzt, wo der ehemals methodistische Charles Fox Parham wirkte. Nach einer anderen Quelle sollen bereits 1892 Versammlungsteilnehmer in Liberty/Tennessee die Geistestaufe mit Zungenreden empfangen haben, wie Fleisch berichtet. Im Februar 1905 gab es in Los Angeles aufgrund einer Evangelisation Chapmans in Anknüpfung an die walisischen Aufbrücke eine Erweckung. Der Baptistenprediger Smale hatte während seiner Rückkehr aus Palästina die Erweckung in Wales kennengelernt und so begann bereits 1905 in der First Baptist Church etwas Ähnliches. Den Gemeindebeamten war die Sache aber nicht so geheuer, sodass Smale mit den «geistlichsten Mitgliedern» austrat und die First New Testament Church gründete. Von einer privaten Gebetsversammlung an der Bonnie Brae Street in Los Angeles heisst es, dass am 9. April 1906 das «Feuer vom Himmel» gefallen sei. In einer anderen Heiligungsgemeinschaft von Schwarzen wurde die Geistestaufe aber schon mehrere Jahre erlebt. Andere erwähnen als Ausgangspunkt der Bewegung die alte Methodistenkirche an der Azusa-Street 312 in Los Angeles, welche von W. J. Seymours Leuten gemietet wurde (er selber besuchte die Bibelschule von Parham in Houston/Texas). In der Azusa-Street-Mission fanden während dreier Jahre ununterbrochen Gebetsversammlungen statt mit Zungenreden, Zungensingen und prophetischen Reden. Die ekstatischen Ausbrüche in der sehr einfach hergerichteten Kirche kannten zuweilen keine Grenzen. Die Zeitung New York American schrieb am 3. Dezember 1906: «Der Glaube gibt einer merkwürdigen Sekte eine neue Sprache, um Afrika zu bekehren. Jede Nacht erleben sie 'Wunder'. Die Führer der Bewegung sind fast alles Neger ...». Das Aufnehmen der Geschichte in der Tagespresse war jedenfalls die beste Propaganda für die Pfingstbewegung.
P. Boddy, der spätere Führer der englischen Pfingstbewegung kam 1912 nach Los Angeles und suchte nach dem Haus Azusa-Street 312. Die Azusa-Street war eine kleine, unscheinbare Sackgasse nahe beim Güterbahnhof mit einem schäbigen Strassenschild. Da Seymour auf Reisen war, erzählte seine Frau P. Boddy, was sich damals zugetragen hatte. Boddy berichtet (zitiert bei Fleisch): «Es war gerade am Karfreitag 1906; sie war damals noch unverheiratet und ging aus, bei Herrschaften zu kochen. Sie hatte an dem Tage, wo Gäste da waren, zur allgemeinen Zufriedenheit gekocht (es war gerade ein paar Stunden, nachdem sie mit dem Heiligen Geist getauft war) und während ihre Herrin zu ihr sprach, konnte sie nicht anders, als ihrem übervollen Herzen Luft machen und brach plötzlich in freudigen Lobpreis aus, in der ihr neu geschenkten Sprache. Ihre Herrschaft so wie die Gäste waren darüber höchst bestürzt. Einer derselben kam dann zu ihr und gab ihr den Rat, sie möchte doch acht Tage lang ausspannen. Sie weigerte sich erst und sagte, dass sie sich gar nicht angegriffen fühle. Als es ihr aber dämmerte, dass man um ihren Verstand besorgt sei, da willigte sie ein.»
Die neue Bewegung erhielt vor allem deshalb starken Zulauf, nachdem San Francisco am 18. April 1906 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Die Azusa-Street-Mission bestand bis 1923. Ende 1906 gab es bereits neun verschiedene Pfingstversammlungen in Los Angeles, wovon nicht alle in brüderlicher Eintracht miteinander lebten. Hollenweger schreibt: «Das 'Pfingsterlebnis von Los Angeles' war weder eine von Dämonen verursachte Verführung der Kirchen (so die deutsche Gemeinschaftsbewegung) noch eine Ausgiessung des Heiligen Geistes (so die Pfingstbewegung), sondern ein aus der Geschichte der Negergemeinden in Amerika bekannter, unter Schwarzen häufig vorkommender enthusiastischer Ausbruch, der seine besondere 'pfingstliche Qualifikationen' durch Parhams Theorie vom obligatorisch zur Geistestaufe gehörenden Zungenreden bekam.» Wir sehen daraus, dass die Phänomene geistlicher, (para-)psychologischer und soziologischer Art waren. Ob Gott selber seine Hände im Spiel hatte? Aber wer kann dies schon objektiv beurteilen ...
Organisatorisch entstanden u.a. folgende Pfingstkirchen: 1914 die Assemblies of God (Zentrale in Springfield/Missouri, 1922 wurden daraus 222 Missionare ausgesandt, 1954 6100 Gemeinden und 370 000 Mitglieder), Apostolic Faith (Sitz in Portland/Oregon), Church of God (Sitz in Cleveland/ Tennessee, 1954 200 000 Mitglieder), 1918 die International Church of the Four Square Gospel (Los Angeles), das vierfache (auch quaternär genannte) Evangelium bezieht sich auf Vergebung, Heilung, Geistestaufe mit dem Zeichen der Zungenrede und die Nähe der Wiederkunft Christi, 1954 76 000 Mitglieder). 1924 entstanden übrigens die Assemblies of God in Great Britain and Ireland, welche 1953 bereits 457 Gemeinden hatte (und 1948 die British Pentecostal Fellowship als Verband der pfingstlerischen Hauptrichtungen). Im Oktober 1948 gründeten 10 pfingstliche Richtungen der USA die North American Pentecostal Fellowship.
Nach dem ersten starken Wachstum der Pfingstbewegung innerhalb der etablierten Kirchen entstanden unabhängige Pfingstgemeinden erst in zweiter Linie. Ebenso wuchs der Einfluss auch auf der internationalen Ebene, vor allem durch die Oral Roberts Universität in Tulsa, Oklahoma. Natürlich erregten die Pfingstler durch ihre oft ausflippende Art innerkirchlich wie ausserkirchlich Widerstand. Trotzdem gab es auch viele Sympathisanten. Der ehemalige Präsident des Princeton-Seminars, Dr. John Alexander Mackay, sagte: «Wenn wir zu wählen hätten zwischen der ungehobelten Frömmigkeit der Pfingstler und dem ästhetischen Tod der traditionellen Kirchen, so würden wir das erstere wählen.».
Die Pfingstler waren noch 1936 wesentlich in den Südstaaten beheimatet. Die Afro-Amerikaner waren bei den Pfingstlern stärker vertreten, als es ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten machen könnte. Zudem gab es mehr Frauen als Männer, was angesichts der emotionaleren Glaubenskultur nicht weiter erstaunt (wobei man Ursache und Wirkung nicht verwechseln darf). Hollenweger schreibt 1969: «Das Durchschnittseinkommen der Mitglieder pro Pfingstgemeinde lag unter demjenigen aller amerikanischen Kirchgemeinden, sogar unter demjenigen der amerikanischen Negergemeinden. Diese Zahlen geben einen guten Einblick in die soziologische Struktur der Pfingstbewegung vor dem Zweiten Weltkrieg, sind aber heute zum grössten Teil überholt.» Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auch einen starken pfingstlerischen Einfluss durch die Fernsehsendungen von Oral Roberts, die Heilungskampagnen, die Evangelisation von Drogensüchtigen, von denen viele durch die Pfingstgemeinden primär- oder re-sozialisiert wurden. Integrativ wirkten auch pfingstlerisch geprägte, interkirchliche Organisationen wie die 1953 gegründete Full Gospel Business Men's Fellowship International (Geschäftsleute des vollen Evangeliums). Die Gemeinschaft dieser Geschäftsleute gründete weltweit Ableger. Der europäische Direktor hat sich später aber mit dem europäischen Zweig von der internationalen Zentrale in Los Angeles losgelöst, wie Hollenweger schreibt. Aber auch die neue, breiter abgestützte Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute (IVCG), mit Sitz in Zürich, hat bis heute einigen Einfluss, wenngleich im wesentlichsten nicht für genuin pfingstlerisches Gedankengut. Die Geschäftsleute des vollen Evangeliums haben in Europa später wieder neue Filialen gegründet. Nicht wenige Geschäftsleute sind durch solche Organisationen zum christlichen Glauben gekommen, weil sich die für die breite Masse gedachten traditionellen Evangelisationskampagnen gerade für die Geschäftsleute nicht als sehr wirkungsvoll erwiesen haben. Die europäischen Organisationen christlicher Geschäftsleute stehen dem Wohlstandsevangelium (Prosperity Gospel) amerikanischer Prägung teilweise reserviert oder sogar strikt ablehnend gegenüber.
Zum Zusammenhang zwischen Vineyard-Bewegung, Dritte Welle,
Toronto-Segen und Basileia Schweiz:
Zur neueren charismatischen Bewegung gehört
die sogenannte Dritte Welle, aber auch der sogenannte
Toronto-Segen. Dieser breitete sich seit Anfang 1994 von einer
Vineyard-Gemeinde beim Flughafen Toronto (Kanada) aus. Dabei
lachen, weinen, zittern oder stürzen Gottesdienstbesucher zu
Boden. Der internationale Direktor der von ihm 1978 gegründeten
Vineyard-Bewegung (Dritte Welle), John Wimber aus Anaheim bei Los
Angeles, sprach sich an einer Vineyard-Kirchenkonferenz in Perth
(Australien) 1995 gegen eine Überbewertung des Toronto-Segens
aus. Wichtiger als diese Begleiterscheinungen sei eine gesunde,
biblische Lehre. «Charakteristisch für unsere
Veranstaltungen
sollen christuszentrierte Predigten sowie der Ruf in die
Nachfolge sein, nicht spektakuläre Phänomene», sagte
Wimber.
Die charismatische Vineyard-Bewegung zählte 1995 in 30
Ländern
rund 500 Gemeinden mit etwa 150 000 Mitgliedern.