Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Zur Militanz evangelisch-konservativer
Fundamentalisten
Fundamentalisten im engeren Wortsinne haben
gegenüber den Evangelikalen eine direktive, oft undiplomatische
Sprache in religiösen Angelegenheiten. Der politisierte
Flügel
des Fundamentalismus zeigt dieses Gebahren auch im Rahmen
gesellschaftlicher Debatten. Die Vermischung von religiösem
Fundamentalismus mit politischem Atheismus führt zu Ängsten
in der Bevölkerung gegenüber Christen. Diese Verbal-Militanz
könnte im heutigen Umfeld, wo Terrorismus ein Problem ist, kann
dazu
verleiten, in den evangelisch-konservativen Fundamentalisten
Menschen mit überdurchschnittlicher Neigung zur physischen
Militanz zu sehen. Dies trifft jedoch nicht zu. Es gehört zu den
Freiheitsrechten, zur eigenen Meinung zu stehen. Wie überall
neigen Menschen, die enttäuscht sind dazu, ihre Meinung
undiplomatisch zu sagen. Christen, gerade diejenigen, denen das
Fundament so wichtig ist, müssen sich daher selbstkritisch die
Frage stellen, warum sie so enttäuscht sind. Sind es die eigenen
Lebenskonzepte, die nicht funktionieren, weil man sie ohne Jesus
Christus gelegt hat? Oder wurde die Macht des Gebetes nicht
genügend entdeckt, dass man meint, man könne es mit lauten
und harten Worten besser erreichen, weil man sich selber vertraut statt
Gott?
Hier muss
jedoch nochmal daran erinnert werden, dass im gesellschaftlichen
Diskurs der Begriff Fundamentalismus heute eine andere Bedeutung
hat als in der innerprotestantischen Reflexion.
Evangelisch-konservative Fundamentalisten haben keine höhere
Gewaltbereitschaft als das Umfeld derjenigen gesellschaftlichen
Schicht, aus der sie kommen. Da in den USA Fundamentalisten meist
zu den Republikanern gehören oder mit ihnen sympathisieren (im
Unterschied zu den Evangelikalen), betrachten sie geplante
Einschränkungen zum Waffenbesitz als unzulässige Einmischung
in
die Privatsphäre. Diese Waffen werden gekauft zu Sammelzwecken
oder um das eigene Grundstück vor Einbrechern zu schützen.
Die Waffen gehören zur Kultur in den USA. Das ist etwas, was man
in Europa nicht verstehen kann, weil hier eine andere Geschichte
vorliegt.
Aus
den Morden von einzelnen Psychopathen an Abtreibungsärzten darf
nicht auf eine gewalttätige Disposition
evangelisch-konservativer Fundamentalisten geschlossen werden. Es gibt
überall Mitläufer, die es nicht verstanden haben, was das
Evangelium ist. Vielleicht hat sich aus niemand die Mühe gemacht,
es ihnen gut zu erklären. Weil Kirchen im Unterschied zu den
Sekten offen gestaltet sind, wird es immer Mitläufer geben, gerade
in den grossen amerikanischen Kirchen, wo vieles so anonym ist. Daher
darf man ihre Untaten nicht den Christen vorwerfen, so religiös
geprägt die Argumente der Täter immer auch sind. Ein Christ
darf nicht töten. Ein Christ darf auch keine Waffe tragen. Wer als
Christ eine Waffe trägt, orientiert sich nicht am Fundament Bibel
und ist daher auch nicht Fundamentalist in der ursprünglichen
Bedeutung als Verteidiger derjenigen Bibel, welche zum Pazifismus
auffordert. Auch eine Beteiligung eines Christen in der Armee ist nicht
möglich, ausser bei neutralen Ländern, wo alles auf
Selbstverteidigung ausgerichtet ist. Natürlich wird hier
argumentiert, man müsse der Obrigkeit untertan sein. Aber es steht
in der Bibel auch, dass man seine Glieder (Fähigkeiten) nicht in
den Dienst der Ungerechtigkeit stellen darf. Die Vermischung einer
oberflächlich christlichen Volksreligion mit dem politischen
Atheismus führt zu einer Verwässerung des christlichen
Glaubens und Lebens. Die Zerstörung des Fundamentes passiert heute
oft durch den Fundamentalismus selber.
Fundamentalisten darf man nicht von einer Mitschuld
am Tod von Abtreibungsärzten vollends und generell frei sprechen.
Wer sich für
eine freie Waffenaneignung einsetzt und verbal militant auf
andere gesellschaftliche Gruppen eindrescht, darf sich nicht
wundern, dass psychisch Labile in den eigenen Reihen mit dem
dadurch erzeugten Machtgefühl nicht umgehen können und
mindestens vereinzelt eine
schwere Sünde begehen. Gerade in den USA wird in der
Gottesdienst-Kultur mit den Gläubigen oft Seelen-Massage betrieben
und es macht subjektiv von aussen den Eindruck, dass in der grossen
Zahl von Gottesdiensten, vielleicht ist es sogar die Mehrheit, nicht
die Bibel und das Hören auf Gott und die Gemeinschaft mit Gott im
Vordergrund stehen, sondern die religiösen Konzepte, der Stolz der
Organisatoren oder die religiöse Show ist das Einzige was
zählt. Natürlich kann man hier einwenden, dass sogar durch
religiöse Shows hindurch Gott sich nicht zu schade ist, Menschen
im Herzen zu bewegen, dass viele ihr Leben tatsächlich
ändern. Das ist ja auch das Schöne daran, darf aber nicht
daran hindern, dass Christen nicht müde werden dürfen, die
eigene religiöse Betriebsamkeit immer wieder zu hinterfragen.
Jesus Christus ist doch das Zentrum und nichts anderes und damit ist
der Friede und Verständigung das Zentrum und nichts anderes.
Betreffend des Militärdienstes von Christen muss
hier erwähnt sein, dass auch ein
Verteidigungskrieg von der Rechtsvergeltung schnell in die
Ichvergeltung umschlagen kann und dadurch die Grenze von einem
unter Umständen legitimen Töten zu einem illegitimen Morden
überschreitet. In den Zehn Geboten heisst es korrekt
übersetzt
«Du sollst nicht morden.» (hebr. razach). Dadurch wird oft
fälschlicherweise gefolgert, dass das Töten daher
zulässig sei. Eine in dieser
Intensität unzulässige Schlussfolgerung, wird doch das
Töten
im Alten Testament oft mit der selben Strafe wie das Morden
belegt. Ein Christ hat das Recht, auch in einer Defensiv-Armee den
Dienst zu verweigern. Zum Glück gibt es heute Möglichkeiten,
einen zivilen Ersatzdienst zu leisten, mindestens in den ziviliserten
Ländern. In der Geschichte hat es immer christliche Gemeinden
gegeben, die mit Militärdienstverweigerern in den eigenen Reihen
nichts zu tun haben wollten, weil damals die Angst vor dem Kommunismus
auch unter Christen vieles durcheinandergebrach hat.
In den USA gibt es am rechten Flügel des
Fundamentalismus, also am äussersten rechten Flügel der
evangelisch-konservativen Bewegung allerdings auch Gruppen, die
sich sehr militant verhalten. Wobei man diese eigentlich und
korrekterweise nicht zum christlichen Fundamentalismus zählen
kann. Dazu gehört die Bildung von
para-militärischen Einheiten, welche Schiessübungen und
Manöver veranstalten. Zu den wichtigsten Feindbildern
gehören die Afro-Amerikaner und Angehörige anderer
Religionen oder Homosexuelle.
Offenbar gibt es viele Mitläufer, welche diese Ideen
weiterkolportieren, ohne offenbar im Ansatz verstanden zu haben,
was christlich wirklich bedeutet und dass Chauvinismus und
Rassismus das pure Gegenteil von der eigentlichen Bedeutung von
christlich ist. Es ist daher nicht falsch, in diesem Fall
von rechtsradikalen Gruppen zu sprechen, die sich des christlichen
Vokabulars bedienen, als von christlichen Gruppen, die sich des
radikalen Vokabulars bedienen. Die Geschichte des Rechtsradikalismus
zeigt keinerlei Entstehen aus der christlich-fundamentalistischen
Bewegung. Der Ku-Klux-Klan ist nicht aus der christlichen
Erweckungsbewegung entstanden, das ist ja das pure Gegenteil
voneinander. Wie überall prägen Rechtsradikale, die sich in
ihren Argumenten christliche Versatzstücke aneignen, auch
ungeschulte Gemüter unter konservativen Christen, welche
ähnliche Enttäuschungsbefindlichkeiten durchmachen. Dies ist
eine Folge des ökonomischen Atheismus in denjenigen
kapitalistischen Ländern, welche soziale Gerechtigkeit als eher
unnötig anschauen. Diese Überzeugungen werden oft auch von
konservativen Christen geteilt, weil sie sich nicht die Mühe
machen, nachzudenken. Sie durchschauen den politischen und den
ökonomischen Atheismus nicht und einige durchschauen auch das
rechtsradikale Denken nicht. Dies wird durch die Predigt-Kultur in den
Gottesdiensten oft nicht korrigiert, weil es als
Selbverständlichkeit gilt, dass von Kanzeln keine politischen
Aussagen gemacht werden dürfen, was ja auch wieder
verständlich ist. Natürlich passiert solches nicht nur in den
USA, man wolle sich von religiös geprägtem Anti-Amerikanismus
hüten.
Wir Christen wissen, dass der Atheismus auch im
religiösen Gewand nicht funktioniert. Daher sind die Untaten der
sogenannten Christen auch nicht den Christen vorzuwerfen. Hier
müssen die Massenmedien viel mehr Sensibilität zeigen. Und
die christlichen Gemeinden müssen mehr Sensibilität zeigen,
welche Christen sie auf ihre Mitgliederlisten setzen, damit der Ruf der
Christen nicht so leicht beschädigt werden kann. Natürlich
ist eine zu strikte Mitglieder-Auslese auch wieder schlecht und birgt
andere Probleme in sich, die auch nicht gering sind, aber das ist ein
anderes Thema.