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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Konservative Protestanten und die Medien
Obwohl die modernen Medien wie Radio und Fernsehen in vielen christlich-konservativen Gemeinden verketzert wurden, gab es auch Pioniere, die von der Geburtsstunde des Mediums an eine Möglichkeit sahen, das Evangelium im eigenen wie vor allem in anderen Ländern in weit entlegene Gegenden zu bringen, die sonst diesem Einfluss verschlossen sein würden. In den USA gibt es seit 1920 Radio-(Rundfunk-)Programme, praktisch von Beginn weg auch mit religiösen Sendegefässen. Anfangs der vierziger Jahre war es mit dem Medium Fernsehen dasselbe. Staatliche Sender gab es in den USA nie. Im Gegensatz dazu musste in Europa lange gekämpft werden, bis nur die ersten privaten Stationen auf Sendung gehen durften (ironischerweise zu Beginn nicht von den Territorien der Republiken und Demokratien, sondern von den Fürstentümern aus.). In den USA war einzig die Frequenzzuteilung, wenngleich nicht von Beginn weg, staatlich geregelt, da aus physikalischen Gründen nur eine bestimmte Anzahl von Stationen in dem für Radio und TV bestimmten Frequenzbandabschnitt auf Sendung gehen konnten. Diese Lizenzvergabe war an die Bedingung geknüpft, dass ein Teil der Sendezeit dem öffentlichen Interesse (Bildung, Religion usw.) zu dienen habe. Die grossen Glaubensrichtungen Protestantismus, Katholizismus und Judentum kamen so ohne Entgelt in den Genuss einer öffentlichen Zuhörerschaft. Die religiösen Sendungen im Rahmen der normalen Stationen garantierte eine grössere Zuschaltquote.So guckten die Evangelicals anfangs der vierziger Jahre - die Differenzierung in rechtsevangelikale Fundamentalisten und gemässigte Evangelikalen nahm erst ihren Anfang - buchstäblich in die Röhre. Sie hatten den innerprotestantischen Kampf um die Einflussnahme in kirchlichen und parakirchlichen Organisationen schon längst verloren und konnten in diesem Rahmen praktisch keine Radio- und TV-Programme nach ihrem Gusto verwirklichen. Es blieb nur der Ankauf von Sendezeit oder die noch kostspieligere Gründung eigener Radio- und TV-Stationen.
1944 gründeten 150 evangelikale Programmveranstalter in Ohio die National Religious Broadcasters NRB. Palaver schreibt in seiner Arbeit zum Thema, dass 1960 ein eigentlicher Wendepunkt passierte. Die zuständige Bundeskommission entschied, dass Werbung und Programm nicht mehr getrennt werden müsste. (Dies wäre in der deutschsprachigen Radio- und TV-Landschaft auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts absolut undenkbar.) Die Folge war, dass die Christen bei den herkömmlichen Stationen vermehrt Sendezeit kauften und ihre Programme in einem besseren Umfeld ausstrahlen konnten. Dies war wichtig, weil die Stationen oft auch Betreiber der Kabelnetze waren und auf die Einspeisung eines religiösen 24-Stunden-Programms mangels Attraktivität verzichteten. Da die Preise für die bezahlte Sendezeit stiegen, war es für die Stationen nun umgekehrt nicht mehr attraktiv, den grossen Haupt-Glaubensrichtungen kostenlose Sendezeit zu gewähren. 1977 war die religiöse Sendezeit zu 92 Prozent bezahlt.
Die Vorherrschaft religiöser Programme durch den theologisch liberal dominierte Hauptstrom-Protestantismus, den Katholizismus und das Judentum ging zu Ende. Evangelikale und Fundamentalisten hatten Jahrzehnte Zeit, ihren Freundeskreis aufzubauen und Spenden für religiöse Programme zu sammeln. Die Verdrängung aus den protestantischen Institutionen und der freie Markt hatte sie gestählt, was sich nun auszuzahlen begann (für die fundamentalistische Medien-Oligarchie auch im wörtlichen Sinn). 1985 organisierten die National Religious Broadcasters NRB inklusive den Filialen 1180 Radiostationen. Die NRB sind ein Zweig des evangelikalen Dachverbandes NAE (nicht zu verwechseln mit dem protestantisch-liberalen Dachverband NCC). Der Anteil von Radiostationen mit überwiegend christlichem Programm an allen Stationen ist von 1990 bis 1996 von acht auf 12,5 Prozent angestiegen. 1995 strahlten 1463 Stationen ein vornehmlich religiöses Programm aus, 1998 waren es 1616. Die 111 christlichen Fernsehstationen (Stand ca. 1995) machen 7 Prozent aller Anbieter in den USA aus, 1998 waren es schon 242. Christliche NRB-Radiostationen über UKW gab es 1998 deren 829.
Besonders und über die Landesgrenzen hinaus augenfällig ist der Einfluss der Tele-Evangelisten. Sie predigen, dass sich die Leute zu Christus bekehren und ihren Lebensstil ändern sollen. Viele Christen wurden Anhänger besonders der konservativen Tele-Evangelisten, was deren wirtschaftliche Basis gegenüber anderen Evangelisten verstärkte (ein nicht zu vernachlässigender Grund ist, dass die Spendenbewirtschaftung durch die aufkommende Informatik um Grössenordnungen rationeller und billiger wurde). Zudem wuchsen evangelikale und charismatische Kirchen besonders in dieser Phase, was noch mehr Schwung in die Szene und neue Anhänger der konservativen christlichen Medien brachte. Kam hinzu, dass die Neue Rechte ganz generell begann, mehr Zulauf zu bekommen. So ist es verständlich, dass auch innerhalb der konservativen Protestanten vor allem die theologische und politische Rechte obenausschwang.
Billy Graham passt nicht ins Schema der Tele-Evangelisten. Während die Tele-Evangelisten TV-Stationen gründeten, um zu evangelisieren, predigte Graham seit den vierziger Jahren ununterbrochen, nicht nur in Kirchen, sondern auch in Hallen und Sportstadien, im In- wie im Ausland. Durch seinen Bekanntheitsgrad waren es die TV-Stationen ihrerseits - nicht nur die religiösen - die Graham anfragten, ob sie bei seinen Veranstaltungen ihre Kamera aufstellen dürften. Graham ist trotz seiner konservativen Grundgesinnung partei-politisch neutral, hat dafür aber Einfluss auf Politiker aus unterschiedlichen Lagern, mehr spirituell und sozialethisch als politisch.
Jerry Falwell erreichte mit seiner wöchentlichen TV-Show 5,6 Millionen Haushalte im Monat. Zum charismatischen Flügel des konservativen Protestantismus gehört Jim Bakker. Mit seinem Fernsehnetzwerk PTL erreichte er 1985 5,8 Millionen Haushalte im Monat. 1987 musste er von seinem Tätigkeit zurücktreten. Er scheiterte an den von Graham definierten drei Hauptangriffspunkten des Widersachers: Stolz, Silber und Sex. Pat Robertson erreichte Ende der achtziger Jahre mit seinem Christian Broadcasting Network CBN 16,3 Millionen Haushalte pro Monat. Palaver zitiert in seinem Aufsatz eine Studie, wonach 1985 rund 40 Prozent aller US-Haushalte mindestens einmal im Monat religiöse TV-Programme konsumiert hätten. Nach einer Gallup-Umfrage 1979 waren zwei von drei der Zuschauer von religiösen Sendungen regelmässige Gottesdienst-Besucher.
An allen Tele-Evangelisten ist ihre mangelnde Distanz zum bürgerlichen Materialismus auffällig. Auf die Spitze treiben es die Wunderheiler-Evangelisten, die sagen, wer im Rollstuhl sitze, müsse nur richtig glauben, dann werde er geheilt. Oder müsse nur genug Geld einzahlen, dann gäbe es Gott auf irgend eine Art zurück und man werde schnell reich. Vor allem bei den pfingstlerisch-charismatischen Verkündigern scheint die Vernunft teilweise ganz entrückt zu sein und es ist verwunderlich, dass man diese Geistes-Kriminellen nicht einfach einsperrt.
Bei den Massenmedien haben nicht nur Radio und Fernsehen, sondern auch die Bücher einen grossen Einfluss. So erwirtschafteten 1984 die rund 6000 evangelikalen Buchläden einen Umsatz von 1,25 Mrd. Dollar. Die Anzahl der bedeutenden evangelikalen Verlagshäuser liegt bei rund siebzig. Vor allem seit den siebziger Jahren werden viele amerikanische und auch englische Bücher aus evangelikalen Verlagen ins Deutsche übersetzt. Die Dominanz amerikanischer Autoren und Autorinnen im deutschsprachigen evangelikalen Buchmarkt ist unverkennbar (und da es praktisch keine schweizerischen evangelikalen Verleger gibt, ist auch der schweizerische Evangelikalismus vom amerikanischen Evangelikalismus geprägt - sowie auch stark vom deutschen Pietismus). Das Umgekehrte, die Übersetzung deutschsprachiger Werke von evangelikaler Autoren und Autorinnen ins Amerikanische ist selten und geschieht auch da oft entlang von familiären oder andern starken sozialen Kontakten.
Gemäss einer Gallup-Umfrage vom Herbst 2000 lesen sechs von zehn US-Amerikanerinnen und -Amerikanern wenigstens gelegenheitsmässig die Bibel, mit einer stärkeren Affinität bei Frauen, Republikanern, Senioren und Nicht-Weissen. 33 Prozent erachten, dass die Bibel wörtlich zu nehmen sei, 47 Prozent sehen sie als von Gott inspiriert, welche aber fehlerhaft ist und 17 Prozent sehen die Bibel als Sammlung von Fabelgeschichten.
Zu einer Fernsehindustrie gehört auch die Filmindustrie. Die Filmindustrie der Evangelikalen ist derjenige religiöse Medienzweig, der in Zukunft am meisten wachsen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Filme auch weltweit in die Kinos kommen, dürfte in den nächsten zwanzig Jahren zunehmen. Eine Unterwanderung von Hollywood ist unwahrscheinlich, dazu ist die Kluft zu gross. Neue Filmgesellschaften sind jedoch entstanden und einige, von denen heute noch nicht viele wissen, werden in Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen. Natürlich ist es schwierig, das Risikokapital zu beschaffen. Was sehr schwierig ist, an gute Skripte heranzukommen, welche dazu führen, einen Film mit besseren und bekannteren und damit auch teureren Schauspielenden zu besetzen. Für gute Filme, die nicht nur dialogisch aufgezogen sind, sondern auch Action beinhalten, muss in der Vorbereitung und am Set sehr aufwendig und entsprechend teuer gearbeitet werden. Werden solche Filme einem grösseren Publikum bekannt, wird auch das Geld in Form von Einnahmen und neuem Risikokapital fliessen. Evangelikale Filme in den Kinos, das ist die Vision, an die nicht wenige Evangelikale erst dann glauben, wenn sie es sehen werden. Die evangelikale Gemeinde in den USA ist so gross und die Umstände so gut, dass eine solche, grosse und bedeutende neue Filmindustrie vor allem dort entstehen dürfte und nicht in Europa oder Australien.
Zur evangelikalen Medienwelt sind auch die Bibliotheken zu zählen. In der evangelischen Welt im deutschprachigen Welt hat die kirchliche Bibliotheksarbeit keine grosse Bedeutung, ausser im kirchlich-wissenschaftlichen Bereich, wo es ein Dachverband gibt. Die evangelikalen Bibliotheken in den USA sind zusammen geschlossen in der Evangelical Church Library Association ECLA mit Sitz in Glen Ellyn, Illinois, welche für Ausbildung und andere Dienstleistungen zur Verfügung steht.