Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA

Inhaltsverzeichnis


Herausgeber: Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2005
Schlussredaktion: Rolf Strasser



Der Kreationismus

Ende 1997 haben Physiker am Genfer Kernforschungszentrum CERN herausgefunden, dass sich Informationen auch mit Überlichtgeschwindigkeit ausbreiten können. Bisher galt die Lichtgeschwingkeit als absolut unüberwindbar. Wir leben in einer Zeit, wo feste Vorstellungen über unsere Welt brüchig werden. Vorstellungen, wie sie der Kreationismus vertritt, werden in Zukunft nicht einfach als Produkt von Spinnern abgetan werden können. Wer heute dieses Gedankengut vertritt, kann sich des Spottes von anderen noch sicher sein. Aber die Zeiten ändern sich. Die Ergebnisse der neueren Physik führen zu einer Wiederannäherung des modernen Menschen ans Religiöse. Es wird wieder neu einsichtig, dass die Welt der Wissenschaft und die Welt der Religion je ihre eigene Erkenntnissphäre hat und die Methodik nicht beliebig austauschbar ist. Die modernistische Theologie fusst auf einem inzwischen veralteten Weltbild. Man kann davon ausgehen, dass mit der Relativierung dieses Weltbildes, wie es sich heute anbahnt, die modernistische, liberale Theologie von selber wieder verschwinden wird.

Eine solche Sicht hatten die Christen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch noch nicht, von daher gestaltete sich ihr Einsatz für das reformatorische Christentum und den Widerstand gegen den Liberalismus. Die heutige Herausforderung an der Schwelle des Niedergangs der liberalen Theologie besteht darin, einer synkretistischen, esoterisch-religiösen Welt die absoluten Werte des christlichen Glaubens plausibel zu machen. Diese Form von Fundamentalismus, welcher vor allem auf das Feindbild "Liberalismus" gegründet ist, wird mit dem Niedergang des Liberalismus wahrscheinlich auch verschwinden, früher oder später. Das Anliegen, Evangelium plausibel zu machen, bleibt.


Darwinismus als Stein des Anstosses

Der Kreationismus ist biblische Überzeugung, aber auch die fundamentalistische Antwort auf den Darwinismus. Ein Wissenschafter bemerkte zu Beginn unseres Jahrhunderts, dass der Darwinismus zwar in England geschaffen, zunächst aber vor allem in Deutschland seine Heimat gefunden hat, besonders durch Ernst Haeckel (1834-1919). So ist es nicht verwunderlich, dass auch viele Christen im deutschsprachigen Raum Gedanken aus dem Darwinismus übernahmen. Zu den traditionellen Standpunkten des Fundamentalismus gehört der Kreationismus, also die Überzeugung, die Erde wurde aus dem Nichts in sechs Tagen erschaffen (creatio ex nihilo).

Der neuere Kreationismus lehrt zwar ebenfalls eine Art von Evolution, doch handelt es sich hier aber nur um eine Mikroevolution innerhalb einer biologischen Art. Das heisst, dass sich die Arten untereinander nur innerhalb eines Grundtyps kreuzen können. Es sei anzunehmen, dass der Schöpfungsbericht meint, Gott habe alle Lebewesen nach ihrer Art im Sinn von "nach ihrem Grundtyp" (Fortpflanzungsgemeinschaft) erschaffen. Durch rezessive Prozesse, wie beispielsweise geographische Isolierung sind teilweise Rassen zwar oft nicht mehr innerhalb des gleichen Grundtyps kreuzbar, was aber nicht heisst, dass diese Rassen deswegen indirekt keinen eigenen geschaffenen Grundtyp bilden würden. Jede Rasse eines Grundtyps ist wenigstens über Umwege kreuzbar. Solch ein Grundtyp sind zum Beispiel die Hundeartigen. Alle Hunde lassen sich, wenigstens über Umwege, untereinander kreuzen. Sogar inzwischen sehr unterschiedliche Hundeartige wie Wolf und Pudel lassen sich kreuzen, wie entsprechende Experimente zeigen (wobei die Fortpflanzungsfähigkeit in diesem Fall sogar erhalten bleibt). Vielleicht gab es zu paradiesischen Zeiten nur eine Art von Hunden. Die neuen Methoden in der Gentechnik werden die Einsicht in die Verwandtschaftsverhältnisse in der Tierwelt näher ausleuchten.


Theistische Evolution

Die evangelisch-konservative Bewegung stellt sich nicht generell hinter das auf einem fundamentalistischen Bibelverständnis beruhenden Schöpfungsmodell. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Zerbruch des deterministischen Weltbildes im 20. Jahrhundert eine gedankliche Annäherung zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft wieder ermöglicht hat. Eine gewisse Versöhnung zwischen Naturwissenschaft und Glaube fand statt durch Karl Heim (1874-1958), der sich unter dem Einfluss eines Erweckungspredigers zu Gott bekehrte. Er war ein profunder Kenner der Naturwissenschaften und theistischer Evolutionist. Damit prägte er breite Kreise der pietistischen und evangelikalen Gemeinden. Der theistische Evolutionismus lehrt - vereinfacht dargestellt -, dass die Schöpfungstage als Zeitalter verstanden werden könnten und dass Gott für jeden Evolutionsschritt direkt eingegriffen hat. Strengere Fundamentalisten sehen diese Auslegung als illegitim und ausserhalb der biblischen Aussagen stehend. Sie sagen, Gott braucht nicht mehr Zeit. Und es gibt wieder andere, die sagen, ob die Schöpfung in sechs Tagen oder sechs Milliarden Jahren entstanden ist, spielt eigentlich gar keine Rolle, weil die Erde und das Weltall von Gott zeuge. Der Glaube, es sei aus sich selber entstanden, sei so oder so völlig absurd.

Es heisst zwar in der Bibel, dass vor Gott tausend Jahre wie ein Tag sind. Damit haben die Erzväter ausgedrückt, dass vor Gott und im Himmel eine zeitliche Realität ist, welche mit derjenigen in der Welt nicht übereinstimmt. Voreilige Bibelausleger machen daraus die Aussage, wenn ein Tag wie tausend Jahre ist, dann sind die Schöpfungstage Schöpfungszeitalter. Aber das ist nicht naheliegend. Gott hat am fünften Tag die Tiere gemacht, die Pflanzen jedoch erst nach den sieben Tagen. Sie wuchsen als Wirkung der Schöpfung. Die Tiere haben also ein paar Tage gefastet, bis es was zu futtern gab. Aber hätten sie ein paar tausend Jahre gefastet? Das ist nicht nahe liegend. Gemäss der Schöpfungsgeschichte regnete es noch nicht, erst durch den Nebel gab es Feuchtigkeit als Bedingung für Pflanzenwachstum. Erst dadurch hatten die Tiere etwas zu fressen


Vulgär-Kreationismus

In der Fundamentalismus-Kritik nun ist die Aussage aufgetaucht, dass konservative Christen mit Hilfe der Wissenschaft, dem Kreationismus, zu beweisen versuchten, dass die Bibel recht hat. Dieses Anliegen wird von kreationistischen Wissenschaftern nicht vertreten, aber sicher von Mitgliedern fundamentalistischer Gemeinden, welche ihr Anliegen nicht in den wissenschaftlich exakten Begriffen weitertragen. Dadurch ist nach aussen der Eindruck entstanden, der Kreationismus sei nur etwas für wissenschaftlich ungeschulte Gemüter. Die wissenschaftlich arbeitenden Kreationisten (im deutschen Sprachraum gibt es nur Vereinzelte), gehen davon aus, dass eine Existenz Gottes und die Göttlichkeit der Bibel sich im Rahmen wissenschaftlicher Nachprüfbarkeit nicht beweisen lässt, weil dieser Bezugsrahmen durch solche Fragestellungen gesprengt wird.

Ein Kreationist antwortete einem Journalisten, auf die Frage der Beweisbarkeit einer Schöpfung angesprochen, auf der wissenschafts-philosophischen Ebene: «Nun, das ist sicher eine Grundsatzentscheidung, welchem Ansatz man persönlich folgen will. Man kann es nicht beweisen mit den Möglichkeiten, die in den wissenschaftlichen Fachdisziplinen wie Biologie oder Astronomie oder Physik oder Geschichtswissenschaft zur Verfügung stehen. Da muss man letztlich die Sache offen halten. Man kann sagen, die Dinge, die man in diesen Wissenschaftsgebieten weiss, die Daten, die Fakten, die lassen sich unterschiedlich deuten. Man kann versuchen, eine Deutung im Rahmen einer Evolutionsanschauung vorzunehmen, man kann aber auch versuchen, das Ganze im Rahmen einer biblischen Geschichtsschau durchzuführen. Die Entscheidung darüber, welcher Sichtweise man zuneigt, kommt meiner Ansicht nach in erster Linie von einer weltanschaulichen oder glaubensmässigen Grundentscheidung her. Wenn ich mich entschliesse, der biblischen Überlieferung, der biblischen Botschaft zu glauben, dann schliesst es für mich ein, dass ich auch im Bereich des Denkens und der Wissenschaft in einer entsprechenden Richtung vorgehe ...».


Quasi-Religion Evolutionismus

Natürlich gibt es auch heute nicht christlich motivierte Kritiker des Evolutionismus, welche die Möglichkeit einer Makro-Evolution aus wissenschaftlichen Gründen ablehnen (so zum Beispiel der führende Polymerchemiker Bruno Vollmert, Das Molekül und das Leben, Rowohlt 1985). Bei der Hinterfragung der Evolutionslehre durch die Kreationisten geht es aber noch um mehr als um das faktische Geschehen der Schöpfung (oder auch der Sintflut). Sie zielt darauf ab, die offenbare Funktion der Evolutionslehre als dogmatischer Religionsersatz im modernen Denken zu hinterfragen. Der Darwinismus als fleischgewordener Materialismus und seine Lehre, dass der Stärkere überlebt, kann ja auch missverstanden werden. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass daraus oft auch das Recht abgeleitet wurde, die Schwächeren hätten kein oder weniger Recht auf Leben, weil sie ein Hindernis in der Evolution seien. Natürlich wäre es nicht richtig, diese Auswirkung Charles Darwin posthum in die Schuhe schieben zu wollen. Auf seine freilich ganz eigene Art war auch er ein gläubiger Mensch und nicht einfach ein Vulgär-Atheist.

Die Anfrage an den Darwinismus punkto Religionsersatz muss jedenfalls ernst genommen werden. Die Greuel und die Millionen von Toten unter dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus (der Darwinismus war eine starke Säule dieser Ideologien) verlangen dies eindringlich. Der Fortschrittsglaube als Gottesersatz mutet unter dieser Perspektive naiver an, als die Prämisse, von einem Gott auszugehen, der die Menschen geschaffen und sie mit der Pflicht zur Verantwortung für ihr Tun ausgestattet hat. Die Wissenschaft muss unabhängig bleiben und sie darf sich nicht vom Heidentum oder vom Christentum oder sonstwoher vereinnahmen lassen. Natürlich spielt es eine Rolle, was man erforschen will und was nicht. Erforschen, wie man den Welthunger besiegt, ist wichtiger, als der bemannte Flug zum Mars. Wissenschaftlichkeit bedeutet Nachprüfbarkeit und Beweisbarkeit. Eine Brücke hält nur, weil sie aufgrund von exakten Daten berechnet wurde und sie muss von den Behörden vor Freigabe für den Verkehr abgenommen werden. Wenn das zugrundeliegende Wissen mit Weltanschauung vermischt würde, könnte eine solche Brücke ja einstürzen und die Menschen in den Tod reissen. An diesem banalen Beispiel sehen wir: Wissenschaft und Weltanschauung sind zweierlei und müssen es auch bleiben.

Die These des Darwinismus, dass alles Leben sich aus vorher vorhandenem Leben entwickelt habe, schien die schöpferische Gottheit zu entfernen und - durch den lückenlosen Zusammenhang aller Lebewesen - die in der Schöpfung gesetzte Grenze zwischen den Menschen und den übrigen Lebewesen auszulöschen. Damit schien der Gegenstand christlicher Frömmigkeit beseitigt und die Grundlagen der christlichen Ethik zerstört zu sein. Evolutionstheorien waren ein Aspekt der modernen naturwissenschaftlich orientierten Gesellschaft. Ihre Anziehungskraft zwang die Theologie, sich geistig mit der Weltanschauung der modernen Naturwissenschaft zu verständigen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Grossteil der protestantischen Denominationen die klassische Orthodoxie in sich aufgenommen, welcher der Pietismus einiges an Gefühl beibrachte (teilweise aber auch selber dann wieder in der Orthodoxie erstarrte). Die Evolutionstheorie zwang die Denominationen, diejenigen intellektuellen Fragen wieder aufzunehmen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Diskussion gestellt wurden, durch die denominationelle Vervielfachung und den Zulauf zu den kirchlichen Gemeinden durch die Wellen der Erweckungsbewegung aber verdrängt worden waren. Viele Erweckungsprediger brachten viele Menschen zum Glauben, konnten ihnen aber oft nicht darüber hinaus weiterhelfen, weil sie selber nur mangelhaft Gebildete und teilweise Analphabeten waren und sind. Niemand weiss und kann alles.

 
Kreationismus in den USA

Die neuen evolutionistischen Ideen trafen die Kirchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedenfalls unvorbereitet, und auch die Mainstream-Protestantismus-Kirchen, in welchen die Prediger-Ausbildung nicht so vernachlässigt wurde. Als in den Schulen damit begonnen wurde, die Evolution zu lehren, gab es Widerstand aus den Kirchen. Obwohl das Verbot der Evolutionslehre in vielen Gliedstaaten der USA diskutiert wurde, waren es nur vier, welche das Verbot einführten: Oklahoma, Tennessee, Mississippi und Arkansas.

Ein besonderer Fixpunkt in dem Teil der fundamentalistischen Bewegung, der öffentlich damals überhaupt wahrgenommen wurde, war die als Affenprozess bekannt gewordene Gerichtsverhandlung von 1925 in Dayton, Tennessee. Der Biologielehrer John T. Scopes hatte, was damals verboten war, aus einem evolutionistischen Buch vorgelesen. Scopes wurde angeklagt und verurteilt. Die Jury bestand, wie Mead zu berichten weiss, aus «zwölf ungebildeten Hinterwäldlern». Das Urteil wurde später aus formaljuristischen Gründen wieder aufgehoben. Scopes Anwalt, der den Freidenkern nahestehende Clarence Darrow, argumentierte in den Augen der Massenmedien viel glaubwürdiger als sein fundamentalistischer Kontrahent Bryan, der den Staat Tennessee vertrat. Bryan war übrigens bis 1912 Leiter der US-Demokraten (und nicht der Republikaner, wie man von seinen Überzeugungen her vielleicht folgern könnte) und zudem bis 1915 Woodrow Wilsons Staatssekretär.

Der Affenprozess war für das nachhaltig wirkende Fundamentalismus-Bild in der weiteren Öffentlichkeit massgebend. Es war eine Abrechnung der Medien und der liberal-fortschrittlichen Gesellschaft mit denjenigen, die meinten alles besser zu wissen und doch nicht viel konnten. Der Fundamentalismus galt als religiöse Spielart der in den agrarischen Süd-Staaten verbreiteten reaktionären Denkhaltung. Dies liess vergessen, dass der Fundamentalismus keineswegs ein Phänomen des Südens war und ist, befanden sich doch die Wurzeln des Fundamentalismus in hoch angesehenen Kleriker-Kreisen des Nordostens der USA.

Der Widerstand gegen die Evolution und das Festhalten an der Schöpfungslehre war unterschiedlich. Numbers zitiert eine Umfrage von 1929: Siebenhundert protestantischen Pfarrern wurde die Frage gestellt, ob sie an die Schöpfung der Welt glauben, wie es im ersten Buch Moses überliefert ist. Die Frage wurde wie folgt bejaht:

Lutheraner 89 %
Baptisten 63 %
Evangelikale 62 %
Presbyterianer 35 %
Methodisten 24 %
Kongregationalisten 12 %
Episkopale 11 %
Andere 60 %

Wir sehen hier, dass die als orthodox geltenden Protestanten ein höheres Mass von Bibeltreue kannten als die oft ungebildeten Neu-Erweckten. Bei uns in Europa heute wäre es nicht vorstellbar, dass jemand als evangelikal gilt, wenn er der mosaischen Schöpfungsgeschichte kein Vertrauen schenkt.

Denominationen mit einer grossen Affinität zur gängigen Schöpfungslehre waren nicht unbedingt die pointiertesten Gegner der Evolutionslehre an den Schulen. Der Glaube an etwas ist das eine und es nach aussen zu vertreten das andere. Die lutheranischen Prediger waren zwar die stärksten Befürworter der Schöpfungslehre, die Lutheraner waren aber auch die grössten Gegner eines Verbotes der Evolutionslehre. Sie hielten dies für eine unzulässige kirchliche Einmischung in einen Zuständigkeitsberich des Staates. Die grössten Anhänger der fundamentalistischen Bewegung kamen aus den Reihen der Baptisten und Presbyterianern, welche sich in der Kampagne gegen die Evolution engagierten. - Interessant an dieser Tabelle ist ferner, dass heute mehrheitlich theologisch-moderne Mainstream-Konfessionen teilweise deutlicher an der biblischen Wahrheit festhielten als die Evangelikalen. Wobei hier anzumerken ist, dass der Evangelikalismus-Begriff von Ende der 1920er Jahre enger verwendet wurde als heute, nämlich offenbar für diejenigen christlichen Gemeinden, die sich vor allem aus Neubekehrten der Erweckungsbewegung seit etwa 1870 aufbaute. Und diese waren stark in der Predigt des Evangeliums von Jesus Christus und die biblische Lehre im Ganzen war oft oder sogar meistens nicht ihre erste Kompetenz.


Kreationismus-Forschung

Nicht wenige Evangelikale in den USA waren keineswegs pauschal Anhänger des Kreationismus oder dann galt ihre Überzeugung einer evolutionistisch-kreationistischen Mischform, welche von einer mehrtausendjährigen Schöpfungsphase ausging und nicht von einer Schöpfung in sechs mal 24 Stunden. Eine Renaissance des Kreationismus erfolgte durch das Wirken des texanischen Ingenieurs Henry M. Morris, Mitglied der Southern Baptists. Morris wurde 1918 geboren, war ab 1957 Professor für Hydraulik und Chef der Ingenieurwissenschaften am Polytechnischen Institut von Virginia. Ab 1971 leitete Morris das Institute for Creation Research ICR. 1961 veröffentlichte Morris zusammen mit dem Alttestamentler John C. Whitcomb, einem Princeton-Absolventen und Mitglied der Grace Brethren, einen 500-Seiten-Folianten über die Sintflut. Dies war das bedeutendste kreationistische Werk seit dem Buch New Geology von G. M. Price 1923. Das Buch wurde zum Kondensationspunkt von kreationistischen Überzeugungen von Gemeindeleitern und anderen christlichen Multiplikatoren. 1963 gründete Morris mit sechs anderen gleichgesinnten Wissenschaftlern in Midland, Michigan, die Creation Research Society CRS. Von den frühen Mitgliedern der CRS waren deren sechs Missouri-Lutheraner (eine orthodox-erweckliche und separatistische Form von Luthertum), fünf Baptisten, zwei Adventisten, je einer von der Reformed Presbyterian Church, der Reformed Christian Church, der Church of the Brethren, ein weiterer von einer unabhängigen Bibelgemeinde und von einem ist die Zugehörigkeit nicht überliefert. Elf lebten im Mittleren Westen, drei im Süden und zwei im weiteren Westen. Ende der sechziger Jahre hatte die CRS 450 reguläre wissenschaftliche und 1600 zugewandte Mitglieder ohne wissenschaftliche Ausbildung.

Morris und Whitcomb vertraten in ihrem Grundlagenwerk die Ansicht einer Kurzzeit-Schöpfung und einer globalen Flut. Die Überzeugung, dass die Sintflut ein Geschehen in Raum und Zeit war und nicht einfach nur eine religiös-symbolische Aussage, bewirkte bei vielen Christen das erneute Vertrauen in die Bibel als einzige Richtschnur für alle Lebensbereiche. Die Schlussfolgerung vieler war, dass die Schöpfung ebenso wörtlich genommen werden müsse, wie der Sintflut-Bericht. Mittlerweile gehört die Ansicht einer globalen Flut in der Vorzeit der Erde auch zur Überzeugung vieler Geologen, ohne dass dabei das Evolutionsparadigma verlassen wird. Mit der Ansicht einer globalen Flut gibt es eine biblische Begründung für das Vorhandensein verschiedener Sedimentformationen, der Fossilien und der fossilen Energieträger wie Öl und Gas als Folge luftdichter Einlagerung organischer Stoffe unter hohem Druck.

Für die Christen ist das zwar kein «Beweis» für die Wahrheit der Bibel, aber ein starkes Indiz, dass Denken und Glauben in Einklang gebracht werden können, ohne dabei intellektuell unredlichen Ideologien folgen zu müssen, auch nicht solchen, die im kirchlichen Umfeld entstanden sind. Diese Überzeugungen haben dazu geführt, dass auch Studenten für den christlichen Glauben gewonnen werden konnten. Das Werk von Morris und Whitcomb wurde in andere Sprachen übersetzt (ins Deutsche erstmals 1975) und hat auch in Europa einiges ausgelöst. Die Autoren weisen in späteren Auflagen ihres Werkes darauf hin, dass sich Wissenschaft nur mit gegenwärtigen Vorgängen befassen kann, was experimentelle Reproduzierbarkeit einschliesst. «.. Darum ist die Extrapolation gegenwärtiger Abläufe in die prähistorische Vergangenheit oder in die eschatologische Zukunft nicht wahre Wissenschaft. Ene solche Extrapolation schliesst notwendigerweise Annahmen und Voraussetzungen ein und ist daher im Grunde eine Philosophie oder sogar ein Glaube ...» Mit dieser Aussage entgegneten Morris und Whitcomb ihren Kritikern. Sie wiesen darauf hin, dass ihre Arbeit nicht subjektiver sei, als die Prämissen, welche der gängigen Geologie zugrunde liegen. Die Annahme, dass die Geschwindigkeiten der geologischen und anderer Prozesse konstant sind, wird von Morris und Whitcomb hinterfragt. Damit haben sie das Evolutions-Paradigma an ihrer schwächsten Stelle getroffen. Interessant ist das Sintflut-Werk deshalb, weil die gängige Hypothese vom plötzlichen Aussterben der Dinosaurier durch die ökologischen Folgen der Sintflut gedeutet werden kann und die gängige Vorstellung des Meteoriteneinschlags als einzige Ursache des plötzlichen Aussterbens der Dinosaurier hinterfragt oder sogar aufgegeben werden muss.

Die CRS unternahm auch Studien auf der Suche nach der Arche Noah im Ararat-Gebirge. Die Kreationisten hatten darauf in den siebziger Jahren Probleme mit dem Populär-Kreationismus der Christen, welcher dazu führte, dass der Kreationismus in der Aussenwahrnehmung nicht als ernsthaft zu debattierender Fragenkomplex, sondern als religiös-unwissenschaftliche Bewegung wahrgenommen wurde, wobei das ja nichts Neues war. Die am Kreationismus interessierten Wissenschaftler legten fortan Wert auf die Unterscheidung zwischen religiösem und wissenschaftlichem Kreationismus. Das ICR schlug vor, dass die wissenschaftlichen Aspekte des Kreationismus in öffentlichen Schulen gelehrt werden sollte, also ohne Bezugnahme auf die Sechs-Tage-Schöpfung und die Arche Noah. Das ICR publizierte 1974 das Werk Scientific Creationism (Wissenschaftlicher Kreationismus) in zwei Ausgaben. Eine Ausgabe war für die öffentlichen Schulen bestimmt ohne Bezugnahme auf die Bibel, eine ergänzte Ausgabe für die christlichen Schulen.


Kreationismus an öffentlichen Schulen

In Arkansas und Louisiana und vielen anderen Schulen wird sowohl die Evolution wie auch der wissenschaftliche Kreationismus gelehrt. 1980 sprachen sich nur 25 Prozent von Schulpflegebehörden dafür aus, dass ausschliesslich die Evolution gelehrt werden sollte. In den zwanziger Jahren waren es die Evolutionisten, die verlangten, die Evolutionslehre müsse als gleichrangiges Modell neben dem Kreationismus gelehrt werden. Anderswo, zum Beispiel in Louisiana, wurde diese Gleichheit verwirklicht und den Lehrern vorgeschrieben, dass die biblische Schöpfungslehre neben der Evolutionstheorie als gleichrangiges Modell gelehrt werden müsse. Der Supreme Court ­ der oberste Gerichtshof der USA ­ erklärte dieses Gesetz erst 1987 für verfassungswidrig, da dieses mit der Trennung von Kirche und Staat nicht zu vereinbaren sei. Natürlich verstosst auch die Evolutionslehre gegen die Trennung von Staat und Weltanschauung. Wo Gerichte vom laizistischen Fundamentalismus unterwandert sind, geht dieser Zusammenhang jedoch vergessen. Bereits 1968 wurde vom gleichen Gericht das Antievolutions-Gesetz von Arkansas als verfassungswidrig erklärt. Studenten, welche sich an säkularen Universitäten zum Kreationismus bekennen, müssen den Campus in praktisch allen Fällen verlassen, berichtet Numbers. Heute ist das aber nicht mehr so. Hier wäre eine detallierte Untersuchung der Soziologie von kreationistisch bedingter Studenten-Migration angebracht.

Die Adventisten, eine konservativ-protestantische Richtung, welche man in der Literatur nicht zum neueren Evangelikalismus zählt, unterhält seit den späten 1950er Jahren ihr Geoscience Research Institute und bietet eigene Ausbildungsprogramme an der Loma Linda Universität an, um den kreationistisch ausgerichteten akademischen Nachwuchs zu betreuen. Der Adventismus ist wie der Evangelikalismus aus der Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert entstanden und ist ein ganz eigener Zweig innerhalb des Protestantismus. Es gibt aber auch quer durch alle evangelischen Richtungen die Ansicht, dass der Adventismus nicht zum Protestantismus zu zählen sei.

1982 ergab eine Umfrage unter US-Amerikanern, dass 44 Prozent der Bevölkerung und nahezu ein Viertel der College-Absolventen daran glauben, dass Gott den Menschen innerhalb der letzten 10 000 Jahre in seiner heutigen Gestalt erschaffen hat. Die Meinung, dass der Kreationismus und die Evolutionslehre an den Schulen als gleichrangige Modelle gelehrt werden müssten, findet trotzdem seine Anhänger. Nach Hunter würden (die Umfrage stammt aus den früheren achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts) 59 Prozent der Studenten von öffentlichen Universitäten eine solche Gleichrangigkeit befürworten, Absolventen von evangelikalen Theologie-Seminarien zu 84 Prozent. Nach wie vor der Meinung, nur der Kreationismus sollte gelehrt werden, sind acht Prozent der evangelikalen Seminaristen und vier Prozent der Studenten an öffentlichen Universitäten. 1980 entschieden Gerichte in 17 amerikanischen Bundesstaaten, dass der Darstellung der biblischen Schöpfungslehre in öffentlichen Schulen ebensoviel Zeit einzuräumen sei wie der Evolutionslehre. Diese Entscheide wurden mit dem schon erwähnten Urteil des Obersten Gerichtshof aus dem Jahr 1987 aber wieder aufgehoben.

Aus Frustration über die Niederlage begannen Fundamentalisten in den USA in den 1990er Jahren ihren Einfluss in öffentlichen Bibliotheken vereinzelt dahin geltend zu machen, evolutionistische Bücher aus dem Bestand zu entfernen. Hier muss man sehen, dass die unglücklich ausgestaltete Trennung von Kirche und Staat in den USA zu Reaktionen führt, die für uns in Europa nicht immer so leicht nachvollziehbar sind. Wobei es sicher auch Schulbibliothekare gab und gibt, welche kreationistische Werke aus den Büchereien verbannen.


Biblischer oder  religiöser Kreationismus? - Ein Kommentar

Um die Situation zu entkrampfen, wären weltanschaulich neutrale und unabhängige Schulen das Beste. In den Büchern wäre es daher ratsam, die Evolutionslehre und die Schöpfungsgeschichte gleichrangig zu lehren, wobei die Lehrerschaft durchaus in einem gewissen Rahmen die Freiheit haben sollte, die eigenen Gewichtungen vorzunehmen. Sie sollen nicht dazu verknurrt werden, zu weltanschaulich neutralisierten Hohepriestern der Zivilreligion umerzogen zu werden. Wenn in den öffentlichen Schulen die Schöpfungslehre nur schon einen kleineren Teil in den Schulbüchern einnehmen würde als völlig zu fehlen, wäre das schon ein grosser Fortschritt. Auch über solch' grundsätzlichen Dinge sollte man in einer Demokratie vernünftig miteinander reden können.

Man darf nicht vergessen, dass die Evolutionslehre im nicht-christlichen Umfeld ein sehr wesentlicher Bestandteil der Identität ist. Wenn dies wegfallen würde, zum Beispiel durch einen irregeleiteten kämpferisch-evangelikalen Kulturkampf rund um den Kreationismus, wäre der gesellschaftliche Schaden gross. Zumal ein Kulturkampf für das Christentum von der Bibel her verboten ist ("Richtet nicht die Welt."). Wenn der Evolutionismus nicht mehr zur Identität dient, was wäre es dann? Einige wenige würden sicher zu Gott finden. Aber die meisten würden sich den anderen grossen identitätsstiftenden Ideologien zuwenden, vor allem Rassismus und Nationalismus, vielleicht unter Usurpation religiöser Aussagen. Auch den Christen sind zivilisierte Heiden, die an die Evolution glauben, immer noch weit lieber, als unzivilisierte Heiden. Natürlich wird sich ein Christ immer zur biblischen Wahrheit bekennen wollen. Aber er wird sich in der Kultur der Wahrheits-Weitergebung auch von der biblischen Wahrheit inspirieren lassen. Denn anderen immer sagen zu müssen, dass sie als Gott-Ferne nur zweitrangig sind, gehört mit Bestimmtheit nicht dazu. Dass wäre religiomorpher Rassimus, oder Kulturismus, um genau zu sein. In den USA sind jedoch Kulturkampf-Elemente auszumachen. Darin unterscheidet sich der amerikanische vom europäischen Evangelikalismus wesentlich.

Der biblische Kreationismus ist in Gefahr, dass er sich nicht abgrenzt vom Kulturkampf-Kreationismus, der mindestens in den USA teilweise ein Instrument des politischen Atheismus religiöser oder religiomorpher Ausprägung ist oder zu sein den Eindruck erweckt. Glaubensüberzeugungen können nur die finden, welche zu Gott gefunden haben und aus der Bibel zu lernen beginnen. Glaubensinhalte können nicht anderen durch Usurpation staatlicher Macht eingetrichtert werden. Die Kreationisten sollten nicht den gleicher Fehler wie die Evolutionisten machen.

Wir müssen sehen, dass in der Bibel das erste und letzte Kapitel über das Werden und das Ende der Menschheit sehr wichtig ist. Wir müssen aber auch sehen, dass die Bibel den weitaus meisten Text dem Zwischendurch widmet. Die Überzeugung, dass die Erde vor rund 6000 Jahren geschaffen wurde, hat eine grosse psychologische Bedeutung für die Christen. Die Zusage von Jesus Christus, dass er wiederkommt, um sein Reich aufzurichten und von Jerusalem her über die Welt zu herrschen, verschwindet dann nicht im Nebel einer fernen Zukunft, sondern erhält eine sehr reale Dimension. Womit alles, was die Bibel uns aufträgt zu tun oder zu lassen, zu einer sehr wirklichen und einer sehr herausfordernden Sache wird.