Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA

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Herausgeber: Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser



Das Verhältnis der evangelisch-konservativen Bewegung zum Sozialen Evangelium

Walter Rauschenbusch brachte 1917 seine Theology for the Social Gospel heraus. Er wünschte sich eine erweiterte, systematische Theologie als Grundlage für sein soziales Evangelium. Die Anhänger des Social Gospel sahen, dass ihre Bewegung nicht einig ging mit der individualistischen Einstellung der evangelikalen Erweckungsbewegung. Die Ansicht, dass die persönliche Umkehr zu Gott entscheidend sei und dass es beim christlichen Glauben nicht um eine gesellschaftlich erwartete Verhaltensweise ging, führte mit der Zeit zu einem blinden Auge für die Nöte der Gesellschaft. Das Social Gospel entstand als Reaktion auf diese Einseitigkeit.

Auch das Prosperity Gospel, das Evangelium des Reichtums, das in der traditionell-kirchlichen Orthodoxie fusste, lehnte man konsequenterweise klar ab. Daher waren die Anhänger des Social Gospel gezwungen, eine eigene Theologie zu konstruieren, um der Bewegung ein eigenes Fundament zu geben. Wir sehen daraus, dass die Bestätigung der reformatorischen Theologie durch die evangelisch-konservative Bewegung nicht nur eine Reaktion auf die moderne Theologie war, sondern dass auch umgekehrt liberale Theologien wie das Social Gospel Reaktionen auf sogenannte konservative Theologien waren. Die biblische Theologie im vollen und eigentlichen Wortsinn liegt wohl irgendwo dazwischen. Das Liberale am Social Gospel war das Reduzieren der christlichen Nachfolge auf eine evolutive Entwicklung der Gesellschaft, welche auf die Jenseits-Hoffnung kaum mehr einging. So wie hundert Jahre zuvor die Rettung der einzelnen Seele der herrschende Gedanke der Religion war, so ging es nun um die Erlösung der Gesellschaft. Das Social Gospel war auch eine Reaktion auf das Abkoppeln biblischer Ethik von wirtschaftlichem Handeln, wie es ein Kennzeichen der Theologie der evangelisch-konservativen Bewegung war. Der Ausbeutung des Menschen durch den industriellen Kapitalismus wollte man die Identifizierung des Evangeliums mit aktuellen Projekten für den Wiederaufbau der Gesellschaft entgegensetzen. Die Arbeit der Kirche wurde nun nur noch aufgrund ihrer Wirksamkeit bei der Förderung der Gesellschaftsreform beurteilt, die Theologie wurde durch die Soziologie ersetzt. Mead hält fest: «Wahrscheinlich war der liberale protestantische Geistliche in Amerika zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ebenso geneigt, blindlings ein Demokrat oder Sozialist zu sein wie sein Vorgänger um 1885 Republikaner war.»

Das Evangelium mit aktuellen Projekten für den sozialen Neubau der Gesellschaft zu identifizieren, ist bis heute ein Kennzeichen des theologisch liberalen Protestantismus geblieben. Man sollte daher beim Social Gospel vom sozialliberalen Protestantismus sprechen (diakonisch-sozial sehr aktiv, theologisch aber eher oder offen bibelkritisch). Die evangelisch-konservative Bewegung hat sich wiederum als Überreaktion darauf oft schwer getan, sich zu einer bibelorientierten Sozialethik oder zu einer Soziologie von der Bibel her durchzuringen. Natürlich gab es in der evangelisch-konservativen Bewegung auch sozial sehr engagierte Kreise (Heilsarmee, Methodisten). Man muss für diese Richtung daher vom sozialkonservativen Protestantismus sprechen (sozial aktiv, theologisch konservativ). Biblisches Christentum sollte den theologischen Konservatismus mit dem sozialen Engagement verbinden. Wer konservativ an der Bibel festhalten möchte, wird immer wieder über die Geschichte des barmherzigen Samaritaners und die Speisungen und Heilungen stolpern. Das Hintenanstellen der sozialen Tätigkeit innerhalb der evangelisch-konservativen Bewegung ist daher eine Entfernung von der biblischen Grundlage und damit auch eine unzulässige Freizügigkeit gegenüber dem, was Gott in die Bibel hinein gelegt hat. Wir sehen also, dass der Fundamentalismus in einem gewissen Sinn eine liberalkonservative Ausprägung von Protestantismus ist (wirtschaftsliberal [z. B. Befürworten der Reaganomics], im theologisch-theoretischen Bekenntnis konservativ).

Auffallend ist, dass die protestantisch Sozialliberalen, Sozialkonservativen und Liberalkonservativen nach obiger Definition eine gewisse Affinität zu denjenigen politischen Überzeugungsmustern aufweisen, welche man in der Politologie teilweise mit den gleichen oder ähnlichen Begriffen bezeichnet. Einzig den Begriff der Sozialkonservativen kennt man in der Politologie nicht, weil «sozial-konservative» Protestanten politisch mehrheitlich der Rechten zuneigen (also zur politisch liberal-konservativen Strömung zugehören). Wir haben in diesem Aufsatz über die evangelisch-konservative Bewegung in den USA vor allem die theologischen Flügel der hier sozialkonservativ Genannten (Neo-Evangelikalismus) und Liberalkonservativen (Fundamentalismus) vor Augen.