Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Der Unterschied zwischen Kern-Fundamentalismus und Evangelikalismus<
Nachstehend sollen die möglichen Unterschiede zwischen Evangelikalen und den Fundamentalisten in den USA aufgezeigt werden. So fliessend in der Realität die Übergänge zwischen dem KernFundamentalismus und dem Evangelikalismus sind, so können wir wenigstens behelfsmässig einige Unterschiede herauskristallisieren. Diese Kriterien sind hier nicht ganz frei von thesenhaften Vermutungen und wollen daher auch mit der relativistischen Brille eines kritischen Betrachters genossen sein:In der Kommunikation nach aussen wie nach innen ist die Behauptungskultur bei den Fundamentalisten stärker verankert. Die Evangelikalen setzen im Durchschnitt stärker auf die Argumentationskultur. Hier muss allerdings noch unterschieden werden in einen Fundamentalismus der rhetorischen Form (Propaganda) und einen des Inhalts (Dogmatismus).
Die Schwerpunkte des Fundamentalismus in geographischer Hinsicht sind anders als die des Evangelikalismus. Von der geographischen Verbreitung her wohnen konservative bis extremkonservative Evangelikale (oder eben Fundamentalisten) schwerpunktmässig in Agglomerationen des mittleren Westens und des Südens (sogenannter Bible Belt). Sie stammen zudem entweder von den Farmen oder gehören durch ihre Mitarbeit in Handel und Dienstleistungsfirmen der Mittel und Oberschicht an. Der durchschnittliche Evangelikale hat weniger Schulbildung und ein tieferes Einkommen als ein durchschnittlicher Fundamentalist.
Liberale und linke Evangelikale wohnen eher in den Rocky Mountains und den pazifischen Anrainerstaaten, vor allem in städtischen Gebieten. Beruflich gehören sie eher zur Arbeiterschaft oder wenn sie zur mittleren und oberen Klasse zugehören, üben sie vor allem Ingenieur- oder ähnliche Berufe aus.
Die Fundamentalisten (oder eben: konservative Evangelikale) gehören eher nicht zu den klassischen grossen Denominationen, aber auch nicht den kleinen versplitterten Denominationen an, die zu keinem Gemeindebund angehören. Sie sind Mitglied der kleineren bis mittleren Denominationen vor allem aus der baptistischen Tradition.
In den USA wählt ein Evangelikaler eher demokratisch, ein Fundamentalist eher republikanisch.
Ein Fundamentalist glaubt meistens an eine Schöpfung in sechs mal 24 Stunden. Bei Evangelikalen kommen auch Konzepte einer theistischen Evolution oder des Evolutionismus zum Zug.
Das Bibelverständnis eines Fundamentalisten ist dasjenige, dass jeder Buchstabe im Urtext des Alten und Neuen Testaments von Gott eingehaucht worden und damit irrtumslos ist. Ein Evangelikaler kann sich auch mit Aussagen wie «Gott kommt mit der Bibel ans Ziel» zufrieden geben ohne dies genauer zu formulieren oder von einer Irrtumslosigkeit in den bloss grundsätzlichen Dingen ausgehen. Ein Evangelikaler spricht vielleicht auch eher von der Vertrauenswürdigkeit der Bibel als von einem dogmatisch zugespitzten Postulat einer Irrtumslosigkeit. Da der Begriff der Irrtumslosigkeit in der Bibel nicht zu finden ist, aber die Sache einer absoluten Vertrauenswürdigkeit in die Bibel durchaus wichtig ist, greifen Evangelikale eher zu diplomatischeren, damit aber auch schwammigeren oder vielleicht sogar missverständlicheren Begriffen.
Ein Fundamentalist glaubt, dass es illegitim sei, in den vom modernen theologischen Liberalismus durchsetzten Denominationen zu verbleiben.
Beide Richtungen glauben an die
Geschichtlichkeit der leiblichen Auferstehung von Jesus von
Nazareth, der damit stellvertretend für die Sünde der
Menschen
gestorben ist. Beide Richtungen gehen davon aus, dass Maria, die
Mutter von Jesus, eine unbefleckte Empfängnis vom Heiligen Geist
erlebt hat. Beide glauben, dass die Bibel des alten und des neuen
Bundes vertrauenswürdig ist.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es nur noch
wenige konservative Protestanten, die sich selber als Fundamentalisten
bezeichnen. Bei diesen handelt es sich meist um separatistische
Baptisten.