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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Fundamentalismen
Eine Vorbemerkung: Als dieser Aufsatz erstmals veröffentlicht wurde, gab es zwar schon Lockerbie, aber noch keinen 11. September 2001. Wäre er erstmals danach erschienen, wären einige Aussagen vielleicht etwas weniger philosophisch, dafür prägnanter ausgefallen. Wer heute Fundamentalist sagt, meint vor seinem inneren Auge vielleicht einen Selbstmord-Attentäter. Aber ein christlicher Fundamentalist im ursprünglichen Sinn war einfach ein Bibelleser und oft ein Pazifist, ausser vielleicht gegenüber dem Kommunismus, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls war und ist ein christlicher Fundamentalist, wenn er sein Fundament ernst nimmt, das Gegenteil von einem stumpfsinnigen Fanatiker. Jedenfalls: Geschichtsschreibung soll man ja nicht unter dem Eindruck von aktuellen Ereignissen sehen, sondern versuchen, sich in die beschriebene Zeit hineinzuversetzen.Fundamentalisten im weiteren Wortsinn gibt es jedoch nicht erst, seit wir dafür diese moderne Worthülse benutzen. Vom heutzutage gebrauchten Wortfeld könnte man auch sagen, Fundamentalist sei im Grunde genommen jedermann, der nicht mehr bereit ist, sich korrigieren und hinterfragen zu lassen. In diesem Sinne ist wohl jeder Mensch in einem oder mehreren Denk- und Lebensbereichen Fundamentalist.
Man muss sich fragen, ob es überhaupt sinnvoll wäre, wenn sich jemand restlos in allen Lebensbezügen und dauernd hinterfragen würde. Vielleicht würde so eine innere Heimatlosigkeit geschaffen, die zwangsläufig in eine existentielle Identitätskrise ausmünden müsste. Die Frage stellt sich also vielmehr, wieviel Fundamentalismus - im Sinne intoleranten Denkens oder Gebahrens - für einen Menschen, eine Gruppe von Menschen oder für die Gesellschaft als Ganzes verträglich ist.
Als Gegenstück zum Fundamentalismus steht das
Ideal des Pluralismus, in dem nicht eine Wahrheit dogmatisch
verkündet wird, sondern ganz verschiedene Meinungen vertreten
werden können. In einer pluralistischen Gruppe soll idealerweise
jeder in seiner EigenaArt respektiert werden und jedermann kann
sich Gedankenelemente von anderen Menschen oder Anschauungen frei
aneignen und selber zu einem eigenen Gedankengebäude
zusammenstellen. Sicher wird eine Gesellschaft, die den Anspruch
stellt, pluralistisch zu sein, dieses Ziel nie ganz erreichen.
Dazu ist der Mensch schon als Individuum zu wenig konsequent.
Jedenfalls handelt es sich bei einem so verstandenen Pluralismus
im Grunde um einen fundamentalen christlichen Wert. Der
Pluralismus ein fundamental-christlicher Wert? Sicher! Gott
machte sich in unserer Raumzeit verständlich durch seinen Sohn
Jesus Christus. Gott macht sich auch verständlich durch die
Bibel und ruft die Menschen in seine Nachfolge. Aus der Bibel
abzuleiten ist aber auch, dass zu dieser Nachfolge niemand
gezwungen werden darf! Jeder muss selber entscheiden, ob er
diesem Ruf Folge leistet oder sich vor diesem Einfluss
verschliesst. In einer pluralistischen Gesellschaft kann sich
jedermann frei für oder gegen Gott entscheiden. In diesem Sinne
ist also Gott selber, so wie er sich uns durch die Bibel
vorstellt, pluralistisch. Damit verbunden ist aber auch eine
Warnung: man braucht Gott, um Mensch zu sein. Ein Christ muss
jedenfalls, was sein Verhalten in Gesellschaft und Staat
betrifft, darauf hinwirken, dass er frei Werbung für seinen
Glauben machen kann und gesteht diese Toleranz deshalb auch
anderen zu. Man muss aber auch bedenken: Der Schöpfer des
Universums ist derjenige, der auch uns gemacht hat. Er ist ein eifriger
und eifersüchtiger Gott. Wer Gott nicht akzeptiert, macht sich
selber zu Gott. Das ist Götzendienst. Aber Gott respektiert uns,
er drängt sich uns nicht auf.
Nun ist es ja interessant, für was alles der
Begriff Fundamentalismus heutzutage herhalten muss. Das Wort wird
zur Zeit so inflationär gebraucht, dass es in Kürze wohl auf
dem Müllhaufen der Sprachgeschichte landen wird. Es kommt zum
Beispiel vor, dass jemand schon dann als Fundamentalist
bezeichnet wird, wenn er zum Beispiel in der Politik
Vorschläge durchboxen will und keine Kompromisse sucht.
Darüber werden die einen erfreut sein und
andere nicht. Wenn nun die Gegner einer konsequent zu Ende
gedachten Idee sagen, der Initiant sei ein Fundamentalist, stellt
sich für uns eine wichtige Frage: Kann man Kreativität
in
diesem Beispiel in der Form des politischen Vorstosses guten
Gewissens als Fundamentalismus und damit im Grunde genommen als
ewiggestrige Denkhaltung bezeichnen? Nein, das wäre nicht
tolerant. Wird jemand als Fundamentalist bezeichnet, bloss weil
er kreativ ist, dann wird damit der Ruf nach Pluralismus und
Toleranz unter Umständen dazu missbraucht, Originalität zu
unterdrücken. Dies führt zu einer Art von
fundamentalistischem
Pluralismus, in dem alles gleich gültig zu sein hat und wehe
dem, der originell ist und wehe dem, der etwas sagt, was den
anderen nicht passt! Anders gesagt: eine solche Form von
repressivem Pluralismus würde in letzter Konsequenz zur
Auflösung der Demokratie führen. Natürlich: Die Freiheit
muss an der Grenze des Nächsten seine natürliche Begrenzung
finden. Das ist eine fundamentale christliche Botschaft. Ein
Fundamentalist, so wie das Wort heute gebraucht wird, hingegen kennt
keine Kompromisse. Er will alles haben und alle müssen sich ihm
unterordnen. Solche mag es manchmal auch in der Kirche geben. Jedoch:
Ein Christ kann nie Fundamentalist sein, so wie letzteres Wort heute
gebraucht wird.
Aber um nochmals zum vorherigen Gedanken zurückzugehen: Das moderne Beliebigkeitsdogma, nach dem alles gleich gültig zu sein hat, kann also in einem gewissen Sinn auch als - wenn auch unbewusst vorgenommenen - Angriff auf die Gesellschaft betrachtet werden. Wir sehen daraus, dass der Pluralismus im Sinn einer gelebten Toleranz immer wieder neu gesucht und ausprobiert werden muss. Ein intoleranter, dogmatischer Fundamentalismus widerspricht diesem Ideal des Pluralismus jedenfalls. Auf der anderen Seite ist ein rigoroser Pluralismus ein Widerspruch in sich: Die Aussage, dass es keine absolute Wahrheit gibt, kann ebenfalls den Charakter einer absoluten Wahrheit annehmen. Man könnte sogar die Aussage wagen, der Fundamentalismus wie der Pluralismus seien verschiedene Denkarten eines totalitären Anspruchs. Oder etwas einfacher: der Fundamentalismus wie der Pluralismus sind beide Ausdruck des gleichen Bedürfnisses, nämlich ein Ausdruck menschlich inszenierter Schein-Sicherheiten. Die Suche nach der Sicherheit drückt die menschlichste Sehnsucht aus allen Kulturkreisen und Generationen aus, nämlich die Suche nach der Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?
Bei solchen Grundsatz-Fragen ist es natürlich sinnvoll, den Gottesgedanken nicht a priori auszuklammern. Denn wenn es jemand gibt, der uns auf diese Fragen eine befriedigende Antwort geben kann, dann ist es unser Schöpfer. Diese Binsenweisheit ist für Anhänger der verschiedensten Religionen klar, für unsere Gesellschaft, die wir selber als die aufgeklärte verstehen, jedoch schon weniger. Deshalb muss eine Bewegung, die sich Fundamentalismus nennt, aus der Sicht der modernen Gesellschaft wenigstens rhetorisch bekämpft werden, da sie eine Bedrohung für Weltanschauungen ist, welche ohne einen personalen Schöpfergott auskommen wollen.
Bei der Beurteilung einer sogenannten fundamentalistischen Bewegung oder Gruppe muss darauf geachtet werden, dass nicht fundamentalistisch-intolerante Denkvoraussetzungen zu Grunde gelegt werden. Wo dies nicht beachtet wird, kann ein fundamentalistischer Anti-Fundamentalismus die Folge sein. Die heute verbreitete massenmediale Hexenjagd gegenüber Fundamentalisten und Sekten hat auch seine Nachteile: Die Ausgrenzung neuerer religiöser Formen kann zu einem zivilreligiösen Sektierertum ausarten, welche der Gesellschaft in ihrer Haltung gegenüber den Sekten eine trügerische und gefährliche Scheinsicherheit vermittelt. Kommt dazu, dass sich die Allgemeinheit um die Originalität derer betrügt, die in unserer frei genannten Gesellschaft noch den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und bei näherer Betrachtung gar nicht so sektiererisch sind. Man darf nicht vergessen: Es ist nicht jeder korrupt, der in einem korrupten Umfeld versucht, nicht korrupt zu sein.
Eckhard J. Schnabel, Dozent für Neues Testament an der Freien Theologischen Akademie Giessen schlägt vor, den Begriff Fundamentalismus ganz zu vermeiden und «je nach historischer, religiöser, sozialpsychologischer und geistesgeschichtlicher Situation differenziert von Gewaltbereiten oder Gewalttätern, Militanten oder Radikalen, Oppositionellen oder Rückständigen, Konservativen oder Antiliberalen, Aussenseitern oder Sektierern» zu reden. Für den Bereich des Evangelikalismus schlägt Schnabel vor, statt von Fundamentalismus von konservativen Evangelikalen zu sprechen, mit möglichen Zusätzen wie «streitbar oder militant, traditionalistisch oder reaktionär, konziliant oder antipluralistisch, separatistisch oder machtbewusst, der Verbalinspiration oder der Irrtumslosigkeit verpflichtet, dispensationalistisch oder hermeneutisch naiv, obskurantistisch oder altmodisch.»
Der Fundamentalismus in seinem ursprünglichen, nicht negativ besetzten Sinngehalt, hat als Anspruch, zurück zum Fundament, zu den Wurzeln zu finden, im Christentum verschiedene Ausprägungen gefunden. Der Anspruch eines Fundamentalismus' kann so weit gehen, dass er ganz zurück zum Fundament Bibel möchte und jedwelche kirchliche Tradition hinterfragt. Andere Ansprüche sind nicht so radikal. Sie versuchen, zurück zu einer älteren Form von kirchlicher Tradition zu finden, weil sie die moderneren Formen als unstatthaft empfinden. Nicht nur im evangelischen, sondern auch im katholischen Bereich gibt es solche Reflexe gegenüber neuen Zeitströmungen.
Beispiele: Die einen zeigen sich in diesem Sinn fundamentalistisch, dass sie die Ansprüche des Papstes durch alle Böden hindurch verteidigen wollen. Katholische Fundamentalismen gab es aber auch früher, zum Beispiel in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als der Papst in den grundsätzlichen Lehraussagen seinen Unfehlbarkeitsanspruch anmeldete. Viele Katholiken empfanden dies als unmoralisch, spalteten sich von der römischen Kirche ab und sind seither unter dem Namen Christkatholiken oder Altkatholiken bekannt. Es gibt auch heute solche Separationen aus dem Katholizismus, wie am Traditionalismus des inzwischen verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre erkennbar ist. Als bedeutendste innerhalb der römisch-katholischen Kirche wirkende fundamentalistische Kraft ist sicher Opus Dei zu nennen, dem im Jahre 1990 73 000 Mitglieder in 87 Ländern angehörten.
Nun hat es in der Christenheit immer
Diskussionen darüber gegeben, welches das richtige
Verständnis
des Fundamentes Bibel sei. Die Suche nach der Antwort, wie die
Bibel zu verstehen und für die momentane Zeit zu interpretieren
sei, gehört zum Christentum an sich. Die Unterschiede und der
Wunsch, die ursprünglichen Ziele des christlichen Glaubens
gegenüber der Verweltlichung der Kirche zu verteidigen,
verstärkte sich vor allem nach der Ernennung des Christentums
zur offiziellen römischen Religion Ende des vierten
Jahrhunderts. Dadurch war sehr oft nicht eine persönliche
Entscheidung für den christlichen Glauben und für Gott
gefragt,
um Christ zu werden, sondern man hatte einfach Christ zu sein.
Die Ernennung zur Staatsreligion war primär ein Akt der
Machtpolitik. Daher trug die erfolgte Aufwertung des Christentums
gleichzeitig den Kern des eigenen moralischen Niedergangs in
sich, weil hier in einer grundsätzlichen Art die christliche
Demut und die eigene Begegnung mit Gott durch den Geist Gottes und in
Jesus Christus nicht mehr das einzige Zentrum war. Eine
christianisierte und eine christliche Gesellschaft
sind nicht dasselbe, so fliessend die Unterschiede sind.
Natürlich: eine christianisierte Gesellschaft ist immer noch weit
besser als eine heidnische, welche kaum eine Zivilisation
hervorgebracht hat und sich den eigenen Ängsten komplett
ausgeliefert findet.
Es gab schon früh innerchristliche Reaktionen auf das Machtgehabe des offizialisierten Christentums. Immer wieder kam es zum Aufbegehren gegenüber einem Institutionalismus, den man nicht mehr hat durchschauen können. Diese Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Nicht wenige Christen wurden zu Dissidenten und gründeten unabhängige Glaubensgemeinden, später oftmals im Untergrund. Dieser Zug zum Dissidententum hat sich seit dem Mittelalter massiv verstärkt. Zur Weltflucht der Christen kam also noch die Flucht vor der Kirche und dem Bischof dazu, wie gerade auch die Geschichte des Mönchtums zeigt. Das Freikirchentum ist im Grunde genommen uralt, zumal ja auch die ersten christlichen Gemeinden Freikirchen waren. Das offizialisierte Christentum steht deshalb seit rund 1600 Jahren in Spannung zu diesen dissidenten Christen.
Ein Grundproblem dieser konservativen
Reaktionen auf das real existierende Christentum war und ist bis
heute die Gefahr, dass sie dabei ins Pharisäische oder
Mystische überzeichnet
werden. So gab es früher Klöster, deren Mönche sich als
die
einzig richtig glaubenden Christen ansahen. Nun kann diese
Überheblichkeit ihrerseits wiederum keine moralische
Legitimation aus der Bibel und der Tugend, demütig zu sein,
beziehen. Auf der anderen Seite darf man nicht alles als
überheblich bezeichnen, vor allem dann nicht, wenn eine
dissidente Tradition der Bibel näher kommt als eine
offiziell-kirchliche. Jedenfalls hat Jesus Christus selber vor
allem die Pharisäer zurechtgewiesen und nicht die religiösen
Vorstellungen der römischen Besatzungsmacht in Judäa
kritisiert, wie das die modernen Fundamentalisten wohl tun
würden. Die konservativen Reaktionen auf das Christentum und
deren fundamentalistischen Übertreibungen sind also ebenfalls
rund 1600 Jahre alt und keinesfalls nur ein Produkt des 20.
Jahrhunderts. Das Streben nach einem urchristlichen Nachfolge- und
Gemeinde-Modell jedenfalls ist eine dauernde Gratwanderung
zwischen allzu freizügigem Liberalismus und ultrakonservativem
Pharisäismus. Manfred Heim schreibt in einem Artikel über den
Prämonstratenser-Orden: «Jeder echte religiöse Aufbruch
in der
Kirche ging stets vom Evangelium aus, das zeigt die aufmerksame
Betrachtung der Kirchengeschichte. Sie zeigt aber auch, dass eine
Bewegung nur einige Jahrzehnte ihre begeisternde, mitreissende
Stosskraft und ihre ursprünglichen Ziele bewahren kann. »
Man muss klar sehen: Der Wunsch nach Erneuerung des
Christentums ist noch nicht die Erneuerung selber. Ein Gerede über
Erweckung kann die Erweckung behindern oder zerstören. Das ist der
Unterschied: in der Erweckungs-Orthodoxie wird oft über den
Zustand des Christentums gepredigt, in der Erweckung lassen die
Christinnen und Christen Gott machen und es wird das Evangelium von
Jesus Christus gepredigt. Nicht mehr etwas für Gott tun ist
wichtig, sondern mit Gott: Herr zeige uns, was als Nächstes dran
ist. Präge Du unsere Gedanken.