Evangelikalismus und Fundamentalismus in den
USA
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Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser

Die amerikanische Heiligungsbewegung
Um 1776 gab es für 2,5 Mio. Menschen in den USA
rund 1800 Prediger, 1850 waren es für 20 Mio. Menschen 40'000
Prediger. Um 1830 waren noch zwei Drittel der Protestanten in den USA
Methodisten oder Baptisten, Weisse und Schwarze zusammen gerechnet.
Die Protestanten kümmerten sich um die Armen. Sie ermutigten sie,
ihr persönliches Potential auszuschöpfen. Diese Ermutigungen
brachte viele dazu, von grösserem zu träumen. Hatch meint,
dass dies einen wichtigen wichtigen Einfluss hatte auf die
Demokratisierung der USA. Die Leute nahmen ihr Geschick selber an die
Hand. Sie wollten nicht sein wie die Aristokraten, die lebten wie die
Engländer, die man vertrieben hatte. Sie fühlten sich als die
Amerikaner schlechthin, sie waren die Republikaner im
ursprünglichen Wortsinn.
Diese Volksbewegung hatte Aspekte von mangelndem Respekt gegenüber
den überkommenen Formen von Autorität. Deshalb wurde es
denkbar, dass jeder, der einen Ruf Gottes verspürte, als Prediger
oder Evangelist zu wirken begann. Die einen wiesen darauf hin, dass ein
Prediger erst eine gute Ausbildung haben müsse, während
anderen wichtig war, dass man niemandem die Verkündigung des
Evangeliums verbieten könne. Die da oben sollen uns nicht in die
Ausgestaltung des Glaubens drein reden, war die Haltung. Darin liegt
auch die ursprüngliche Motivation, dass Kirche und Staat
später getrennt wurden. Die Volksprediger brachten viele zum
christlichen Glauben. Darin fanden viele eine Stütze in einem
Leben voller Entbehrung. Im Süden entstanden die Lieder der
schwarzen Christen. Der Gospel war gefragt und nicht die müden
Kirchenlieder der Weissen und Aristokraten. Mit der Einfachheit kam
auch die Überzeugung, dass Gott durchaus auch durch Träume
und Visionen sprechen könne, was der puritanischen Strenge nicht
entsprach. Daraus entwickelte sich die enthusiastische, charismatische
Variante der Erweckungsbewegung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stieg
die Bedeutung des religiösen Schrifttums in ganz unterschiedlichen
Formen, verstärkt noch durch die zunehmende Alphabetisierung. Die
Erweckungsprediger waren traditionalistisch nicht vorbelastet. Den
Klerus gab es nur noch in den etablierten Kirchenformen, in der
Erweckungsbewegung gehörten die Prediger wieder zum Volk, weil sie
aus dem Volk kamen. Die neu empfundene Volksfreiheit führte zur
Bildung von allerlei religiösen und pädagogischen, aber auch
politischen und ökonomischen Institutionen.
Unter der Heiligungsbewegung versteht man
verschiedene geistliche Aufbruchs-Bewegungen, in denen viele Menschen
zurück zu christlichen Grundprinzipien fanden. Eine wichtige
Rolle kam dabei dem Evangelisten Charles Grandison Finney zu, der
am 10. Oktober 1821 seine Bekehrung erlebte. Geprägt durch den
englischen Prediger John
Wesley, dem Begründer des Methodismus, vertrat er eine
Heiligungslehre, die nicht nur Bekehrung und Wiedergeburt kannte,
sondern auch ein mystisches Erlebnis, welches er Geistestaufe
nannte. Finney gilt daher als Ur-Pfingstler. Von der
Heiligungsbewegung in den USA gab es auch wichtige Impulse nach
Deutschland zur Bildung der dortigen Gemeinschaftsbewegung.
Robert Pearsall Smith (1827-1898), ein Vertreter der
Heiligungsbewegung, ging 1873 nach Europa und hielt erweckliche
Vorträge. 1874 veranstaltete Smith in Oxford eine
Heiligungskonferenz. Kleinere Kongresse veranstaltete er nachher
auch in Bern, Strassburg, Zürich, Mülhausen, Korntal und
Stuttgart. Diese Veranstaltungen wurden vom Leiter der
Pilgermission St. Chrischona, Carl Heinz Rappard, und Otto
Stockmayer organisiert. Tibusek schreibt: «Die durch Smith
angeregten Kreise und Gemeinschaften hielten einen engen Kontakt
zur auch als Oxfordbewegung bezeichneten englischen
Heiligungsbewegung.»
Zu Beginn ihrer Geschichte war die USA ganz protestantisch. Doch bald
im frühen 19. Jahrhundert kamen auch katholische Einwanderer, vor
allem aus Italien und Irland. Zwischen 1820 und 1840 wuchs die
Bevölkerung Irlands dank der neu eingeführten Kartoffel von
sieben auf neun Millionen. Eine halbe Million verhungerten dann jedoch
aufgrund der Kartoffelkrankheit und der einseitig ausgerichteten
irischen Landwirtschaft. Eineinhalb Millionen Iren wanderten in kurzer
Zeit nach den USA aus. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wandern wieder
irischstämmige Amerikaner nach Irland zurück. Jedenfalls war
die Lage der Katholiken in den protestantisch dominierten USA im 19.
Jahrhundert nicht immer so einfach.