Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA

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Schlussredaktion: Rolf Strasser



Die amerikanische Heiligungsbewegung

Um 1776 gab es für 2,5 Mio. Menschen in den USA rund 1800 Prediger, 1850 waren es für 20 Mio. Menschen 40'000 Prediger. Um 1830 waren noch zwei Drittel der Protestanten in den USA Methodisten oder Baptisten, Weisse und Schwarze zusammen gerechnet.

Die Protestanten kümmerten sich um die Armen. Sie ermutigten sie, ihr persönliches Potential auszuschöpfen. Diese Ermutigungen brachte viele dazu, von grösserem zu träumen. Hatch meint, dass dies einen wichtigen wichtigen Einfluss hatte auf die Demokratisierung der USA. Die Leute nahmen ihr Geschick selber an die Hand. Sie wollten nicht sein wie die Aristokraten, die lebten wie die Engländer, die man vertrieben hatte. Sie fühlten sich als die Amerikaner schlechthin, sie waren die Republikaner im ursprünglichen Wortsinn.

Diese Volksbewegung hatte Aspekte von mangelndem Respekt gegenüber den überkommenen Formen von Autorität. Deshalb wurde es denkbar, dass jeder, der einen Ruf Gottes verspürte, als Prediger oder Evangelist zu wirken begann. Die einen wiesen darauf hin, dass ein Prediger erst eine gute Ausbildung haben müsse, während anderen wichtig war, dass man niemandem die Verkündigung des Evangeliums verbieten könne. Die da oben sollen uns nicht in die Ausgestaltung des Glaubens drein reden, war die Haltung. Darin liegt auch die ursprüngliche Motivation, dass Kirche und Staat später getrennt wurden. Die Volksprediger brachten viele zum christlichen Glauben. Darin fanden viele eine Stütze in einem Leben voller Entbehrung. Im Süden entstanden die Lieder der schwarzen Christen. Der Gospel war gefragt und nicht die müden Kirchenlieder der Weissen und Aristokraten. Mit der Einfachheit kam auch die Überzeugung, dass Gott durchaus auch durch Träume und Visionen sprechen könne, was der puritanischen Strenge nicht entsprach. Daraus entwickelte sich die enthusiastische, charismatische Variante der Erweckungsbewegung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stieg die Bedeutung des religiösen Schrifttums in ganz unterschiedlichen Formen, verstärkt noch durch die zunehmende Alphabetisierung. Die Erweckungsprediger waren traditionalistisch nicht vorbelastet. Den Klerus gab es nur noch in den etablierten Kirchenformen, in der Erweckungsbewegung gehörten die Prediger wieder zum Volk, weil sie aus dem Volk kamen. Die neu empfundene Volksfreiheit führte zur Bildung von allerlei religiösen und pädagogischen, aber auch politischen und ökonomischen Institutionen.

Unter der Heiligungsbewegung versteht man verschiedene geistliche Aufbruchs-Bewegungen, in denen viele Menschen zurück zu christlichen Grundprinzipien fanden. Eine wichtige Rolle kam dabei dem Evangelisten Charles Grandison Finney zu, der am 10. Oktober 1821 seine Bekehrung erlebte. Geprägt durch den englischen Prediger John Wesley, dem Begründer des Methodismus, vertrat er eine Heiligungslehre, die nicht nur Bekehrung und Wiedergeburt kannte, sondern auch ein mystisches Erlebnis, welches er Geistestaufe nannte. Finney gilt daher als Ur-Pfingstler. Von der Heiligungsbewegung in den USA gab es auch wichtige Impulse nach Deutschland zur Bildung der dortigen Gemeinschaftsbewegung. Robert Pearsall Smith (1827-1898), ein Vertreter der Heiligungsbewegung, ging 1873 nach Europa und hielt erweckliche Vorträge. 1874 veranstaltete Smith in Oxford eine Heiligungskonferenz. Kleinere Kongresse veranstaltete er nachher auch in Bern, Strassburg, Zürich, Mülhausen, Korntal und Stuttgart. Diese Veranstaltungen wurden vom Leiter der Pilgermission St. Chrischona, Carl Heinz Rappard, und Otto Stockmayer organisiert. Tibusek schreibt: «Die durch Smith angeregten Kreise und Gemeinschaften hielten einen engen Kontakt zur auch als Oxfordbewegung bezeichneten englischen Heiligungsbewegung.»

Zu Beginn ihrer Geschichte war die USA ganz protestantisch. Doch bald im frühen 19. Jahrhundert kamen auch katholische Einwanderer, vor allem aus Italien und Irland. Zwischen 1820 und 1840 wuchs die Bevölkerung Irlands dank der neu eingeführten Kartoffel von sieben auf neun Millionen. Eine halbe Million verhungerten dann jedoch aufgrund der Kartoffelkrankheit und der einseitig ausgerichteten irischen Landwirtschaft. Eineinhalb Millionen Iren wanderten in kurzer Zeit nach den USA aus. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wandern wieder irischstämmige Amerikaner nach Irland zurück. Jedenfalls war die Lage der Katholiken in den protestantisch dominierten USA im 19. Jahrhundert nicht immer so einfach.