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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Verbreitung und Einfluss des amerikanischen
Fundamentalismus und Evangelikalismus
In den USA gehen nach Hatch Ende des 20. Jahrhunderts rund 40 Prozent der Bevölkerung sonntags in einen christlichen Gottesdienst. In Kanada und Australien sind es 25 Prozent, in England etwa 10 Prozent, auf dem westeuropäischen Kontinent etwa 5 Prozent.
Um 1900 waren nach Hunter 41 Prozent der USAmerikaner Evangelikale (wohl im weiteren Wortsinne, also inklusive der Fundamentalisten und der Charismatiker), 1980 waren es etwa 32 Prozent. Für Westeuropa liegt die Zahl für 1900 bei 15 Prozent, für 1980 bei rund 10 Prozent (wobei letztere Prozentzahl von Hunter viel zu hoch eingeschätzt ist und höchstens ein Viertel davon beträgt. Die Unschärfe kommt mitunter dadurch zustande, dass es keine allgemein anerkannte Definition darüber gibt, was man zum Evangelikalismus zählen will und was nicht). In der Schweiz sind, wenn es hoch kommt, zwei Prozent der Bevölkerung als evangelikal zu bezeichnen.
Immer mehr Wiedergeborene verlassen die grossen protestantischen Kirchen (sogenannte mainline churches), um sich einer rein evangelikalen, fundamentalistischen oder pfingstlerischen Gemeinde anzuschliessen.
In den USA gibt es rund 17 000 evangelikale Primar und Sekundarschulen (in der Schweiz sind es gerade mal eine Handvoll sehr kleiner Schulen).
Da der Begriff des Evangelikalismus sehr weit gefasst ist, ist er auch stark emotional belastet. Kägi schreibt, dass nicht selten Evangelikale für Dinge herhalten müssen, die nur für einen ganz kleinen Teil des Evangelikalismus gelten. Im deutschen Sprachraum ist dies ähnlich, obwohl die Evangelikalen hier bedeutend weniger zahlreich sind.
Vor 1900 gab es erst neun Bibelinstitute, welche die ganze Autorität und Unfehlbarkeit der Bibel vertraten. Zwischen 1900 und 1930 kamen 49 weitere hinzu, bis 1940 35 und bis 1950 60 weitere. Das wichtigste evangelikale theologische Bildungsinstitut weltweit ist das Fuller Seminary bei Los Angeles. 1992 waren dort 3700 Studenten aus 120 verschiedenen Denominationen eingeschrieben, davon 40 Prozent aus dem Ausland oder aus ethnischen Minoritäten. Durch die breite Abstützung erhielt das Fuller Seminary in seiner Geschichte mehr Zuspruch von den protestantischen Mainstream-Denominationen und von der römisch-katholischen Kirche als von den Fundamentalisten. Der Leiter des Seminars war seit der Gründung 1947 ein Baptist, seit 1992 ist es ein Reformierter.
Die Verbreitung des Evangelikalismus mitgefördert hat auch die Gebefreudigkeit. 1983 gaben die Evangelikalen im Durchschnitt 535 Dollar an ihre Kirchgemeinde, bei den Liberalen waren es 301 Dollar. Nicht dabei sind hier die Zuwendungen, die direkt an die interkirchlichen Missionswerke gesandt werden. Es wäre zu untersuchen, wie stark die grosszügige Absetzbarkeit solcher Zuwendungen bei der Steuererklärung die Gebefreudigkeit beeinflusst (in der Schweiz sind Gaben für Kultuszwecke nicht steuerabzugsberechtigt, daher werden kirchliche Sozialprojekte formell zunehmend als eigener Verein organisiert, um wenigstens diese Gaben von den Steuern absetzen zu können.).
1980 waren rund 30 000 evangelikale USMissionare im Ausland tätig, rund elfmal mehr als aus dem modernistischliberalen Flügel des Protestantismus.
Die evangelisch-konservative Bewegung ist weltweit sehr missionarisch gesinnt und entsprechend im In- und Ausland aktiv. Die amerikanischen Christen haben viele Missionare und Entwicklungshelfer nach allen Kontinenten, vor allem aber nach Südamerika ausgesandt. Das Vorgehen von einem Teil der fundamentalistischen Gesellschaften dort und ihre sozialethische Inkompetenz bzw. Ignoranz der sozialen Ungerechtigkeit hat sowohl in den USA wie auch in Europa kritische Medienberichte ausgelöst. Die Missionsbemühungen sind sehr breit, was sich in den vielerlei Missionsgesellschaften und Denominationen äussern. Zu den schnellst wachsenden Richtungen und erfolgreichsten Gesellschaften gehören diejenigen, die es verstehen, der Bevölkerung in ihrer Sprache und ihrer Kultur das Evangelium zu übermitteln und ihre sozialen Nöte zu teilen. Deshalb gehören die Pfingstkirchen in Lateinamerika zu den schnell wachsenden Richtungen. Die etablierten evangelikalen und fundamentalistischen Gruppen, welche ihre US-Kultur nicht ablegen, gelten in Südamerika als Fremdkörper, was sich negativ in ihrem missionarischen Erfolg äussert. In Guatemala waren bis 1990 aber dennoch 30 Prozent der Bevölkerung durch die Mission evangelisch geworden. Sie treffen sich in 300 verschiedenen Denominationen und über 10 000 Kirchgemeinden. Einen zusätzlichen Schub an diakonischer Hilfe durch die Missionare in Guatemala löste das dortige grosse Erdbeben von 1976 aus.
Die Fundamentalisten erzielten Erfolge durch drei konservative Neubesetzungen im höchsten Gericht (Supreme Court) durch die republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George Bush. Damit verschob sich das Verhältnis bei den auf Lebenszeit gewählten Richtern auch für Entscheide in den Grundsatzfragen punkto Abtreibung und Homosexualität wieder langsam in Richtung fundamentalistische Akzeptanz. Bei der Aufhebung des Urteils aus dem Fall Roe vs. Wade 1992 waren fünf der Richter für die Aufhebung, darunter die drei von Reagan und Bush eingesetzten. Im Fall Roe vs. Wade war früher die Legalisierung der Abtreibung gutgeheissen worden. Die Frau, welche sich für die Abtreibung einsetzte und hinter dem Pseudonym Roe steht, bekehrte sich vor geraumer Zeit zu Jesus Christus und demonstriert heute zusammen mit den Evangelikalen gegen die Abtreibung.
1995 gründeten Evangelikale das Evangelical Environment Network. Die Stiftung will sich für die Erhaltung der natürlichen Umwelt einsetzen. Das EEN hat 33 000 Kirchen angeschrieben, worauf 1000 antworteten, sie wollen eine «Noah-Kongregation» sein, welche sich für die Umwelt einsetzt. Das EEN hat die umweltfeindliche Politik der konservativen Kongress-Abgeordneten (und damit auch die Fundamentalisten) kritisiert. Der Umweltschutz fand in der evangelisch-konservativen Bewegung lange keine Resonanz. Die Erde sah man als vorübergehendes «Produkt» an, welches nach dem Wiederkommen Christi sowieso untergehen wird. Gründer von EEN ist der bekannte Linksevangelikale Ron Sider, Professor für Theologie am Eastern Baptist Seminary in Wynnewood PA. Sider war einer der ersten prominenten Evangelikalen, welcher sich offen gegen das Wohlstands-Evangelium und die Umwelt-Verpestung wehrte. Seine Büchlein wurden in den achtziger Jahren auch ins deutsche übersetzt. Sider ist auch Präsident der Gesellschaft Evangelicals for Social Action ESA. Die ESA fand ihren Anfang an einem Treffen von 40 prominenten evangelikalen Leitern in Chicago 1973. Ihr war und ist die Gleichstellung von Frauen und Minoritäten ein Hauptanliegen.