Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA

Inhaltsverzeichnis


Herausgeber: Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser



Fundamentalismus und Evangelikalismus

Als evangelikal bezeichnet man eine Haltung, welche an der unbedingten Autorität der Bibel festhalten möchte. Man braucht dafür auch den Ausdruck evangeliumsgemäss. Der Duden umschreibt den Begriff evangelikal als die unbedingte Autorität des Evangeliums vertretend. Das Evangelium meint umfassend natürlich die ganze Bibel und nicht nur die Evangelien, wie man vom Wort her vielleicht meinen könnte. In den USA wird der Evangelikalismus (Evangelicalism) umschrieben als der theologisch­konservative Protestantismus schlechthin. In deutschsprachigen Aufsätzen und Büchern zum Evangelikalismus wird noch zu wenig unterschieden zwischen extrem­konservativen, lies fundamentalistischen, und liberaleren, lies (neo-)evangelikalen, Kräften innerhalb dieser theologisch­konservativen Bewegung des Protestantismus. In diesem Abschnitt bezeichnen wir den rechten Flügel der evangelikalen Bewegung als Fundamentalismus (mit recht meinen wir rechts und nicht richtig). Während die Begriffe Evangelikalismus und Fundamentalismus vor dem Zweiten Weltkrieg im grossen ganzen als austauschbarte Begriffe verwendet wurden, hat sich die Situation später verändert. Nach dem Krieg begannen sich Neo-Evangelikale und Fundamentalisten im engeren Wortsinne voneinander abzugrenzen, wie wir sehen werden. Im deutschen Sprachraum hat sich diese Spaltung zwar auch ergeben, bis heute wagen es die hiesigen theologisch konservativen Protestanten aber nur in Ansätzen offen dazu zu stehen. Der deutsche Begriff des Pietismus (von lat. pietas für Frömmigkeit) ist für die Diskussion über die Vorgänge in den USA nicht gebräuchlich. Nichtsdestotrotz gibt es aber viele Parallelen zwischen dem Evangelicalism und dem Pietismus.

Es ist gut zu wissen, sich die gesellschaftliche und religiöse Entwicklung der USA im Hinterkopf zu behalten, um die evangelisch-konservative Bewegung der jüngeren Zeit zu verstehen. Wenn wir von Evangelikalismus und Fundamentalismus reden, müssen wir uns ihrer verschiedenen Hauptströmungen bewusst werden. Am rechten Rand dieser Strömungen entstand das, was nach dem Zweiten Weltkrieg als Fundamentalismus im engeren Sinn bezeichnet wurde und noch wird. Hilfreich und immer wieder zitiert ist die Einteilung von Erich Geldbach, der für die USA des 19. Jahrhunderts vier verschiedene evangelikale (evangelical) Richtungen unterscheidet. Seine Übersicht haben wir hier zusammengefasst und teilweise ergänzt:

Die moderat auftretenden Evangelikalen in den USA nennen sich seit dem Zweiten Weltkrieg auch Neo­Evangelikale, weil sie an einer früheren Form des evangelicalism anknüpfen und sich gleichzeitig von den Fundamentalisten abgrenzen wollen. Der Begriff evangelicalism kam das erste Mal im England des 16. Jahrhunderts vor. Als evangelicals wurden Anhänger der protestantischen Reformation innerhalb der Staatskirche bezeichnet. Der Begriff evangelicalism wurde später durch protestantism verdrängt, kam aber im Rahmen der Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts in England wieder auf und etwas später auch in Schottland. Aus der Erweckungsbewegung entstand unter dem Wirken von John und Charles Wesley, George Whitefield und anderen der Methodismus. Daher gebrauchte man dort und damals die Bezeichnung Evangelikalismus und Methodismus auch synonym. Heute gehört der Methodismus nur noch teilweise zur theologisch konservativen Bewegung und viele theologisch konservative Methodisten würden sich oftmals nicht mehr als Evangelikale bezeichnen. Den glaubenskulturell eher gesetzten Methodisten sind die progressiven bis schwärmerischen Äusserungen der heutigen Evangelikalen doch ein wenig zu überspannt. Jedenfalls knüpften die amerikanischen Neo­Evangelikalen an dieser Tradition des Evangelicalism an, als sie sich in den USA seit den 40er Jahren vom Fundamentalismus abzugrenzen begannen. Der Fundamentalismus sieht sich aber ebenso wie der Neo­Evangelikalismus als Folgebewegung des Evangelicalism, also der schon erwähnten Erweckungs­ und Heiligungsbewegung früherer Jahrhunderte. Der Begriff des Evangelicalism gab es in den USA schon lange und bezeichnete alle Denominationen, welche sich vom Katholizismus abgrenzen wollten. Als die amerikanischen Vertreter 1846 von der Gründung der Evangelischen Allianz aus London nach den USA zurückkehrten, bekam der Terminus Evangelicalism mit der Zeit eine andere Färbung, sodass es zum heutigen Synoynm für die konservative protestantische Bewegung wurde. Der Begriff Evangelikalismus kann für die Situation weltweit oder für den deutschen Sprachraum nicht als Synonym für den theologisch konservativen Protestantismus gebraucht werden. Ausserhalb der USA liegen die Verhältnisse etwas anders.

Der Fundamentalismus der zehner, zwanziger und späteren Jahre des 20. Jahrhunderts machte sich den Widerstand gegen den theologischen Liberalismus, welcher mit seiner Bibelkritik ins Gerede gekommen war, zur Aufgabe. Der theologische Liberalismus war vor allem als Folge der Aufklärung entstanden, aus welcher unter anderem auch der Darwinismus hervorging. Der Darwinismus geht zurück auf Charles Darwin, der 1859 sein bahnbrechendes Werk über den Ursprung der Arten veröffentlichte. Die neue Art von Geschichtsschreibung beruhte auf der Anwendung evolutionärer Theorien auf das Verständnis der Vergangenheit. Diese neue, historisch-kritische Art von Vergangenheitsverständnis begann man auch auf das Buch der Bücher anzuwenden, was den theologischen Liberalismus und Modernismus hervorbrachte. Zudem war vielen Theologen bewusst, dass sie sich davon zurückhalten sollten, aus religiös motivierten Gründen naturwissenschaftliche Ansichten kritisieren zu wollen. Beim Fall Galilei, dem Beharren der offiziellen (katholischen) Kirche am geozentrischen Weltbild, hatten sich die Theologen in der Geschichte schon mal gewaltig geirrt. Deshalb schauten sie jetzt fast unterwürfig auf die Naturwissenschafter und gaben die biblischen Positionen rund um Schöpfung und Sintflut auf, was bei den Konservativen sauer aufstiess. Die Evolutionslehre hat auch insofern einen wichtigen Eindruck in der liberalprotestantischen Theologiewelt hinterlassen, als man die Religion selber als Evolutionsprodukt des menschlichen Geistes aufzufassen begann. Von daher wird es nachvollziehbar, wenn heute liberale Theologen monieren, der konservative Fundamentalismus sei ein Produkt von ewiggestrigen Spinnern. Für sie erscheint das Übernehmen entsprechender Meinungen ein handfester Rückschritt auf geistigem Gebiet zu sein. Der Widerstand der Fundamentalisten richtete sich so als Reaktion darauf ganz grundsätzlich gegen den naturwissenschaftlichen Materialismus, welcher die Erinnerung an einen personalen Schöpfergott a priori ausklammerte.

Nun begann sich der Widerstand gegen den neuzeitlichen theologischen Liberalismus in den USA vor allem seit Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts so richtig zu formieren. Bis dahin sah man gar keine Notwendigkeit, eine Irrtumslosigkeit oder Vertrauenswürdigkeit der Bibel explizit zu postulieren. Man begnügte sich bis dahin, gegenüber allzu freizügigen Gedanken an den reformatorischen Grundsatz sola scriptura (alleine die Schrift ist massgebend) zu erinnern. Doch nun ging es darum, dem breitseitigen Fundamentalangriff auf das Fundament Bibel etwas entgegensetzen, aber auch der zunehmenden Verweltlichung des Denkens in der Gesellschaft. Die gesellschaftliche Befreiung aus der kirchlichen Bevormundung sah man nicht als innovative Kraft, sondern vor allem als Gefahr. Man sah, dass die modernen Zeiten nicht nur zusehend Abstand von der Kirche als Institution, sondern auch von einer bestimmten Gottesvorstellung nahmen und so das bekannte Kind mit dem ebenso bekannten Bad ausschütteten. Das Dogma der Irrtumslosigkeit der Bibel wurde dann allerdings nicht nur von theologisch modernistischen Kreisen, sondern auch von gemässigten orthodoxen Kräften als rationalistisches Postulat zurückgewiesen. Anderseits wurde auch die apriorische Zurückweisung der Irrtumslosigkeits-Prämisse als ebenso rationalistisch von seiten der Fundamentalisten zurückgewiesen. Der Modernismus wie der Fundamentalismus bedienen sich heute stärker rationalistischer Argumente, als dies die Diskussion im frühen Christentum zwischen schriftnäheren und freiheitlicheren Lehren der Fall war. Die Disputation zwischen Modernisten und Fundamentalisten zu Fragen des Erkennens (Hermeneutik) steckt jedenfalls noch in Kinderschuhen.

Auf Kirchenkonferenzen bestätigten konservative Prediger gegenüber den Meinungen der modernen Theologie immer wieder ihre grundsätzlichen Lehrmeinungen. So zählte die Niagara Bible Conference 1895 folgende fünf Punkte zu den fundamentalen Wahrheiten:

1. Glaubwürdigkeit der Schrift
2. Jungfraugeburt des göttlichen Christus
3. Der stellvertretende Tod Jesus Christi am Kreuz für unsere Sünden
4. Die physische Auferstehung Christi aus dem Felsengrab
5. Die körperliche Wiederkunft Christi in seinem (noch ausstehenden) zweiten Kommen

Die Bibelkonferenzen bei den Niagara-Fällen fanden von 1883 bis 1897 jeweils im Sommer statt. Sie wurden von einer relativ kleinen Gruppe von Predigern und anderen besucht. Diese Konferenzen hatten einen wichtigen Einfluss bei der Entstehung des Fundamentalismus. Dazu gehörten u. a. William J. Erdman, einer der Gründer des Moody Bible Institute und Herausgeber der Scofield-Bibel. Andere einflussreiche Konferenzen waren die prophetischen und dispensationalistischen Tagungen, die eine Folge der Niagara-Zusammenkünfte waren. Die Premillennial Conference von 1878 war der Start einer längeren Zusammenarbeit zwischen Dispensationalisten und Princeton-orientierten Calvinisten. Man kann hier auch von einem Proto-Fundamentalismus sprechen.

Ein oft zitierter Fixpunkt der Fundamentalismus­Geschichte ist die Veröffentlichung der zwölf verschiedene Ausgaben umfassende Schriftenreihe The Fundamentals ­ A Testimony to the Truth, welche von 1910 bis 1915 in einer Auflage von jeweils zwischen 175 000 und 300 000 herausgegeben und von den beiden kalifornischen Ölmillionären Lyman und und Milton Stewart finanziert wurde. Lyman Stewart war dabei die treibende Kraft, er war ein dispensationalistisch orientierter Presbyterianer. Die Stewarts waren Hauptaktionäre bei der Union Oil Company in Los Angeles. 64 Autoren, darunter Theologen, Prediger, Missionare, aber auch Laien, schrieben insgesamt 90 Artikel, um die Bibel in den Fundamentals zu verteidigen. Bei den verteidigten, fünf fundamentalen Glaubensprinzipien ging es um die Irrtumsfreiheit der Bibel, die Jungfrauengeburt, die leibliche Wiederauferstehung, dem stellvertretenden Sühneopfer und die physische Wiederkunft Christi. Chef-Herausgeber der Serie war Amzi C. Dixon, ein vehementer Verteidiger des christlichen Glaubens und dispensationalistisch orientierter Baptistenprediger, der zu jener Zeit Verkünder in der Moody Memorial Church war. Die Autoren wurden von Dixon ausgesucht. Das Herausgeber-Komitee bestand aus ihm, einigen Laien aus seiner Gemeinde und drei Predigern, nämlich Reuben A. Torrey, ein Dispensationalist und Dekan am Bible Institute of Los Angeles, einem anderen von Lyman Stewart gesponserten Projekt. Ferner war Elmore Harris dabei, Präsident des Toronto Bible Institute und Mitherausgeber der Scofield Reference Bible, ferner Louis Meyer, ein zum Christentum konvertierter Jude, welcher unter der Leitung des Presbyterian Board of Home Missions unter Juden missionierte. A. C. Dixon verliess 1911 das Herausgeber-Komitee, um einem Ruf als Prediger am Tabernacle von Charles Haddon Spurgeon in der britischen Hauptstadt London zu werden.

Unter anderem durch die Verbreitung dieser Fundamentals begann die Trennlinie der frühen Fundamentalisten und den Modernisten allmählich sichtbar zu werden. In den Anfangszeiten des Fundamentalismus gab es einen Schulterschluss der verschiedenen Strömungen innerhalb der evangelisch­konservativen Bewegung. Die evangelisch­orthodoxen Kräfte aus den traditionellen Mainstream­Konfessionen wie den Lutheranern und den Presbyterianern setzten sich nämlich ebenfalls gegen den Liberalismus ein, wenngleich nicht auf eine so emotionalisierte Art wie die Erweckungsbewegung. Der Widerstand gegen den theologischen Liberalismus hatte übrigens auch einen antigermanischen Wesenszug, kam aus Deutschland doch viel Gedankengut liberaler Theologie und war dieses Deutschland ausserdem militärischer Gegner im Ersten Weltkrieg.

Die frühen Fundamentalisten knüpften an der Heiligungsbewegung und an dem Methodismus an. In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass der Fundamentalismus nicht nur von der Heiligungsbewegung, sondern nicht unwesentlich vom calvinistisch ausgerichteten theologischen Princeton-Seminar und dem Dispensationalismus geprägt wurde. Der Fundamentalismus und die Orthodoxie verschmolzen trotz gemeinsamer Front gegen den Liberalismus nicht zusammen, da die Vorläuferbewegungen des frühen Fundamentalismus aus dem Widerstand gegen gerade diese gefühlskalte Orthodoxie hervorgegangen sind.

Die charismatisch-enthusiastischen Gruppierungen, wesentlich von den Unterschichten getragen, sowie die Kirchen der Farbigen wurden trotz ihrer konservativen Bibel­Orientierung nicht ins fundamentalistische Lager einbezogen. Dies zeigt ein erster organisatorischer Zusammenschluss in der 1919 gegründeten World's Christian Fundamentals Association (WCFA), in der diese Richtungen nicht vertreten waren. Die Social­Gospel­Bewegung mit ihrer optimistischen Ansicht, man könne in der Welt was ändern, wird jedoch nicht zwangsläufig ausgegrenzt. Der Antagonismus zwischen bürgerlich und sozial geprägtem Fundamentalismus spielte sich zuerst vor allem innerhalb der Denominationen ab (Presbyterianer, Baptisten). Jede Richtung versuchte aber, mehr Einfluss auf die denominationellen oder interdenominationellen Institutionen wie Hochschulen oder Bibelschulen zu erreichen. Jedenfalls setzte sich der Fundamentalismus zuerst in den Baptistenkirchen, bei den Presbyterianern und den Missouri­Lutheranern durch. - Die WCFA wurde von William Bell Riley (1861-1947) gegründet, dem Pastor der Ersten Baptisten-Kirche in Minneapolis.

Der Begriff des Fundamentalismus wurde in Anlehnung an die Schriftenreihe Fundamentals zum ersten Mal von Curtis Lee Laws (1868­1946) verwendet und zwar in einem Artikel der Zeitschrift Watchman Examiner in der Ausgabe vom 1. Juli 1920, wie Holthaus festhält. Mit Fundamentalisten bezeichnete Laws eine Gruppe innerhalb der Northern Baptists, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhielten und zur National Federation of Fundamentalists of the Northern Baptists zusammen gefunden hatten. Der Watchman Examiner wurde von Laws herausgegeben und erschien von 1911 bis 1938. Diese Zeitschrift war ein Bindeglied zwischen den fundamentalistischen Gruppen der Northern Baptists. Wir sehen daraus, dass der Begriff Fundamentalist zunächst eine Selbstbezeichnung war und keinen negativen Beigeschmack hatte. Die Baptistenkirche ist übrigens die einzige der USA, die aufgrund des Sezessionskriegs im letzten Jahrhundert noch heute gespalten ist in eine Northern- (auch National genannt) und eine Southern-Baptist-Denomination.