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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Evangelische Fundamentalismen
Die uns wohl bekannteste fundamentalistische Reaktion auf das real existierende Christentum ist die Reformation im 16. Jahrhundert. Die Namen der grossen Reformatoren wie Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin rücken uns damit ins Bewusstsein. Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass es auch vorreformatorisch immer wieder bedeutende Erneuerungsbewegungen gab, man denke nur an die Waldenser. Oftmals ging diese Erneuerung von den Klöstern aus. Dazu eine kleine Episode aus Zürich:Rudolf von Fluntern stiftete im 12. Jahrhundert ein Stück Waldland auf dem Zürichberg, um ein neues Kloster zu gründen. Er tat dies zur Erinnerung an die Märtyrer Felix und Regula, die von den Römern aus St. Maurice (Kanton Wallis) geflüchtet waren. Die Römer richteten dort unter den Christen ein Blutbad an. Die Stiftungsurkunde dieser Zürichberg-Schenkung ist interessant, weil sie eine Vorstellung von den damaligen Problemen und Spannungen verständlich macht. Offenbar waren dem Stifter Rudolf von Fluntern gewisse kirchliche Machttendenzen ein Dorn im Auge. So schrieb er in der Urkunde unter anderem: «Die Brüder auf dem Zürichberg dürfen in freier Wahl ihren Vorsteher selber wählen. Niemand, weder Träger geistlicher noch weltlicher Macht, darf ihnen einen Oberen aufzwingen. Auch die Propstei darf nie irgendwelche Gewalt ausüben. Die Brüder sind dafür verpflichtet, am Tag der Heiligen Felix und Regula dem Münster eine Kerze von einem Pfund Zürcher Gewicht zu opfern.»
Wir sehen also, dass in den Klöstern meist eine parallele Organisation zu den lokalen Kirchen bestand. Dies war Anlass zu Spannungen. Das Chorherrenstift auf dem Zürichberg, das nach St. Martin benannt wurde, war dem Propst durch seine missionarisch auftretende Art ein Dorn im Auge. So kritisierte ein Augustinermönch, der am Zürichberg Zuflucht fand, das verweltlichte Papsttum, womit er offensichtlich das herrschaftliche Grossmünster meinte. Wir sehen daraus, dass die missionarischen Bemühungen von parakirchlichen Organisationen und die daraus entstehenden Spannungen zu den Kirchgemeinden keineswegs nur ein modernes Phänomen sind.
Punkto Verweltlichung blieb es bei den Klöstern selber auch nicht immer beim Armutsideal. Durch ihren Vorbildcharakter waren die Orden oft sehr beliebt bei der Bevölkerung, weil die Mönche und die Nonnen mithalfen, die Alltagsnöte ihrer Umgebung zu teilen. Die Folge war, dass die Klöster oft grosse Schenkungen und Legate erhielten, sehr oft in der Form von Grundbesitz. Auch um das Kloster auf dem Zürichberg soll es später, dreihundert Jahre nach der Gründung, also im 15. Jahrhundert, nicht mehr so gut bestellt gewesen sein. Walter Baumann schreibt in seinem Buch: «Weltlicher Sinn war eingezogen und das geistliche Leben auf seinen Tiefpunkt gesunken.» Der Bürgermeister und der Rat der Stadt Zürich wollten dem Kloster einen Sitten- und Finanzaufseher verordnen. Das Kloster erholte sich darauf vorübergehend. Das Ende kam dann aber 1525 mit Zwinglis Reformation. Die Klöster sah man als Instrumente des Papismus an und wurden deshalb aufgelöst, das Vermögen verstaatlicht.
Nun war eben diese Reformation ein Wendepunkt in der abendländischen Kirchengeschichte. Wurden die bisherigen Reformationen innerhalb der einen, katholischen Kirche Christi vollzogen, so kam es nun auch in Westeuropa zu einer Spaltung. Der Kanton Zürich trat unter dem Einfluss des humanistisch geprägten Reformators Zwingli durch Regierungsbeschluss im Januar 1523 aus dem Bistum Konstanz und damit aus der römischkatholischen Kirche aus. Auch Zwingli hatte von der verweltlichten und machtlüsternen Kirche genug und wollte den Grundlagen des Christseins wieder zum Durchbruch verhelfen. Dazu gehörte auch die Verkündigung der biblischen Überzeugung, dass der Mensch von Grund auf verdorben sei (Erbsünde) und dass er vor Gott nur aus Gnade errettet werden könne. Der stellvertretende Tod von Gottes einzigem Sohn, Jesus Christus, hätte die Brücke für all diejenigen zu Gott zurück geschlagen, welche die Vergebung der Sünde für sich persönlich in Anspruch nähmen. Es seien letzten Endes nicht die gerechten Werke, die Gott gnädig stimmen würden, sondern es sei allein das unverdiente Näherkommen durch Gott (Genahen, Gnade), der sich seiner Geschöpfe erbarmt.
Natürlich dürfen wir nicht verkennen, dass der Aufbruch der Reformation nicht nur durch die Frustrationen vieler Christen über den Zustand der Kirche, sondern auch durch den damaligen Zeitgeist begünstigt worden ist. Der aufkeimende Humanismus brachte einen indivualistischen Denkansatz. Dadurch wurde die Voraussetzung geschaffen, dass ein einzelner seinen Glauben in erster Linie für sich selber finden muss und es nicht primär um das Erfüllen einer gesellschaftlich erwarteten Verhaltensweise geht. Dieses Denken am konsequentesten verwirklicht haben in jener Zeit die Täufer.
Dass ganze Landstriche in Europa zur Reformation übertraten, hiess jedoch nicht, dass die Bewohner innerlich von einem Sündenbewusstsein erfasst worden wären. Die Durchführung der Reformation war in erster Linie von oben verordnet worden. Es gab Regierungen und Fürsten, die mehr aus politischen Gründen zum neuen Glauben übertraten. Der deutsche Reformator Martin Luther war sich dessen wohl bewusst, dass mit der Reformation nicht automatisch auch eine geistliche Erweckung stattgefunden hatte. Vielmehr träumte er davon, dass es eine Art ecclesiola in ecclesia (ein Kirchlein innerhalb der Kirche) geben müsse, in der sich die echten Christen, die Gott ganz bewusst und konsequent nachfolgen wollen, treffen könnten.
Die Täufer
Noch konsequenter als die Reformatoren an der Bibel orientiert
wollten einige Dissidente sein, so auch die Täufer. In Zürich
entstanden die Täufer im persönlichen Umfeld des Reformators
Zwingli. 1525 hatten sie in Zollikon für eine Woche lang eine
eigene Freikirche etabliert. Da ihre Ansichten, obwohl teilweise
eher biblisch legitimierbar als diejenigen der Reformation,
anstössig waren und einzelne Täufer radikal auftraten,
schritt
die Obrigkeit ein. Die Täufer wurden zur Konversion zu den
Reformierten gezwungen. Teilweise wurden sie vertrieben und
vereinzelt hingerichtet, ihr Vermögen oftmals konfisziert. Die
Täufer gelangten durch die Verfolgung in verschiedene
Himmelsrichtungen. Über Holland kamen sie auch in die USA.
Sinnigerweise kamen ihre reformierten Verfolger ebenso durch die
Holländer nach den USA, vor allem über Neu-Amsterdam (welches
später New York geheissen wurde).
Heute noch ist am Haus Gstaadstrasse 23 in Zollikon bei Zürich eine Tafel angebracht, die davon zeugt, dass hier erstmals das täuferische Abendmahl gefeiert wurde und erstmals die Idee einer Freikirche als einer vom Staat gelösten Kirche umgesetzt wurde. Noch heute pilgern Amerikaner, vor allem Baptisten, zu diesem Haus. Der amerikanische Menschenrechtskämpfer Martin Luther King, der 1968 ermordet worden ist, ist wohl der bekannteste Sohn des Baptismus (bereits 1838 setzten sich die Baptistenmissionare in den USA massgeblich für die Sklavenbefreiung ein.) Als Nachfahren der Täufer, die noch in der Schweiz vertreten sind, sind vor allem die Mennoniten, die Baptisten, die EvangelischTaufgesinnten und die Evangelische Täufergemeinde zu nennen.
Die rund 2700 Schweizer Mennoniten (benannt nach dem Holländer Menno Simons) wohnen heute hauptsächlich im Jura und im Emmental sowie in den Regionen Basel und Bern. Die amischen Mennoniten sind eine Abspaltung aus den Mennoniten der Nordwestschweiz (nicht nur des bernischen Emmentals, wie weithin angenommen wird) unter Jakob Ammann, welche um 1693 stattfand und eine Auswanderung nach den USA nach sich zog. Die Old Order Amish Church hat dort heute 60 000 Mitglieder und zeichnet sich durch eine technikfeindliche, auffallend weltabgewandte Subkultur aus. Interessant ist, dass alle bedeutenderen Mennonitenkirchen sich 1925 zur Mennonitischen Weltkonferenz vereinigt haben. Ein Teil der Mennoniten haben sich der Bibelkritik geöffnet, sodass heute nur ein Teil von ihnen zur evangelisch-konservativen Bewegung zu zählen sind. Die süddeutschen und schweizerischen Mennoniten wurden später, im Gegensatz zu den holländischen, stark vom Pietismus geprägt.
In der Deutschschweiz gibt es seit über 140 Jahren Baptisten. Zweige der Baptisten kamen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA wieder an den täuferischen Ursprungsort zurück. Die baptistische Gemeinde in Zürich wurde 1849 gegründet. Von 1949 bis 1995 bestand in Rüschlikon bei Zürich die Baptistische Theologische Hochschule BTH. Die BTH zog darauf nach Prag um, weil die europäischen Baptisten vor allem im östlichen Kontinent ein starkes Wachstum zu verzeichnen haben. Die BaptistenGemeinden in der Schweiz sind mit rund 1400 Mitgliedern im Bund der Baptisten zusammengeschlossen. Sie vertreten das Prinzip der freien Kirche im freien Staat, übernehmen aber freiwillig Verantwortung in der Gesellschaft. Durch gemeinsame missionarische Projekte stehen die Gemeinden mit Partnerkirchen in Übersee in engem Kontakt. Weltweit gab es 1990 rund 36 Millionen Baptisten.
Bleiben wir noch kurz bei den Amischen, denn diese sind aufgrund ihrer Auffälligkeit doch recht bekannt: Die Amischen gehen zurück auf den Mennoniten Jakob Amann im Emmental des 17. Jahrhunderts. Die Täufer waren von der Gesellschaft abgeschieden, sie verweigerten u. a. die Kindertaufe und den Militärdienst. Amann war besonders radikal und verachtete neue Moden wie etwa Knöpfe an den Kleidern. Schmid schreibt: «Die radikalen Forderungen von Amann führten zu einer Spaltung in der Mennonitenbewegung der Schweiz und Süddeutschlands. Amann belegte alle mit dem Bann, die nicht so radikal dachten wie er.» Die Folge war der Auszug aus der als verweltlicht empfundenen Heimat nach Pennsylvania, wo noch heute ihr Hauptverbreitungsgebiet ist. Heute gibt es verschiedene Richtungen der Amish People. Die besonders Konservativen fallen dadurch auf, dass sie praktisch noch so leben wie vor 300 Jahren. Sie missionieren nicht, bleiben abgeschlossen, fahren Pferdekutschen, haben kein Telefon (oder wenigstens nicht im Haus) usw. Schmid weist in einem Artikel auch auf die liberalen Amischen hin, die nach dem amischen Bischof Moses Beachy als Beachy Amish bekannt sind. Da die Amischen eine Touristenattraktion sind, kennen sie in Europa viele von USA-Reisen oder von Fernseh-Reportagen her.