Herausgeber:
Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Einleitung
Fundamentalismus! Eine Worthülse hat Karriere gemacht. Was früher nur eine Bezeichnung für eine Gruppe von konservativen protestantischen Christen in den USA war, ist heute darüber hinaus zum Synonym für Rückständigkeit, Intoleranz und sogar für physische Gewalt geworden. Im vorliegenden Buch soll derjenige Fundamentalismus betrachtet werden, der diesen Begriff in die Welt gesetzt hat. Es sind bald mal hundert Jahre her, seitdem in den USA eine Schriftenreihe mit dem Titel The Fundamentals erschienen ist. Diese Broschüren beinhalteten Aufsätze, mit deren Inhalt grundsätzliche Werte des christlichen Glaubens hochgehalten wurden. Der Inhalt dieser Schriften war eine Reaktion auf den theologischen Modernismus, welcher mit seiner Kritik an der Bibel und ihrer Autorität ins Gerede gekommen war. Es gab Leute in der kirchlichen Oberschicht, die sich als so gescheit fanden, dass sie begannen die Bibel zu kritisieren. Konnte das unwidersprochen bleiben? Natürlich nicht. Wenn die Theologie fehl geht, verändert dies die Gesellschaft derart, dass es die Menschen aus der wirtschaftlichen Unterschicht immer zuerst und am stärksten und am längsten spüren. Ob dieser Zusammenhang den frühen Fundamentalisten auch wirklich klar war, ist wieder eine andere Frage. Die Schriftenreihe "Fundamentals" mit ihren theologischen Inhalten jedenfalls erlebten in einzelnen Ausgaben eine Auflage von über drei Millionen Exemplaren und wurden kostenlos an kirchliche Mitarbeiter abgegeben. Darauf geht der Begriff Fundamentalismus zurück.
Während der Recherche zu dieser Arbeit ergab sich die Ansicht, dass diejenige Geistesströmung, welche als protestantischer Fundamentalismus bekannt ist, nicht deckungsgleich ist mit der bewusst bibelorientierten Bewegung innerhalb der Christenheit. Mit bibelorientiert sind hier diejenigen Christen gemeint, welche versuchen, auf die Fragen des Lebens von der Bibel her eine Antwort zu formulieren, wo dies möglich ist, gleichzeitig aber auf die Kritik an der Bibel verzichten. Dem Christentum nicht nahestehende oder anderen Denkarten von Christentum nahestende Fundamentalismus Kritiker machen diesen Unterschied meistens nicht. Bei näherer Betrachtung muss jedoch um der Sache Willen differenziert werden. Jedenfalls ist die Geschichte der bibelorientierten Christen auch die Geschichte ihrer Irrtümer und die Geschichte davon, wie wenig von den theoretischen Grundlagen manchmal im Alltag umgesetzt werden konnte. Wer kennt das nicht aus dem eigenen Leben. Die Implikationen des Evangeliums für das praktische Handeln sind ja auch sehr weitreichend, sodass jede christliche Bewegung nur einen Teil davon umzusetzen in der Lage ist. Deshalb haben Christen für den Spott nicht selber zu sorgen, wenn ihnen etwas misslingt, was eigentlich nicht misslingen darf.
Bevor wir uns näher Gedanken über die konservativen Protestanten machen, müssen wir uns - natürlich nur skizzenhaft - erst den Hauptunterschied zwischen bibelkritischen und konservativen Denkansätzen bewusst machen. Der grosse Unterschied liegt darin, dass konservative Christen aus ihrem Ehrfurchtsempfinden gegenüber Gott und seinem Wort davon ausgehen, dass sich die Bibel in der Ausgewogenheit und Gesamtheit ihrer Aussagen selber auslegt. Im theologischen Liberalismus geht man, vereinfachend gesagt, davon aus, dass nicht nur die Bibel sich selber auslegt, sondern auch die Geschichte und die Tradition zur Auslegung herangezogen werden müssen.
Natürlich gibt es alle fliessenden Übergänge zwischen Liberalen und Konservativen und auch in ihren eigenen Reihen sind beide Strömungen keineswegs gleichförmig. So wären nicht alle Konservativen bereit, die historisch-kritische Methode der Bibelbetrachtung von vornherein abzulehnen, vor allem dann nicht, wenn diese das Innerweltliche übersteigt. Auf alle Fälle muss man sich davor hüten, die Begriffe liberal und konservativ oder evangelikal bzw. fundamentalistisch als Etikett oder gar als Schimpfwort zu benutzen. Die Wirklichkeit ist immer komplizierter als das eigene Denkvermögen. Als kommunikatorische Hilfsgrössen kann man diese Begriffe jedoch stehen lassen. Wir sprechen, wenn wir den Himmel betrachten, ja auch von der Milchstrasse. Dies ist aus dieser grossen Distanz nicht falsch, auch wenn das Ganze, näher betrachtet, weder mit Milch noch mit Strasse etwas zu tun hat.
Was am theologischen Fundamentalismus auffällt, sind seine dogmatischen Zuspitzungen und einseitigen Gewichtungen, sei es zum Thema Abtreibung, Homosexualität oder Endzeit. Diese Dogmatismen gehen auf ihre eigene Art manchmal bis oft über den legitimen Interpretationsspielraum der Bibel hinaus. Es ist also nicht unbedingt falsch zu sagen, dass der Fundamentalismus im Begriff ist, sein eigenes Fundament zu vernachlässigen. Die Eigendynamik des Fundamentalismus bewirkt oft, dass der Fundamentalismus wichtiger ist, als das, was eigentlich gegenüber den modernen und postmodernen Herausforderungen bewahrt werden soll: der Glaube an Jesus Christus und die Bibel als das Glaubensfundament schlechthin. Wir sehen daraus, dass die bibelorientierten, erweckten Christen, oder wie immer man sie nennen möchte, gleich in welcher Konfession oder Denomination oder ob sie überhaupt in einer zuhause sind, sich in Zukunft nicht nur von der theologischen Linken, sondern auch von der theologischen Rechten und ihrer glaubenskulturellen Bibelkritik abzugrenzen haben. Andernfalls könnte der reformatorische Grundsatz sola scriptura (alleine die Schrift) getrübt oder sogar verschüttet werden.
In den USA sieht man vieles deutlicher, was im
Protestantismus auch anderswo abläuft. Das grosse Land jedoch
lässt die Unterschiede extremer werden als in kleineren
Ländern, wo die Kommunikations-Ökonomie das gemeinschaftliche
Sich-Wieder-Finden-Können schneller und stärker wieder
ermöglicht. Der biblisch-christliche Konservatismus kokettiert in
den USA viel deutlicher mit dem heidnisch-politischen Konservatismus -
und umgekehrt - als anderswo. Auf der anderen Seite des Spektrums gilt
das auch für das Soziale Evangelium, das mit der Politischen
Linken sympathisiert und dem Sozialutopismus oft auf eine solche Art
huldigt, dass damit die Aussagen des Neuen Testamentes
eingeschränkt werden, teilweise bis zur Unkenntlichkeit oder nicht
selten der Fortsetzung der Habsucht mit anderen Mitteln anheim gefallen
ist - gegen die ursprüngliche Absicht.
Diese Entwicklungen werden natürlich von der Gesellschaft her wieder auf das Christentum zurückwirken und von den USA aus wieder Ausstrahlungen in andere Länder haben. Im Klartext bedeutet dies, dass auch viele Christinnen und Christen in Europa Bedenken haben, das Wirken von George W. Bush und ähnlichen Kräften könnte ihnen schaden. George W. Bush mag ja wiedergeboren sein im Sinn des Neuen Testaments. Nur Gott selber kann das beurteilen. Eines muss aber klar sein: wer zu Gott gehören will, muss sich Ihm in allem unterwerfen und nicht nur in denjenigen Teilen des eigenen Denkens, wo man nicht selber Gott spielen will. Aber das gilt nicht nur für Bush, das gilt für uns alle.
Die starken Evangelisations-Bemühungen in den
USA und die amerikanische Kultur, welcher es offenbar leichter
fällt als uns Europäern - mindestens aus der Distanz
beurteilt - das Evangelium mit der eigenen
religiösen und religiomorphen Kultur und Subkultur nach Belieben
zu kreuzen, hat zu einer starken Verwässerung und einem starken
Mitläufertum in den Kirchen geführt. Natürlich gibt es
das auch bei europäischen Evangelikalen und im Protestantismus
generell. Nach aussen positionierter fröhlicher
christlich-moderner Lebensstil vermag durchaus solche Menschen zum
Evangelium und zu Gott selber zu führen, die auf einem
traditionellen Weg kaum anzusprechen sind. Das Wichtigste ist ja, dass
die Menschen das Evangelium hören. Aber man darf auch mal die
Risiken
und Nebenwirkungen anschauen. Und dort, wo nicht die Bibel und die
Liebe zur Bibel das Zentrum ist, kann man sich fragen, wo die
christliche Substanz bleibt. Wer sich nicht um die Bibel kümmert,
dem sind irgendwann auch die geistlich Verlorenen und die materiell
Armen egal.
US-Präsident George W. Bush ist Methodist. Es
gibt wahrscheinlich kaum eine Richtung im Protestantismus, die
historisch gesehen
soviel für die Verkündigung des Evangeliums und soziale
Gerechtigkeit in der Gesellschaft zugleich getan und Wege aufgezeigt
hat, wie man die Rolle eines Christen als Evangelist wie auch als
Arbeiter in der Welt miteinander in Einklang bringen kann, wie der
Methodismus. Christlichen Pazifisten kommt es hier seltsam vor, dass
Bush ausgerechnet Methodist ist, es passt so nicht. Natürlich: wie
alle christlichen Bewegungen ist auch der Methodismus
vor Verwässerungen nicht frei geblieben. Es gibt keine Kirche, die
hier verschont bleibt, so wie kein Christ verschont bleibt. Das
Evangelium lehrt uns ja, dass wir alle im Tiefsten nichts aus eigener
Kraft zustande bringen, was Gott gefällt. Auch Religion beurteilen
zu wollen, kann daher nur behelfsmässiges Stückwerk sein, um
zu verhindern, dass diejenigen, die absolut nichts verstehen, die
Diskussion alleine bestimmen. Eine abschliessend gerechte Beurteilung
kann nur Gott vornehmen.