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Evangelisch-Soziale Parteigruppe © 1993-2004
Schlussredaktion: Rolf Strasser
Gesellschaftliche Affinitäten des evangelisch-konservativen Fundamentalismus in den USA
Der Fundamentalismus in den USA wurde anfangs dieses Jahrhunderts vor allem getragen von der alten Mittelschicht vorwiegend angelsächsischer Herkunft, wenn auch andere Schichten und ethnische Hintergründe dazugehören konnten. Jedenfalls richteten sich die Wertvorstellungen an dieser dominierenden Schicht aus. Nachvollziehbar, dass damit und der damals verbreiteten Abneigung vom Süden auf den Norden, und umgekehrt, die Kirchen der südlichen AfroAmerikaner nie richtig zur Bewegung des Fundamentalismus gehören konnten (obwohl sie auf organisatorischer Ebene in der schon erwähnten Form der FundamentalsAssociation nicht zwangsläufig ausgegrenzt wurden). So war als Folge davon zum Beispiel Martin Luther King in diesem Sinn kein Fundamentalist, auch wenn er viele fundamental christliche, biblisch orientierte Werte in die Gesellschaft einbrachte, die vom bürgerlich dominierten, konservativen Fundamentalismus vergessen gingen. Diese Episode weist uns darauf hin, dass die Bibeltreuen nicht immer nur unter den sogenannten Fundamentalisten zu suchen sind oder unter denen, welche die Bibeltreue lautstark in Anspruch nehmen. Man könnte vielleicht auch sagen, viele Fundamentalisten waren zwar konservativ in ihrer Orthodoxie, aber oft zu liberal in ihrer Orthopraxie. Die bürgerlichen, konservativen Christen haben auch heute noch eine Abneigung gegen alles Linke und sehen in vielem die rote Gefahr. Das dürfte durch den Untergang der Sowjetunion zwar abgeschwächt werden. Natürlich darf man nicht sagen, die bürgerlichen Fundamentalisten hätten kein soziales Gewissen. Dies wird aber eher im persönlichen Umfeld zu verwirklichen versucht und nicht durch politische Ideen oder sogar Ideologien. Dies gilt nicht nur für den bürgerlichen Fundamentalismus in den USA, sondern auch für andere Gegenden.Aber zurück zu den gesellschaftlichen Verhältnissen des nordamerikanischen Fundamentalismus: Der Einfluss der angelsächsischen Christen innerhalb des Fundamentalismus wurde später etwas schwächer, nicht zuletzt durch die Masseneinwanderungen von süd und osteuropäischen Katholiken, von Juden und deutschen Lutheranern. So flossen im Fundamentalismus als Reaktion darauf antikatholische, antisemitische und später antisozialistische Strömungen teilweise ineinander über. Jedenfalls ist der Graben zwischen dem Fundamentalismus und dem Evangelikalismus wenigstens teilweise entlang der Grenze der verschiedenen Einwanderergruppen zu finden. EinwandererJahresquoten gibt es in den USA übrigens erst seit 1924. Die Quoten sollten schon früher eingeführt werden, scheiterten aber mehrmals am Veto des Präsidenten. Die weissen angelsächsischen Protestanten hatten Angst um ihre Vormachtstellung in der amerikanischen Gesellschaft und befürworteten daher die Quoten. Die nichtprotestantischen Einwanderer wurden von den Fundamentalisten oft als unamerikanisch empfunden, was durchaus nachzuvollziehen ist. Dies war schon bei der Einwanderung der katholischen Iren und Italiener seit 1830 der Fall war. Dies wurde den Fundamentalisten wahrscheinlich erst richtig bewusst, als aus diesen Schichten Menschen zum christlichen Glauben evangelikaler Ausprägung und damit in ihre Gemeinschaften fanden. Der Widerstand gegen die Einwanderer war bei allen Protestanten zu finden, also auch bei den theologisch modern geprägten Konfessionen. Der Widerstand richtete sich gegen die katholischen Einwanderer meistens stärker als gegen die jüdischen. Dies lag daran, dass die Katholiken ein stärkeres Selbstbewusstsein hatten, während die Juden sicher eher anzupassen versuchten, um vollwertige Amerikaner, wenngleich jüdischer Konfession zu werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine durch alle Schichten hindurch gemeinsam empfundene amerikanische Zivilreligion heranzuwachsen begann, konnte man sich unverdächtigerweise der eigenen religiösen Wurzeln wieder erinnern, auch wenn sie nicht protestantisch waren. Daraus gab es Zulauf zu allen Kirchen und Synagogen. Dem Zulauf zu den protestantischen Hauptdenominationen in dieser Phase ging jedoch keine spirituelle Erweckung voraus, sodass die fortschreitende Säkularisierung in den siebziger und achtziger Jahre einen Mitgliederrückgang gerade bei den theologisch modernistischen Hauptdenominationen hervorbrachte.
Aber zurück zu den Fundamentalisten: Der WeltfluchtEffekt der bürgerlichen Fundamentalisten war durch die Entwicklung der sozialen Verhältnisse in den Grossstädten, wo sich Alkoholismus, Prostitution und Kriminalität ausbreiteten, mitbedingt. Immer mehr verstärkte sich der Trend, dass sich die reicheren, bürgerlichen Fundamentalisten wie ihre nichtchristliche Umgebung aus der gleichen Schicht ja auch mehr in den Agglomerationen niederliessen. Heute wird dieser Umstand von evangelikalen Missiologen kritisiert, weil die Preisgabe der Innenstädte bzw. die Raschheit dieser Preisgabe durch die Christen die Ausbreitung der Sünde auch mitgefördert habe. Auf der anderen Seite kann man es auch verstehen, dass man dorthin zieht, wo die Steuerlast geringer, die Aussicht auf ein Eigenheim grösser und die Gefahr, die Kinder könnten in falsche Kreise geraten, nicht mehr so gross ist. Diese Prozesse der Urbanisierung und Agglomerisierung sind ein Phänomen, das nicht nur in den USA, sondern weltweit anzutreffen ist.
Daraus sehen wir, dass der Fundamentalismus nicht nur seine theologischdogmatische Seite hatte, sondern vor allem auch die Verteidigung eines gewissen Lebensstils bedeutete und heute noch bedeutet. Die Folge war, dass gesellschaftlich ähnlich gelagerte Leute so eher Zugang zum christlichen Glauben fanden, weil zum Wunsch, das Leben fortan von der Bibel her zu gestalten, nicht auch noch ein grosser gesellschaftlicher Graben überwunden werden musste. Natürlich muss man bedenken, dass die Bürgerlichkeit in den USA immer auch eine für kirchlich-religiöse Fragen offene Dimension hatte, im Unterschied zur neueren Bürgerlichkeit. Durch die Affinität zu einem bürgerlichen Lebensstil verlor der Fundamentalismus in den Augen verschiedener gesellschaftlicher Kreise an Glaubwürdigkeit. Das lebendige, biblische Christentum stirbt an seiner Vermischung mit säkularen Ideologien, so sagt man es wenigstens in der evangelikalen Dogmatik (Huntemann). Dass der bürgerliche Lebensstil teils mit der gleichen Vehemenz verteidigt wurde wie theologische Positionen, zeigt auf, wie die eigene Bequemlichkeit zum Stück weit zum Götzen geworden war, um aus der Welt der Sprachpietismen ein Ausdruck zu wählen. Wohlstand an sich ist ja nicht etwas Unchristliches, es war mehr die segregierende Wirkung, die von einer bestimmten Wohlstandskultur und dem damit verbundenen, oft unbewussten Standesdünkel ausging. Auch eine eigene Identität in einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht zu finden, kann grundsätzlich nicht als falsch beurteilt werden. Das Problem der Fundamentalisten war, dass sie praktisch keinen Unterschied machten zwischen der von ihnen postulierten absoluten, biblischen Werten und ihrer Kultur, die relativ ist wie alles im Leben. Dadurch verstellten sie, trotz aufwendiger evangelistischer Bemühungen, vielen Menschen die Sicht auf Gott, vor allem denjenigen, die in eine andere Gesellschaftsschicht hineingeboren wurden. Dies erklärt auch, warum unter den spanischsprachigen Einwanderern die Pfingstbewegung durch ihre gefühlsbetonte Glaubenskultur einen besseren Zugang fand und es unter den Hispanics heute mehr Enthusiasten als traditionelle Fundamentalisten gibt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass sowohl eine einseitige Weltflucht wie eine einseitige Weltzugewandtheit (mit der Absicht mehr Macht zu gewinnen) zu den Fehlern der fundamentalistischen Bewegung gehört. Von der Bibel her gehört beides zusammen. Man kann festststellen, dass bei allen Spannungen und Zwistigkeiten zwischen weltanschaulichen und religiösen Gruppen in der Gesellschaft immer soziale Gründe die Ursache war. Die theologische Begründung der Zwistigkeit und der Separation war meistens nur Ablenkung. Hierin haben die christlichen Konfessionen eine lange Tradition im Bereich des Sich-selber-Belügens.
Weltabgewandte Fundamentalisten kritisieren auch heute noch manchmal, dass man mit der sozialen Verantwortung die Welt anstatt Gott lieb haben möchte. Solche Aussagen entspringen sicher eher wohlstandsgesättigten Menschen als hungrigen und arbeitslosen AfroAmerikanern. Die Anerkennung der Christen durch die Welt sei zu zudem zu verwerfen, argumentiert der weltflüchtige Zweig der Fundamentalisten weiter. Hier zeigt sich auch, wie schwärmerische Leute innerhalb des weltabgewandten Fundamentalisten-Zweiges es manchmal auch als Zeichen ihrer eigenen Recht(s)gläubigkeit betrachten, wenn die Welt schlecht über sie redet. Von daher ist es leicht nachvollziehbar, warum Leserbriefe aus dem fundamentalistischen Lager in den Tageszeitungen bis heute nicht selten in einem gehässigen Ton abgefasst sind. Der Grund des schlechten Redens in der Gesellschaft über die Fundamentalisten liegt meistens einfach in der Asozialität der letzteren und nicht wie die Fundamentalisten meinen, in der generellen Verwerfung des Gottesbewusstseins durch die «Ungläubigen». Die Akzeptierung der Christen durch die Welt kann durchaus auch ein Zeichen für echte Nachfolge sein, weil dann niemand ein Grund hat, schlecht über die Christen zu reden. Gerade die Heilsarmee, um ein konkretes Beispiel zu nennen, mit ihrer Ausgewogenheit zwischen sozialer Verantwortung und geistlicher Mission verkörpert die gesunde Gratwanderung zwischen den Polen der Weltzugewandheit und der Weltüberwindung. Daher zählt sie weltweit wohl zu den anerkanntesten christlichen Organisationen (die schweizerische PTT hat der Heilsarmee sogar zweimal eine Sonderbriefmarke gewidmet.). Die Aktivitäten der Heilsarmee zeigen auch, dass die zunehmend grösser werdenden Armenviertel in den Grossstädten trotz der Flucht vieler Fundamentalisten zum Gegenstand theologischer Reflexion und vor allem zum Gegenstand christlichen Liebesdienstes wurden. Auf diesem Nährboden entwickelte sich die Theologie des Social Gospel (die Heilsarmee als Kind des amerikanischen Social Gospel zu sehen, liegt zwar nicht nahe, weil die Heilsarmee als methodistische Aktion in den Slums von London begann und sich erst später auch in den USA niederliess). Durch die Verbürgerlichung des Fundamentalismus wurde das Social Gospel vor allem durch afroamerikanische Christen als Reaktion darauf entwickelt. Diese waren von den Nöten der Stadt und der Benachteiligung durch die angelsächsische weisse Mehrheit betroffen. Die Fundamentalisten hatten sich zu wenig eingesetzt für die Gleichberechtigung der Afro-Amerikaner, der Juden, der Katholiken und der anderen Minderheiten. Wer in den eigenen Reihen solches verlangte, konnte sich nicht durchsetzen.
Das Social Gospel war auf ihre eigene Art ebenso wertkonservativ wie andere christliche Bewegungen. Menschen ein würdiges Dasein zu geben, ist ein fundamentales und daher auch in diesem Sinn konservatives Anliegen der Bibel. Es ist zu wenig differenzierend, wenn das Social Gospel in der fundamentalistischen Meinung undifferenziert in die Nähe des theologischen Liberalismus gerückt wird. Dass das Social Gospel gegenüber einer freizügigeren Bibelauslegung offen war, lag auch daran, dass es von den bürgerlichfundamentalistischen Kreisen ausgegrenzt wurde. Zudem muss der Gerechtigkeit halber gesagt werden, dass der theologische Liberalismus (trotz seiner der Bibel nicht angemessenen Prämissen) in seiner praktischen Auswirkung im kirchlichen Leben der Bibel in vielen Punkten näher war und ist, als die dogmatischkonservativen Rechthaber aus dem fundamentalistischen Lager. Jene forderten zwar zurecht, die Bibel dürfe nicht kritisiert werden, sie kritisierten sie oft aber selber durch eine einseitige ChristusNachfolge.
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die bürgerlichen Christen einen Teil derjenigen Bewegung bildeten, die man später als Religiöse Rechte bezeichnen sollte. Die Religiöse Rechte ihrerseits umfasst aber nicht nur konservative Protestanten, sondern ebensolche Mormonen, Juden und Katholiken. Sicher gibt es bürgerliche Christen, die sich als wiedergeboren bezeichnen, zu der Religiösen Rechten aber nicht zu zählen sind. Man darf davon ausgehen, dass zwischen einem bürgerlichen Fundamentalismus und dem Social Gospel wohl alle graduellen Übergänge an Überzeugungen in der evangelischkonservativen Bewegung zu finden sind. Viele politische Anliegen der Religiösen Rechte muss man zudem auch im Umfeld des Kalten Krieges suchen. Für die christliche Rechte müsste separat untersucht werden, wie das Verständnis des Alten Testamentes der Fundamentalisten den politischen Einsatz für die Todesstrafe beeinflusst (bei Demonstrationen vor amerikanischen Gefängnissen zum Zeitpunkt einer Exekution ist es vorstellbar, dass Fundamentalisten und Hurra rufen und Neo-Evangelikale gleich nebenan mit Kerzen und Prozessionen sich gegen die Todesstrafe aussprechen - während man Christen aus theologisch liberalisiertem kirchlichen Umfeld auf beiden Seiten finden kann).
Psychologisch aufwühlend war die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg bei der BerlinBlockade von 1948, der kommunistischen Machtübernahme in China 1949 und dem Beginn des KoreaKonfliktes 1950. Die darauf aufgekommenen antikommunistischen Verschwörungstheorien fanden bei den Fundamentalisten, aber auch bei Evangelikalen Gehör. Die Befürworter der offiziellen Kampagnen gegen den Kommunismus fand man bei Baptisten, unabhängigen Fundamentalisten und auch bei den Lutheranern. Diese anti-kommunistischen Kampagnen gehen zurück auf den republikanischen Senator von Wisconsin, Joseph McCarthy. Das hysterische Auftreten von McCarthy, der überall in den Regierungsstellen nur noch Kommunisten sah, gipfelte in seiner Verurteilung durch den US-Senat wegen für einen Senator ungebührlichen Verhaltens. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hatte die anti-kommunistische Panik in der Bevölkerung um sich gegriffen und der sogenannte McCarthysmus stand in seiner vollen Blüte. Trotz dem Widerhall des McCarthysmus auch bei vielen Fundamentalisten waren die meisten ihrer Organisationen und Denominationen als solche gegenüber dem McCarthyismus neutral. Dass der fundamentalistische Dachverband ACCC offiziell für die anti-kommunistischen Gegenkampagnen eintrat, verwundert jedoch nicht.
Kennzeichnend für die Haltung der Fundamentalisten ist ihr Manichiäsmus, der keine Grautöne kennt, sondern die ganze Wirklichkeit in schwarz und weiss einteilt. Dass dies nicht nur zu theologischen Fehlern, zu der Bibel nicht angemessenen Schlussfolgerungen, sondern auch zu Dogmatismen in allen anderen Lebensbereichen führt, liegt auf der Hand. Der Hang zur politischen Rechten und ihrer Art von Patriotismusgefühl liegt aber auch besonders im Bewusstsein vieler Amerikaner aufgrund ihrer Geschichte, so eine Art zweites Israel zu sein, das sich aus allen Völkern gebildet hat.
Obwohl ein grosser Teil des Fundamentalismus im
Sinne des rechtsorientierten Evangelikalismus sehr bürgerlich
geprägt ist, dürfen wir nicht ausser acht lassen, dass der
Evangelikalismus in seiner Breite an sich nicht bürgerlich
geprägt ist. Der typische Evangelikale in den USA stammt eher
aus mittlerem bis tieferem sozialen Hintergrund mit einem
niedrigeren Einkommensdurchschnitt, einem niedrigeren jedenfalls,
als der Durchschnittsangehörige einer anderen in den USA
traditionell verankerten religiösen Gruppe. Auffallend ist, dass
Studenten von evangelikalen Colleges und Seminaren aber
mehrheitlich aus der mittleren oder oberen Schicht stammen. Der
innerevangelikale Bildungsgraben zwischen den Predigern
einerseits und den durchschnittlichen Kirchenbesuchern scheint
daher einiges ausgeprägter zu sein als in einer
durchschnittlichen evangelischen Freikirche in der Schweiz, falls
man das überhaupt so pauschal sagen kann.