Urheber: Rolf Strasser © 1996
Unsere Wohlstandsgesellschaft macht uns satt, manchmal so
satt, dass wir vergessen, dass es auch andere Zeiten gab. Zeiten,
in denen es die Menschen auch bei uns viel schwerer hatten und
unten durch mussten. Rezessionen mögen uns vielleicht eher
wieder in diese Lage versetzen. Auch frühere christliche
Arbeiternehmer hatten es alles andere als leicht. Viele von ihnen
bauten innere Spannungen mit Hilfe ihres Glaubens ab. Viele
fanden, der Glaube müsse sich auch darin äussern, gegen
ungerechte Gesellschaftsstrukturen das Wort zu erheben.
Diejenigen Arbeiter, die vor rund hundert Jahren etwas gegen
die ungemütliche Situation der Lohnempfänger tun wollten,
standen zwischen zwei Möglichkeiten, zwischen Marx und Rom.
Evangelische Arbeiter standen diesen beiden Wegen der
organisierten Selbsthilfe an sich sehr reserviert oder
ausgesprochen ablehnend gegenüber. Es gab auch solche, welche
lediglich die Bildung von eigenen, evangelisch gesinnten
Gewerkschaften und Parteien ablehnten. Sie fanden, man dürfe die
Arbeiterbewegung nicht noch weiter aufteilen, sondern möglichst
vereint gegen den ausbeuterischen Zug der herrschenden Ordnung
auftreten.
Die evangelischen Arbeiter fanden sich deshalb in einer
Zerreissprobe. Dies wurde dadurch verschärft, dass nicht wenige
Geistliche das gesellschaftliche Engagement als Zeitverschwendung
ansahen. Sie meinten und mahnten, man solle sich in den
Arbeitervereinen mehr auf die geistliche Erbauung und die
Geselligkeit beschränken.
Von diesen Arbeitervereinen gab es zwar nicht viele - dies,
obwohl im Vergleich zu heute manche, wenn sie nicht Bauern oder
Knechte waren, als Arbeiter in der Industrie oder als Handwerker
im Gewerbe beschäftigt waren. Der Lohn war niedrig, eine
Arbeiterfamilie konnte sich oft nur mit Hilfe von Frauen- und
Kinderarbeit über Wasser halten. Es war aber auch die
Industrialisierung, welche die Gründung einer eigenen Familie
überhaupt erst ermöglichte. Die meisten blieben bisher
alleinstehend, weil der landwirtschaftliche Betrieb nur einem
Nachkommen vererbt werden konnte und sich die anderen als
Knechte, Mägde oder eben als Arbeiter ihren Lebensunterhalt
verdienen mussten, oft mehr schlecht als recht. Trotz der
Industrialisierung kam es jedoch in der Schweiz nie zu einer
richtiggehenden Verelendung wie in anderen Ländern Europas.
Hierzulande gab es keine eigentlichen Industrie-Ballungsgebiete.
Diese führten in anderen Ländern zu einer Verslumung der
Arbeitermassen. Unsere Fabriken begannen ihre Tätigkeit in
verschiedenen Gegenden, überall da, wo dies aus Energiegründen
(Wasserkraft) sinnvoll war, oder entlang den entstehenden
Eisenbahnlinien.
Die Gründung evangelischer Arbeitervereine in der Schweiz
ging zurück auf ähnliche Organisationen in Deutschland. Dort
waren sie vor allem durch das das Wirken der lutherischen
Pastoren Adolf Stoecker und Friedrich Naumann entstanden. Naumann
kam als Geistlicher der Inneren Mission mit den sozialen
Problemen der Frankfurter Industrie-Arbeiter in Berührung.
Stoecker kam seinerseits schon früh mit der Erweckungsbewegung
in Kontakt. Er war in politischen Fragen konservativer geprägt
als Naumann.
Aus den Bemühungen Adolf Stoeckers entstand 1877 der
sogenannte Zentralverein für soziale Reform auf religiöser
und konstitutionell-monarchischer Grundlage. Diese
umständliche Vereinsbezeichnung weist auf klassische Züge einer
religiös geprägten, sozial-konservativen Organisation hin. Hier
sind nicht Umsturz-Pläne, sondern die prinzipielle Treue zur
geltenden Ordnung und das diakonische Wirken im Kleinen das
Kennzeichen. Adolf Stoecker gründete ein Jahr später, 1878,
auch eine Christlich-soziale Arbeiterpartei. Diese grenzte
sich von der Sozialdemokratie, aber auch vom weltanschaulichen
Liberalismus ab. Stoecker war auch die Evangelisierung der
verelendeten und entkirchlichten Schichten Berlins ein grosses
Anliegen. Obwohl Stoecker selber Monarchist war, zog er sich den
Unwillen Bismarcks und auch Kaiser Wilhelms des II. zu. Der
Kaiser ächtete sein Vorhaben durch sein Telegramm vom 28.
Februar 1896 («Christlich-sozial ist Unsinn und führt zu
Selbstüberhebung und Unduldsamkeit ...»). Der bekannte,
pietistisch geprägte Theologe Adolf Schlatter aus St. Gallen,
war jedenfalls ein Verehrer Adolf Stoeckers und andere insgeheim
auch.
Beiden Organisationen, dem Verein für soziale Reform wie der
christlich-sozialen Arbeiterpartei war kein Erfolg beschieden.
Das Vorhaben scheiterte vor allem daran, weil die Arbeiter selber
keinen Gefallen daran fanden. Zudem wurde die Parteinahme von
Geistlichen für den einen oder anderen gesellschaftlichen Stand
untersagt und zwar sowohl vom evangelischen Oberkirchenrat 1879
wie auch von der kaiserlichen Regierung im Jahr 1895. Ein
Historiker sollte über diese Vorkommnisse später schreiben:
«Die Stoeckersche sozialpolitische Gründung ist in der
Folgezeit in eine konservative, antisemitische Partei von
Handwerkern und Kleinbürgern ausgeartet.»
Trotz all diesen Schwierigkeiten hinterliess Adolf Stoecker
bei vielen jungen Geistlichen einen wichtigen Eindruck, vor allem
an den wiederholt und auch in der Schweiz stattfindenden
Kirchlich-Sozialen Tagungen und Evangelisch-Sozialen Kongressen.
An diesen Tagungen diskutierten Theologen und Ökonomen gemeinsam
die wirtschaftlichen und ethischen Probleme des
gesellschaftlichen Umbruchs. Stoecker grenzte sich hierbei ab von
der religionsfeindlichen Einstellung der schweizerischen
Sozialisten und verteidigte den evangelisch-sozialen Gedanken
gegen die Sozialdemokratie.
Im letzten Jahrhundert gehörten verschiedene Vereine zur
organisierten Arbeiterbewegung. Es gab gesellige Vereine,
Gewerkschaften, politische Arbeiterparteien, und
Arbeitergenossenschaften. Letztere waren zu ganz verschiedenen
Aufgaben gegründet worden. Eine davon war der gemeinsame Konsum.
Konsumgenossenschaften kauften grössere Mengen vor allem an
Lebensmitteln ein und drückten so die Abnahmepreise. Diese
günstigeren Preise gaben sie dann an die Arbeiter weiter.
Die Arbeiter- und Angestelltenverbände traten bei den Firmen
ein für höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit, mehr Sicherheit am
Arbeitsplatz, geeignete Weiterbildungsmöglichkeiten, für die
Einführung von Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenkassen und
vieles mehr. Interessant für uns ist, dass die Arbeiter in ihren
Bemühungen von unterschiedlichen ideologischen Voraussetzungen
geprägt waren. So gab es bei den Gewerkschaften eine
sozial-revolutionäre und eine gemässigtere sozial-reformerische
Strömung. Zur revolutionären Strömung gehörte um die
Jahrhundertwende die sozialdemokratische aber auch die noch
kompromissloser auftretende kommunistische Richtung. Bei der
reformerischen Strömung war man hingegen weniger auf
Klassenkampf, sondern eher auf Verständigung zwischen
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft ausgerichtet. Auch diese
reformerische Strömung wies zwei Linien auf. Die eine Linie war
konfessionell ausgerichtet, die andere nicht-konfessionell,
sozialliberal genannt. Die konfessionelle Linie der
reformerischen Strömung wies naturgemäss eine katholische und
eine evangelische Richtung auf. Wobei zu sagen ist, dass die
katholische Richtung um ein Vielfaches bedeutender war als die
evangelische. Die Frage stellt sich hier natürlich, warum dies
so war.
Ein wesentlicher Grund lag sicher darin, dass die Grenzen der
modernen Wirtschaftsgebiete zu einem grossen Teil mit
konfessionellen Grenzen zusammenfielen. Die katholische,
gebirgige Innerschweiz ernährte sich damals noch viel stärker
vom Bauernstand als dies im vorwiegend reformierten Mittelland
der Fall war. Die ersten Fabriken entstanden jedoch vorwiegend im
Mittelland, da wo an den wasserreichen Flüssen genug billige
Energie und auch die Eisenbahn als Transportmittel zur Verfügung
stand. Das Mittelland erstreckt sich zu einem Grossteil über die
reformierten Gebiete, also da, wo der gesellschaftliche
Liberalismus die Modernisierung des Wirtschaftslebens vorantrieb.
Der gesellschaftliche Liberalismus war auch Träger des
Schweizerischen Bundesstaates, welcher 1848 gegründet wurde. Die
katholisch-konservativen Kantone standen jedoch lange Zeit im
Gegensatz zu diesem Bundesstaat. Ihnen wurde der Bundesstaat nach
dem verlorenen Sonderbundskrieg aufoktroyiert. Formell traten Sie
der Schweiz nie bei. Eine Folge jedenfalls war, dass die
Katholiken begannen, eine Art Parallelstruktur zur liberal
dominierten Gesellschaft aufzubauen. Im Vereinsleben wurde dies
besonders deutlich. So gab es nicht nur katholische
Studentenvereine, Männerchöre und Heimatvereine, sondern auch
katholische Parteien und Gewerkschaften.
Die grössere Bedeutung der katholischen Gewerkschaften lag
nun darin, dass die reformierten Kirchenmitglieder ein freieres
Verhältnis zu ihrer Kirche hatten und damit auch zu den
evangelisch geprägten Vereinen. Wenn sich evangelische Arbeiter
nun einer Gewerkschaft anschlossen, handelte es deshalb
vorwiegend um eine sozialdemokratische Arbeitervereinigung. Ein
weiterer Grund war auch, dass die reformierte Kirche wie auch die
Freikirchen nach aussenhin gegenüber den Arbeitern etwas
gleichgültig schien. Den Geistlichen stand es ja nicht an,
zugunsten einer bestimmten Gesellschaftsschicht Partei zu
ergreifen. So kam unbewusst diejenige Weltsicht in der Kirche
mehr zur Geltung, von der die Pfarrer selber von Haus aus
geprägt waren. Und das waren nicht die Arbeiter-, sondern die
bedeutend besser gestellten Bürger- und Akademikerfamilien. Die
Folge war ein ungezwungenerer Zugang der Pfarrerschaft zur
Schicht der Mächtigen als zur Schicht der Vernachlässigten.
Ein Hauptgrund, warum die katholischen Gewerkschaften um ein
Vielfaches grösser wurden als die evangelischen Organisationen,
lag auch im Sog der Wirtschaftsentwicklung. Die aufkommende
Industrie in den mehrheitlich reformierten Kantonen zog viele
katholische Arbeiter in die Städte. In der Diaspora entwickelten
die katholischen Arbeiter verständlicherweise eine stärkere
Beziehung zu ihren eigenen Vereinen, und deshalb auch zu den
katholischen Gewerkschaften. Aus dieser Vielzahl von Gründen
wuchs eine starke katholische Gewerkschaftsbewegung heran,
währenddessen die evangelische immer nur sehr klein war und in
unseren Tagen praktisch ganz verschwand.
Ab 1896 begannen sich in der evangelisch-sozialen Bewegung
zwei Strömungen abzuzeichnen. Zum einen entstanden die bewusst
unpolitischen evangelischen Arbeitervereine, zum anderen die
sozialpolitischen Parteiorganisationen, jedoch ohne starke
Betonung einer besonders konfessionellen Ausprägung des
Christentums. Die evangelisch geprägte Richtung nahm von einer
strikt evangelischen Parteilichkeit in Gewerkschafts- und
politischen Fragen zunächst Abstand.
Die unpolitischen evangelischen Arbeitervereine nach Friedrich
Naumanns Vorbild entstanden in der Schweiz seit Ende des 19.
Jahrhunderts. Die erste Gruppe entstand 1894 in Basel in der
Gestalt des Evangelisch-sozialen Arbeitervereins. Dort sprach zur
Gründung der deutsche Pastor Adolf Stoecker, auf Einladung von
Freunden aus der reformierten Landeskirche. Kurze Zeit später
entstand ein evangelischer Arbeiterverein in Horgen, 1898 einer
in Bern und 1903 einer in Zürich. Bereits im Jahr 1900 fanden
die Vereine zu einem ersten evangelischen Arbeiterverband
zusammen. Dieser betonte seine seine Unabhängigkeit von jeder
religiösen oder politischen Partei.
Man wollte mit diesem Verband etwas gegen die
Ungerechtigkeiten des modernen Erwerbslebens tun, ebenso wurde
die Ermöglichung und die Förderung des Familienlebens
ausdrücklich erwähnt. Die unpolitischen evangelischen
Arbeitervereine hatten ganz generell betrachtet immer nur eine
sehr kleine Anzahl von Mitgliedern und Anhängern und ihr
gesellschaftlicher Einfluss war dementsprechend gering. Dies hing
auch damit zusammen, dass viele Arbeiter-Vereine bewusst
unpolitisch waren und wie schon erwähnt vor allem zur
geistlichen Erbauung und der Gemeinschaft der Arbeiter dienten.
Die Vereine waren deshalb auch oft angelehnt an freikirchliche
Organisationen. Sobald die arbeiterpolitische, also
gewerkschaftliche Strömung sich innerhalb eines solchen Vereins
jeweils zu breit machte, wurde sie von den anderen zu den
geistlichen Zielen der Gruppe zurückerinnert.
Der evangelische Arbeiterverband trat aber trotz der inneren
Spannung über das Verhältnis zwischen dem Geistlichen und dem
Weltlichen dem Schweizerischen Arbeiterbund bei. Ebenso wurde
eine Eingabe an die Bundesversammlung gemacht, der
Samstagnachmittag solle arbeitsfrei sein. Die beiden Räte
(National- und Ständerat) verbrieften in der Folge den
Fünf-Uhr-Arbeitsschluss an Samstagen im Fabrikgesetz. Trotz
dieses Erfolges verlor sich die Tätigkeit dieses ersten
evangelischen Verbandes in der Folge im Rahmen des
Schweizerischen Arbeiterbundes. In diesem waren Arbeiter aus
verschiedenen ideologischen Richtungen verbunden.
Die vergangene Jahrhundertwende war eine wichtige Zeit für
die Arbeiterbewegung, auch für die evangelischen
Arbeitervereine. Die katholischen Gewerkschaften wollten
nämlich, im Sinne der christlichen Weltanschauung, auch die
evangelischen Arbeiter vertreten. An einer Delegiertenversammlung
der evangelischen Arbeitervereine 1904 in Bern wurde diesem
katholischen Umwerben allerdings eine klare Abfuhr erteilt. Die
konfessionelle Spaltung der Gesellschaft war damals noch weit
verbreitet.
Die Delegierten der evangelischen Arbeitervereine fanden die
Bildung von unpolitischen Gruppen als richtig. Sie lehnten aber
die Gründung von eigentlichen konfessionell geprägten
Gewerkschaften ab. Es wurde argumentiert, man dürfe die
schweizerische Gewerkschaftsbewegung nicht entlang von
konfessionellen Grenzen aufspalten. Der evangelische
Arbeiterverband forderte deshalb seine eigenen Mitglieder auf,
sich den bestehenden unpolitischen und interkonfessionellen
freien Gewerkschaften anzuschliessen. Ein Historiker resümierte,
dass die evangelische Arbeitergruppe wohl am meisten um die
konfessionelle Neutralität der Gewerkschaftsbewegung bemüht
war, so widersprüchlich dies auf den ersten Blick erscheinen
mag. In der Folge nahmen Abordnungen evangelischer
Arbeitervereine als Beobachter an den katholischen wie an den
anderen Gewerkschaftskongressen teil.
Durch den Verzicht auf eine eigene evangelische Gewerkschaft
verloren die evangelischen Arbeitervereine für nicht wenige
ihren Reiz. Trotzdem kannten die evangelischen Arbeiter auf
gemeinschaftlicher und religiöser Ebene weiterhin eine reiche
Begegnungskultur, wenn auch oft nicht mehr im Rahmen eigener
Arbeitervereine. Da waren neben dem Engagement in den Kirchen
auch die religiös eingestellten Jünglings- und Männervereine.
Um 1900 erstreckte sich davon ein Netz von über 300 Vereinen mit
rund 5500 Mitgliedern in der Deutschschweiz und etwa 160 Vereinen
mit rund 3500 Mitgliedern in der Romandie. Der älteste dieser
Vereine war der aus Basel, der bereits 1768 gegründet wurde.
Diese Jünglings- und Männervereine standen in religiöser
Hinsicht auf dem Boden der Evangelischen Allianz, also dem
wesentlichsten Glaubensbekenntnis der pietistischen Bewegung im
19. Jahrhundert.
In den zwanziger Jahren verloren aber auch diese Vereine viele
ihrer Mitglieder. Um 1930 gab es nur noch kleine Gruppen, deren
Tätigkeit sich im Abhalten von Bibelstudien und in der
Diskussion religiöser und weltanschaulicher Fragen erschöpfte.
Einen neuen Aufschwung erhielten die Vereine aber durch die
Christlichen Vereine junger Männer CVJM. Im CVJM trafen sich vor
allem Mitglieder aus der reformierten Landeskirche. Die
Methodistenkirche hatte einen eigenen Bund der Jünglings- und
Männervereine organisiert.
Und aus eben diesen methodistischen Vereinen sollte ein
wesentlicher Impuls kommen zur Gründung einer neuen, und zwar
sozialpolitisch tätigen evangelischen Arbeitergruppe. Die
«Jünglings- und Männervereine der Bischöflichen
Methodistenkirche» (wie sie damals noch hiessen), Sektion
Zürich, besprachen an einer Konferenz in Wetzikon 1906 die
gewerkschaftliche Grosswetterlage. Eingehend wurde die Frage
diskutiert, wie sich der christliche Arbeiter zur heutigen
Arbeiterorganisation stellen solle.
Die Versammlungsteilnehmer anerkannten grundsätzlich die
Notwendigkeit für die Arbeiterschaft, sich zwecks Wahrung ihrer
Interessen zu organisieren. Jedoch herrschte die Auffassung, dass
für christlich gesinnte Arbeiter die sozialdemokratischen
Gewerkschaften nicht die geeigneten Organisationen seien. Diese
Gewerkschaften würden religiöse Ansichten nicht nur nicht
respektieren, sondern geradezu bekämpfen. Deshalb soll eine
eigene gewerkschaftsähnliche Organisation geschaffen werden,
«die alle evangelischen Glaubensbekenntnisse umfassen» kann.
Eine Kommission durchdachte daraufhin die Vorschläge und man
beschloss relativ bald, eine politisch neutrale
Unterstützungskasse zu gründen. Diese sollte den durch Streiks,
Aussperrung und Verdrängung arbeitslos gewordenen Angehörigen
der evangelischen Gemeinschaftswerke Hilfe gewähren. 1907 wurde
daraufhin die Schweizerische evangelisch-soziale
Unterstützungskasse SESUK gegründet. Das Zielpublikum waren
Personen ohne Unterschied des Geschlechts, die in ihren
Grundsätzen und Absichten auf dem Boden der Heiligen Schrift
stehen und das 15. Altersjahr zurückgelegt haben. Der
pietistische Ansatz in dieser Formulierung ist unverkennbar.
Nun gab es aber auch Kräfte unter den Evangelischen, welche
eine eigentliche Gewerkschaft und sogar eine eigene Partei
gründen wollten. Im Zuge der wirtschaftlichen Not nach dem
Ersten Weltkrieg wurde von pietistischen Kreisen in Brugg im
Jahre 1919 die Gründung einer politischen Gruppe beschlossen.
Diese nannte sich dann Evangelische Volkspartei EVP. Die
Unterstützungskasse SESUK mit ihren 1600 Mitgliedern mutierte im
Zuge dieser Aufbruchbewegung 1920 zur richtigen Gewerkschaft. Sie
gab sich den Namen Schweizerischer Verband evangelischer Arbeiter
und Angestellter SVEA mit Sitz in Zürich-Seebach.
Probleme tauchten nämlich auf, als evangelische Arbeiter in
den Firmen oftmals unter Druck gesetzt wurden, sie sollten sich
nicht einer evangelischen Gruppe anschliessen. Unter diesem Druck
verschwanden die evangelischen Arbeitervereine, zuletzt 1914
diejenigen von Bern und Basel, oder schlossen sich dem 1920
gegründeten SVEA an. Dass die Evangelischen trotz ihrer
Abneigung gegen die konfessionelle Spaltung eine eigene
Gewerkschaft gründeten, lag in der weiterhin intoleranten, je
geradezu anti-religiösen Tendenz der sozialdemokratischen
Gewerkschaften. Mit ein konkreter Auslöser für die Gründung
der evangelischen Gewerkschaft war, dass man die evangelischen
Arbeiter auf Druck der Gewerkschaften teilweise sogar auf die
Strasse stellte, wie es bei der Zürcher Maschinenfabrik Escher
Wyss geschah.
Die methodistische Prägung des SVEA war auch noch Jahre nach
der Gründung spürbar. So gehörten Ende der 20er Jahre rund die
Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder zur Methodistenkirche. Die
Methodistenkirche war es auch, die in ihre Kirchenordnung klare
Weisungen zum Schutz der Arbeitnehmerschaft ausgab - ganz in der
Tradition des Methodistengründers John Wesleys. Darin wurde
unter anderem der gesetzliche Schutz des Arbeiters gegen
Krankheit und Unfall gefordert. Dies war zu jener Zeit auch
notwendig, kamen die grossen Sozialwerke der Eidgenossenschaft im
wesentlichen erst nach dem Zweiten Weltkrieg zustande. Die
Methodistenkirche war eine der wenigen Kirchen, die sich
mindestens verbal pointiert für die Arbeiter einsetzte. Einen
grossen Einfluss auf der katholischen Seite hatte die päpstliche
Sozialenzyklika «Rerum novarum» von Ende des 19. Jahrhunderts.
Vertreter des SVEA wurden nun vom Volkswirtschaftsdepartement
dazu eingeladen, bei der Beratung des Arbeitsschutzgesetzes
mitzuwirken. Katholische wie sozialdemokratische Gewerkschaften
sahen im SVEA denn auch eine gefährliche Konkurrenz, was
angesichts der Mitgliederzahlen jedoch eine überflüssige
Befürchtung war. Auch in den besten Zeiten hatte der SVEA selten
mehr als 15 000 Mitglieder. Die evangelische Gewerkschaft wurde
aber weithin geschätzt, weil sie sich um unabhängiges Denken
bemühte. Deshalb war ein Einfluss der evangelischen
Gewerkschafter auf die Gesetzgebung durchaus vorhanden.
So wie die Kontakte aus Deutschland zum Ansporn der
evangelisch-sozialen Bewegung in der Schweiz dienten, so gab es
nun, einige Jahrzehnte später, Impulse in die umgekehrte
Richtung. So wurde 1923 unter der Mitwirkung des SVEA ein
Verband evangelischer Arbeitnehmer Deutschlands gegrndet.
Dieser war vor allem in Westfalen, im Ruhrgebiet und im Rheinland
aktiv. 1928 wurde auch eine Internationale Arbeitsgemeinschaft
evangelischer Arbeitnehmerverbände etabliert. Ebenso
organisierte der SVEA verschiedene Neuauflagen der Evangelisch-Sozialen
Kongresse, an denen auch die führende Gestalt des
religiösen Sozialismus, Leonhard Ragaz, teilnahm. Natürlich gab
es zwischen theologisch konservativer geprägten
Evangelisch-Sozialen einerseits und den Religiösen Sozialisten
anderseits auch unterschiedliche Meinungen und Gewichtungen.
Die einzige evangelische Gewerkschaft in der Schweiz, der
SVEA, bestand von 1920 bis 1993. Im Laufe dieser Zeit hatten die
Gewerkschaften viele Erfolge zu verbuchen. Eine Folge war jedoch,
dass viele von der Notwendigkeit von Gewerkschaften nicht mehr
überzeugt waren. Dies schlug sich in den sinkenden
Mitgliederzahlen nieder.
Der SVEA trat anfangs der achtziger Jahre dem aus dem
Katholizismus entstandenen Christlich-nationalen
Gewerkschaftsbund CNG an. Man hatte entdeckt, dass man sich in
der christlichen Sozialethik doch näher stand, als man dies in
der konfessionell gespaltenen Zeit der Gründergeneration
wahrhaben wollte. Diese Sicht für die Notwendigkeit war an der
Basis jedoch nicht so stark vorhanden. Der Anschluss an den CNG
verärgerte viele Freikirchen-Angehörige, wo antikatholische
Stimmungen noch stärker verbreitet waren als in der reformierten
Landeskirche, sodass in kurzer Zeit sehr viele austraten. Zudem
tat ein von den Massenmedien ausgeschlachteter
Unterschlagungsskandal eines untreuen Verwalters ein Übriges.
Der Krebsgang des Schweizerischen Verbandes evangelischer
Arbeitnehmer SVEA war trotz aller Bemühungen nicht mehr
aufzuhalten. Mangels Mitglieder und aufgrund der Überalterung
trat der SVEA 1993 der christlichen Gewerkschaft CMV bei, welche
seinerzeit ebenso aus der katholischen Sozialbewegung entstanden
war und ebenso dem Dachverband CNG angehört (der Dachverband auf
Seite der sozialdemokratisch geprägten Gewerkschaften heisst
Schweizerischer Gewerkschaftsbund SGB).
Zusammenfassend sehen wir, dass theologisch konservativ geprägte Protestanten in der Geschichte nicht nur individuell oder als Kirche sozialdiakonisch aktiv waren. Immer wieder gab es und gibt es heute noch evangelische Christen, welche einen Einfluss gewerkschaftlich, aber vor allem politisch ausüben möchten. Dies gilt auch für bibelkritisch ausgerichtete Kirchen, in denen das soziale Engagement eigentlich geistliche Inhalte weitgehend ersetzt und die religiöse Funktion der Kirche nicht mehr so stark zum Tragen kommt. Dass es auch mit weniger der streitbaren Kompromisse geht, bewiesen weitherzig denkende Christen, vor allem die erwähnten Methodisten. Sozialethisches Engagement muss als Teil der Mission verstanden werden - ohne aber dabei grundlegende Werte preiszugeben. Dieses Beispiel ist insofern wichtig, weil Christen noch heute sozialethisches Engagement in Gewerkschaft und Politik vielfach vernachlässigen. Dies wohl aus der Angst heraus, das soziale, diesseitig orientierte Engagement könnte sich verselbständigen und zum Ersatz werden für das Evangelium in seiner ganzen Breite und ganzen Tiefe. Wir lernen aus der Episode der evangelischen Arbeiterbewegung, dass Diakonie und Evangelisation untrennbar zusammen gehören. Diakonie ist eine Form von Evangelisation, Evangelisation eine Form von Diakonie. Aus dem Einsatz für die Schöpfungsordnung in der Gesellschaft und damit für die soziale Gerechtigkeit ist das Vergängliche des Daseins ständig vor Augen. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, die Zeitgenossen in erster Linie auf das Unvergängliche durch Jesus Christus hinzuweisen - im Sinne einer Daseinsverantwortung durch Daseinsüberwindung.