Der kurzlebige täuferische Stadtstaat in Westfalen und sein katastrophales Ende
Autor: Rolf Strasser © 1995-1997
Der kurzlebige täuferische Stadtstaat in Westfalen und sein katastrophales Ende
Im 16. Jahrhundert wurde in einem Teil
des deutschsprachigen Europa die Reformation durchgeführt. Der
Zustand der römisch-katholischen Kirche war vielen zuwider und
viele wollten das Evangelium in einer ursprünglicheren Form
verwirklicht sehen. Reformatoren wie Martin Luther, Johannes
Calvin oder Ulrich Zwingli brachten diesen Prozess so richtig in
Gang, welcher Europa bis heute sichtbar umgestalten sollte.
Evangelische - auch protestantisch oder nach dem grossen
Reformator lutherisch genannte Christen, spalteten sich von der
katholischen Kirche ab und gründeten eigene Kirchen. Da die
Kirchen und der Staat eng verknüpft waren, löste dies einige
gesellschaftliche Veränderungen aus.
Eine kleine aber wichtige Episode aus
jener Zeit verdient unsere Aufmerksamkeit. Es gab evangelisch
gesinnte Kräfte, welche die Reformation noch radikaler als die
offiziellen Evangelischen durchführen wollten. Zu diesen
Kräften gehörten auch die sogenannten Wiedertäufer.
1534/35
war eine ganze Stadt, Münster in Westfalen, in die Hand der
Täufer gefallen. Sie verwirklichten dort so etwas wie einen
unabhängigen Stadt-Staat mit einer eigenen Regierung, Reich
Zions genannt. Natürlich gab dies Widerstand, sodass der Bischof
von Münster, Franz von Waldeck, seine eigene Stadt zu belagern
begann. Nach anderthalb Jahren fiel die Kommune Münster am 25.
Juni 1535. Die betroffenen Täufer wurden für ihre
Abtrünnigkeit grausam bestraft.
Die Armut als wesentliche Ursache
für die Unzufriedenheit
Das Phänomen der kurzlebigen, autonomen
Täuferstadt verstehen wir nur, wenn wir uns die wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Zusammenhänge jener Zeit vor Augen
führen. Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, aber auch
schon
die Zeit vor 1500, war eine Zeit des Umbruchs. Ein neues Gefühl
für die weite Welt entwickelte sich aus der Reise von Kolumbus
1492 in die Karibik, damals noch als Westindien angesehen. Damit
war erwiesen, dass die Erde eine Kugel sei und keine Scheibe, wie
die Kirchenoberen in Rom immer behauptet hatten. In der Folge
verloren der Papst, aber auch der Kaiser des Heiligen Römischen
Reiches Deutscher Nation immer mehr an Bedeutung. Kapital- und
Handelsgesellschaften begannen zu entstehen. Bekanntestes
Beispiel einer solchen Kapitalgesellschaft waren die Fugger in
Augsburg. Sogar der Papst war bei ihnen hoch verschuldet. Er
brauchte Geld, um den Petersdom in Rom fertig zu stellen. Dies
war auch der Grund für den Ablasshandel. Mit dem Peterspfennig
finanzierte man den Petersdom, erhielt dafür aber Vergebung der
Sünden zugesprochen.
Dieser unsinnige Ablasshandel war
später ein wichtiger Auslöser für die Reformation. Der
Augustinermönch Martin Luther begann, dieses kirchliche
Gnadenbusiness zu hinterfragen. Zu den wirtschaftlichen
Veränderungen kamen also auch theologische dazu. Das Weltbild
begann zu wanken und setzte Kräfte frei, die nicht alle in
konstruktiven Bahnen verliefen. Weite Kreise der Bevölkerung
waren unzufrieden und vereinzelt gab es Aufstände. Auffallend
war, dass sich in der Argumentation der Unzufriedenen politische
und religiöse Gedanken zu vermischen begannen.
Die Reformation war auf theologischer
Seite Ausdruck der Unzufriedenheit, die den Prozess des
gesellschaftlichen Aufruhrs förderte. Natürlich gab es
handfeste wirtschaftliche und damit soziale Gründe für das
Aufbegehren. Viele Bauern verarmten durch Hofteilungen, die hohen
Abgaben und den Frondienst. In den Städten gab es eine
Armen-Schicht, die vor allem aus zugezogenen Bauern und sozial
abgesunkenen Handwerksgesellen bestand. Letztere erhielten durch
den aufblühenden Handel Konkurrenz durch Import-Produkte und
wurden arbeitslos. Dies alles förderte das Aufbegehren. Die
Bauernaufstände im grossen Stil fanden ausser in Bayern vor
allem in Süd- und Mitteldeutschland, aber auch in Österreich
statt. Anführer des Bauernaufstandes in Thüringen war der
bekannte Theologe und Revolutionär Thomas Müntzer.
Als sich der Reformator Martin Luther
gegen die Bauernrotten aussprach, gab dies den Obrigkeiten eine
religiöse Berechtigung, die Aufstände niederzuschlagen. Diese
Phase ist als der Grosse Deutsche Bauernkrieg von 1524/25 in die
Geschichte eingegangen. Doch auch nach dem Bauernkrieg gab es
vereinzelte Aufstände, wie die Wiedertäufer-Kommune in
Münster
zehn Jahre später zeigen sollte.
Das Täufertum als konsequente
Reformation
Seit 1520, also schon bald nach Beginn
der Reformation, breitete sich das Täufertum aus. Sie ging aus
den Gedanken, welche Luther verbreitete, hervor, driftete aber
von ihm und seiner Bewegung ab. Der erste grosse
Täufer-Führer
war der Theologe Thomas Müntzer. Dieser fand im Bauernkrieg 1525
den Tod. Ein Kennzeichen der Täufer war, dass sie nur die Taufe
von Erwachsenen vollzogen. Es wurde bei ihnen also niemand schon
als Kind getauft, sondern erst dann, wenn im Mündigenalter eine
bewusste Entscheidung für Gott und den christlichen Glauben
vorausging. Die meisten Gläubigen wurden so ein zweites Mal
getauft, daher der Ausdruck Wiedertäufer.
Dies war eine Reaktion auf die
katholische Praxis, bei dem ein ungetauftes Kind als verlorene
Seele galt. Eine Überzeugung, die aufgrund der Bibel nicht
nachvollziehbar ist. Da in jenen Zeiten die Kindersterblichkeit
aufgrund der unhygienischen Verhältnisse sehr gross war, starben
viele Kinder ungetauft. Der seelische Druck, der sich wie ein
dunkler Vorhang auf die Eltern setzte, war bedeutend. Es ist
daher nachvollziehbar, dass sich viele Menschen den Täufern
anschlossen, um diesen Druck loszuwerden.
Die Täufer fanden eine weite
Verbreitung. Mit ausgelöst war dies durch die Verfolgung der
Täufer in Zürich. Dadurch verteilten sie sich rasch in
verschiedene Richtungen: Ins Alpengebiet, nach Mähren, in die
Gebiete des Niederrheins und Frieslands. Die Täufer hoben sich
in ihren Glaubensüberzeugungen von den Katholiken und der
Reformation ab, und zwar in allererster Linie in folgenden
Punkten:
1. Die Täufer misstrauten dem Staat und
jeglichem Staatskirchentum. Einige Anhänger unter dem
Täuferführer Melchior Hoffmann aus Schwäbisch-Hall waren
in
diesem Punkt sogar sehr radikal: Sie vertraten die unsinnige
Ansicht, dass Gott den Gläubigen die physische Vernichtung der
Ungläubigen befehle.
2. Die Täufer forderten eine
gesetzliche Sittlichkeit basierend auf der Bergpredigt.
3. Die Täufer verlangten in ihren
eigenen Reihen das geduldige, demütige Ertragen jedes Unrechts
und aller Gewalt - auch derjenigen, die von der staatlichen Macht
ausgeübt wird. Hier sehen wir, dass es auch gemässigte
Täufer
gab, die keinesfalls wie die radikale Richtung die Verfolgung der
Ungläubigen vertrat. Man muss davon ausgehen, dass die grosse
Mehrzahl der Täufer zu dieser friedliebenden Richtung gehörte.
4. Die Täufer glaubten an die mystische
Lehre vom inneren Licht. Damit zogen sie sich auf einen
unfehlbaren Standpunkt zurück, weil Gott zu ihnen direkt sprach.
Diese Informationen waren wichtiger als das an der Bibel
Nachprüfbare. Bei diesen prophetischen Erleuchtungen handelte es
sich wahrscheinlich um ganz normale Träume oder auf Gott
projizierte Wünsche. Wir sehen gerade hier, dass das Gebot
Gottes, seinem Wort der Bibel nichts hinzuzufügen, auf krasse
Weise verletzt wurde.
5. Die Täufer strebten Gemeinden von
Heiligen in ihrem Sinne an.
6. Die Spättaufe von mündigen
Gläubigen. Weil auf diese Weise viele zweimal getauft wurden,
wurden die Täufer daher auch Wiedertäufer genannt.
Alle diese Dogmen waren Voraussetzungen
für die späteren Entwicklungen in der Täuferbewegung.
Die
Täuferstadt Münster von 1534/35 war eine direkte Auswirkung
der
täuferischen Überzeugungen, die sich aufgrund schon
bestehender
Verfolgungen im Gebiet des Niederrheins niedergelassen und viele
Einheimische um sich geschart hatten. So war das Täufertum von
Ostfriesland aus auch nach den Niederlanden gelangt. Ein
wichtiger Führer der späteren Münster-Täufer, der
Haarlemer
Bäcker Jan Matthys, kam von dort. Matthys hielt sich für den
alttestamentlichen Propheten Henoch. Diese radikale Richtung der
Täufer gelangte von dort aus nach Münster in Westfalen.
Das neue Jerusalem: Münster
In Münster selber war die Reformation
1533 durchgeführt worden, also nur ein Jahr bevor die Stadt von
den Täufern übernommen wurde. Münster hatte seit dem 12.
Jahrhundert ein eigenes Stadtrecht. Sie war Mitglied der Hanse
und entwickelte sich zu einem Wirtschaftszentrum im Nordwesten
von Deutschland. Die Hanse wählte Münster 1494 zu ihrem
westfälischen Vorort. Die Stadt hatte damals rund zehntausend
Einwohner - heute sind es rund 270 000. Viele Menschen verarmten
zu jener Zeit in und um Münster, vor allem aufgrund der
katastrophalen Missernte von 1529.
1534 nun kam neben Jan Matthys auch ein
anderer Anführer der Täufer nach Münster, Jan
Beuckelssen aus
Leiden. In jener Zeit hatten bei den Täufern, nicht nur in
Münster, die zum militanten Extremismus neigende Richtung die
Oberhand. Dies lag daran, dass 1528 ein kaiserliches Mandat die
Täufer für vogelfrei erklärte. Jeder gefangene
Täufer wurde
gefoltert und umgebracht. Dies verhärtete viele Täufer und
sie
fanden, unter diesen Umständen hätten sie ein Recht, sich zu
wehren. Dieses kaiserliche Blutsmandat galt übrigens bis 1555.
Alleine in den Niederlanden fielen diesem Edikt mindestens 50 000
Täufer zum Opfer. Diese Verfolgungen gab es schon vor der
Übernahme von Münster durch die Täufer. Dieser Umstand
förderte ihre Überzeugung, dass das Kommen des Reiches Gottes
nahe gekommen war. Die Täufer betrachteten sich als wahre
Nachfolger der Israeliten, die Gott in einem neuen Jerusalem
versammeln wolle. Dieses Jerusalem hiess in diesem Fall eben
Münster. Andere versammelten sich in Strassburg, aber mit
weniger Erfolg.
Nach der Reformation von 1533 verliessen
die Domherren und Patrizier die Stadt. Dafür kamen viele
freiheitsliebende Holländer in die Stadt, vor allem weil sie
ihrer Heimat, welche von den Habsburgern kontrolliert wurde,
entfliehen wollten. Die Täufer waren zwar zunächst gehalten,
in
Münster keine Propaganda zu treiben, sie wurden aber von der
katholisch-lutheranischen Obrigkeit geduldet. Die Täufer tauften
im Verborgenen und führten eine Art Gütergemeinschaft ein.
Mit
ihrer Lehre, dass allen alles gehöre, wurden die Verarmten in
ihren Bannkreis gezogen.
Dann begann die obrigkeitliche Koalition
in der Stadt zu zerbrechen. Der protestantische Stadtrat sah sich
bedroht auf der einen Seite durch eine mögliche
Wiederherstellung der alten, katholischen Verhältnisse, auf der
anderen Seite durch eine Revolution der Täufer. Nachdem einige
täuferisch gesinnte Prediger aus der Stadt gewiesen wurden,
begann es kritisch zu werden. Die Täufer holten ihre
Verkünder
zurück und rotteten sich zusammen. Sie kümmerten sich um die
Beschlüsse des evangelischen Stadtrates so wenig wie sich dieser
für die Ansichten des katholischen Bischofs interessierte.
Anfangs Februar 1534 befahl der Bischof von Münster, Franz von
Waldeck, dass alle des Täufertums Verdächtigten auf dem
ganzen
Gebiet seiner Diözese zu verhaften seien. Kurze Zeit später
besetzten 500 bewaffnete Täufer den Markt und das Rathaus.
Überall wurden die Menschen von den Täufern aufgefordert,
sich
zu Gott zu bekehren, da die Endzeit und der Tag des Gerichtes
nahe herbeigekommen sei.
Täuferische Machtübernahme
Nach der Besetzung des Marktes durch die
Täufer gab es in der Stadt zwei Heerlager, welche durch den
Aabach getrennt waren. Im kleineren Teil der Stadt befanden sich
Katholiken und Lutheraner, im anderen die Täufer. Doch kam es
nicht zum bewaffneten Konflikt. Die Evangelischen hatten nämlich
auf einmal Angst, dass eine militärische Stärkung durch die
bischöflichen Truppen nicht nur die Besiegung der Täufer zur
Folge hätte, sondern auch die Beseitigung der Reformation. So
verständigte man sich und kam überein, dass in der Stadt
Glaubensfreiheit herrschen müsse. Die Täufer
verständigten
daraufhin ihre Glaubensgenossen ausserhalb der Stadt, die sich
vor dem Bischof versteckt hielten mussten. Sie wurden eingeladen,
alles zu verlassen und nach Münster zu kommen. Es war eine
grosse Menschenmenge, die daraufhin - auch aus Holland und
Friesland - der Einladung Folge leisteten. Als kurz darauf die
Ratswahlen stattfanden, obsiegten die Täufer. Sie konnten alle
zehn Wahlmänner stellen.
Die Stadt veränderte in der Folge ihr
Gesicht. Es kam zu Bilderstürmen und Zerstörungen in Kirchen
und Klöstern. Alles Silber und Gold wurde geplündert und
zusammengetragen im Wert von über 300 000 Gulden. Der Bischof
hatte für die Belagerung nur ein zwanzigstel dieses Betrages zur
Verfügung. In Erwartung eines militärischen Schlages durch
den
Bischof wurde verhindert, dass Geld, Lebensmittel oder Waffen aus
der Stadt hinausgetragen wurden.
Daraufhin wurden alle Einwohner während
dreier Tage getauft und die Gegner dieser Massnahme kurzerhand
aus der Stadt vertrieben. Mit Flugblättern wurden die
bischöflichen Soldaten, die sich inzwischen zu einem
Belagerungsring vor der Stadt versammelt hatten, zur Umkehr
aufgefordert. Mit Eifer begannen die Täufer ihre Stadt zu
befestigen. Weil in der Stadt eine Art Kommunismus galt, wurden
alle Schuldverschreibungen und Urkunden vernichtet. Später wurde
das Privateigentum in der Stadt sogar ganz abgeschafft. In der
Stadt gab es damals rund 2000 Männer und rund 7000 Frauen. Die
Männer, die zur Stadt wollten, wurden von den Belagerern nicht
mehr durchgelassen. Deshalb wurde kurzerhand die Vielweiberei
eingeführt. Jeder konnte es in der Stadt mit jeder treiben, ganz
wie ihm beliebte.
Nachdem in Holland ein grosses Täuferheer vernichtet wurde, sah man die Lage in Münster kritischer an. Bei einem ersten Ansturm auf die Stadt am 31. August 1534 waren es aber die Belagerer, die unter ihren 8000 Landsknechten rund 3000 Todesopfer zu beklagen hatten. Am Reichstag in Worms vom 4. April 1535 wurde die Belagerung von Münster deshalb zur - kostenintensiven - Reichssache gemacht. Aufgrund der langen Belagerung begann man in Münster inzwischen an Hunger zu leiden, die ersten begannen an Unterernährung zu sterben. Am 30. Mai wurde Münster mit der Drohung, alle niederzumachen, zur Kapitulation aufgefordert.

Münster fällt
Am 25. Juni 1535 schliesslich kamen die
Belagerer während der Nacht in die Stadt. Ihnen kamen
Überläufer zu Hilfe, die ihnen Tips gaben. Viele der Wachen
schliefen, weil sie sich vor Erschöpfung nicht mehr auf den
Beinen und wach halten konnten. Die hereingekommenen Soldaten
durchsuchten jeden Winkel der Stadt und erschlugen während einer
Woche jeden, den sie fanden. Damit brach auch der Konflikt
zwischen Lutheranern und Katholiken wieder aus. Drei der
Täuferführer wurden während sieben Monaten verhört,
öffentlich gefoltert und hingerichtet, ihre leblosen Körper
in
Eisenkäfige gesperrt und zur Abschreckung am Lambertiturm
hochgezogen. Münster selber wurde daraufhin zur
jahrhundertelangen Hochburg des Katholizismus.
Nach den schrecklichen Geschehnissen in
Münster verfolgte man die Täufer überall wo sie hin
kamen,
mehr noch als zuvor. Das Wort Täufer war psychologisch etwa so
negativ, wie wenn wir heute von Terroristen sprechen würden.
Natürlich war vieles, was man über die Täufer
kolportierte,
nichts anderes als Hysterie. Ein Historiker wies darauf hin, dass
alle Aufzeichnungen über die Geschehnisse in Münster von den
Gegnern der Täufer stammten. Alle Schriften der Täufer wurden
nämlich verbrannt, wo immer man sie fand. Daher müssen wir
einige Details offen lassen, ob sie sich wirklich so wie
überliefert oder anders zugetragen haben. Jedenfalls sass
denjenigen Täufern, die andernorts überlebten, der Schrecken
über diese Ereignisse tief in den Knochen. Die Mennoniten, wie
viele Täufer sich nach ihrem Begründer Menno Simmons nannten,
haben bis zum heutigen Tag eine überdurchschnittlich starke
Abneigung gegen alles, was mit Waffen oder Militärdienst
zusammen hängt.
Gottesreich oder Menschenreich?
Ein Prinzip der damaligen Zeit im 16.
Jahrhundert sehen überall in der Geschichte. Da wo Menschen
verarmt sind und von ihren Regierungen im Stich gelassen wurden,
hatten es neue Ideologien leicht, Anhänger zu finden. Wenn
solche Bewegungen genug Anhänger haben, um selber an die Macht
zu kommen, stellt sich eine Frage vor allen anderen: Können die
neuen Machthaber mit dieser Macht umgehen? Die Täufer in
Münster konnten es nicht. In diesem grundsätzlichen Punkt
unterschieden sie sich nicht von demjenigen Teil der Obrigkeit,
die durch ihr ungeschicktes Wahrnehmen der Regierungsgeschäfte
und durch ihre Habgier den Zulauf zu den Täufern erst
verursachten.
Was in Münster 1534/35 geschah, ist ein
exemplarisches Beispiel für eine fehlgeleitete
Reich-Gottes-Erwartung. Wenn überspannte Christen in voreiliger
Vorwegnahme des Reiches Gottes die Staats-Geschicke selber in die
Hand nehmen, ist das Unglück nicht mehr weit. Ein Blick in die
Bibel bestätigt, dass nur Gott der Vater alleine das Zeitalter
und den genauen Zeitpunkt weiss, in dem Christus wiederkommt und
die Regierung der Welt selber in die Hand nimmt. So gesehen ist
das Wort Theokratie oder Gottesstaat ein Widerspruch in sich.
Alle Versuche in der Geschichte, bei der die Christen - oder
diejenigen, die sich für solche hielten - an die Macht kamen und
anderen ihre Glaubensüberzeugungen aufzwangen, waren nicht
Staaten Gottes. Es waren Menschen, die in ihrem Übereifer etwas
für Gott anstatt mit Gott tun wollten. Jesus sagte: "Mein
Reich ist nicht von dieser Welt." Damit grenzte er sich von
den Eiferern seiner Zeit ab, den Zeloten, die am liebsten gleich
losgeschlagen hätten, um die Römer gewaltsam aus Judäa
zu
vertreiben.
Zeugen der Glaubens- und
Gewissensfreiheit
Die Obrigkeit gab den Täufern keine Möglichkeit, sich als
treue und loyale Untertanen oder Bürger zu erweisen. Die
überspannte Verfolgung der Täufer provozierte daher die
entsprechenden Reaktionen auf der Gegenseite. Die umfassende
Glaubensfreiheit gehörte, im Gegensatz zu heute, nicht zu jenem
leidvollen Zeitalter. Als den Täufern verwehrt wurde, gemäss
ihrem Glauben zu leben, kehrte ein Teil von ihnen, in die Enge
getrieben, den Spiess um und mutierte von friedlichen Christen zu
militanten Anarchisten.
Die Täufer, von denen die allermeisten
irgendwo in Europa versteckt und in Frieden lebten, gaben mit
ihren Überzeugungen - und das darf nicht vergessen werden - ein
Beispiel für die Glaubens- und Gewissensfreiheit und dies
Jahrhunderte vor der Erklärung der Menschenrechte. Es wäre
deshalb nicht korrekt, den Täufern der damaligen Zeit pauschal
das Fundamentalismus-Etikett anzuheften. Denn dieses hätte wohl
eher zu ihren staatlichen und kirchlichen Verfolgern gepasst. Die
Täufer versuchten im allgemeinen, die ursprünglichste Form
von
christlichem Glauben zu leben. Gerade deshalb gehörten sie zu
denjenigen, welche die Freiheit am meisten liebten. In diesem -
nicht theologisch, sondern gesellschaftlich zu verstehenden -
Wortsinn, waren sie nicht einfach nur Konservative, sondern
vielmehr Liberale und dies lange Zeit bevor sich andere
hervorwagten, von der Obrigkeit ein ähnliches Mass an Freiheit
einzufordern.