Autor: Rolf Strasser © 1996-2001
Klären wir zu Beginn einige Begriffe.
Das Wort "Eremit" stammt aus dem Griechischen. Eremos
bedeutet soviel wie einsam oder allein. Ein Eremit ist also ein
Alleinlebender, im Deutschen gebrauchen wir dafür auch oft den
Begriff "Einsiedler". Dieses Alleinsein des Einsiedlers
ist umfassend: Ein Christ löst sich aus der gesellschaftlichen
Bindung, um in der Einsamkeit ein Leben der Andacht zu führen,
um ungestört nach gottverbundener Vollkommenheit zu streben. Das
Eremitentum ist in verschiedenen Religionen zu finden und im
Christentum schon seit den ersten Jahrhunderten nach Christi
bekannt. Es handelt sich hier um die ursprüngliche Form des
Mönchtums.
Die Mönchsgemeinschaften sind
eigentlich Gruppen von Eremiten. Das Alleinsein wird in der
Mönchsgemeinschaft zeitweise unterbrochen, zwecks gemeinsamer
Anbetung, zum gemeinsamen Essen oder für gewisse praktische
Aufgaben, wie zum Beipsiel um das Hausdach zu reparieren oder
einen Zaun für die Ziegen aufzustellen. Das Alleinsein nimmt
aber auch bei Mönchsgemeinschaften eine wichtige Stellung ein.
In der eigenen Zelle betet und studiert jeder für sich, von den
Sachzwängen des Lebens ungestört. Organisierte
Mönchsgemeinschaften bezeichnete man zunächst als
Klöster.
Heute gilt im allgemeinen Sprachgebrauch Kloster und
Mönchsgemeinschaft als austauschbarer Begriff. Mit Kloster
bezeichnet man aber nicht nur die Gemeinschaft der Mönche oder
der Nonnen, sondern auch der monastische Gebäudekomplex oder
einfach das Kirchengebäude eines Ordens. Der Begriff des
"Ordens" gehört ebenfalls zur Geschichte des
Mönchtums. Ein Orden ist ein Verband von Klöstern einer
bestimmten Ausrichtung. Unter dem Ordensstand versteht man aber
auch einen ganz bestimmten Lebensstil, nämlich die Verpflichtung
zu Gehorsam, Keuschheit und Armut. Heutzutage ist die
Mitgliedschaft zu einem Orden nicht zwangsläufig mit einem Leben
im Kloster verbunden. Viele gehören zu einem Orden, üben aber
ausserhalb des Ordens ihren angestammten Beruf aus und nehmen in
der Freizeit am Gemeinschaftsleben des Ordens teil, oft mehrmals
die Woche.
Der grösste dieser Orden ist heute
derjenige der Jesuiten mit weltweit rund 27'000 Mitgliedern
(Stand Mitte der neunziger Jahre). Ebenfalls bekannt sind die
Franziskaner, Salesianer, Kapuziner, Benediktiner, Dominikaner
usw. Diese Orden und auch die meisten Klöster gehören zur
römisch-katholischen Kirche, in der Geschichte wie in der
Gegenwart. In den protestantischen Gebieten wurden die Klöster
im Zuge der Reformation oft aufgelöst, weil man sie als
Instrument eines nicht mehr zeitgemässen Christentums
betrachtete. So haben die Klöster in den protestantischen
Gebieten vielenorts den Geruch des Papsttums oder den des
Mittelalters. Oftmals haben sich Kloster und Orden jedoch
inzwischen weiter entwickelt, als das Bild von ihnen in der
Gesellschaft. Auch in denjenigen Kirchen, welche aus der
Reformation entstanden sind, gibt es klosterähnliche,
religiöse
Gemeinschaften. Man nennt sie hier aber meist nicht Klöster oder
Orden, sondern einfach Bruder- oder Schwesternschaften,
Diakonissenhäuser oder Kommunitäten.
Wenn wir uns in der Geschichte des
Eremiten- und Mönchtums vor der Reformation umsehen, darf nicht
davon ausgegangen werden, es handle sich um die Geschichte von
katholischen Institutionen im heutigen Wortsinne. Vielmehr waren
Orden und Klöster einfach Träger einer christlichen
Erneuerungsbewegung, welche die verkrusteten Strukturen der
Kirche aufweichen wollten. Man kann auch sagen, dass in den
Kloster-Bewegungen das ursprüngliche Christentum gesucht wurde.
Trotzdem war der Lauf vieler Klöster der, dass sie ihrerseits
zur verkrusteten Institution erstarrten. Man könnte allgemein
feststellen: wer den religiösen Aufbruch, die geistliche
Erneuerung, festhalten will, behält nicht den Heiligen Geist,
sondern eher die Sachzwänge und die Eigendynamik einer
menschlich-vergänglichen Struktur. Der Historiker Manfred Heim
schreibt in einem Artikel über den Prämonstratenser-Orden
folgendes: "Jeder echte religiöse Aufbruch in der Kirche
ging stets vom Evangelium aus; das zeigt die aufmerksame
Betrachtung der Kirchengeschichte. Sie zeigt aber auch, dass eine
Bewegung nur einige Jahrzehnte ihre begeisternde, mitreissende
Stosskraft und ihre ursprünglichen Ziele bewahren kann."
Oft hört man die Aussage: "Die
Klöster praktizieren Glaubensformen des finsteren
Mittelalters." Diese Ansicht, dieses Vorurteil, ist
heutzutage weit verbreitet. Vielleicht hat zu diesem Image ein
bisschen auch Umberto Ecos Buch "Der Name der Rose" und
dessen Verfilmung beigetragen. Dieses Suchen nach Neuem, auch die
Suche nach erfrischenden, kirchlichen Parallel-Strukturen gab es
schon lange: lange vor dem Mittelalter, lange vor der
Klosterbewegung. Diese geistigen Aufbrüche jedenfalls sind etwas
ganz anderes als die religiöse Machtgeilheit, wie sie im
besagten Klosterkrimi aufgezeigt wurde.
Gehen wir aber in unserer Betrachtung an
die Anfänge des Einsiedlertums zurück: Antonius der Grosse,
ein
Ägypter, liess sich um das Jahr 270 in der Wüste nieder. Er
gilt als Vater aller Mönche. Antonius war vor allem von einem
Bibelvers aus dem Matthäus-Evangelium berührt, wo es heisst:
"Wenn es dir ums Ganze geht, dann verkaufe deinen Besitz und
folge mir ..." Dieser Vers wurde ihm und vielen anderen zu
einem Grundsatz. Antonius lebte fortan abgeschieden von der Welt,
lange in einem Grabmal, in einem verödeten Kastell und
schliesslich in einem unwirtlichen Felsengebirge. Er wurde hier
von vielen Leuten aufgesucht, welche um Hilfe, Trost oder Rat
nachfragten. Antonius soll über 100 Jahre alt geworden sein.
Dass die Einsiedler nun nicht lange
alleine bleiben konnten, hatte aber noch andere Gründe als der
schon erwähnte seelsorgerliche Tourismus. Aus den Ratsuchenden
entwickelte sich eine Gruppe, die ihrem geistigen Vater, dem
Eremiten, ganz zur Verfügung stehen wollten und leben wollten
wie er. Ein anderer Grund für die Seltenheit des Eremitentums
liegt in den praktischen Dingen des Alltags. Es ist einfacher,
die verschiedenen praktischen Arbeiten rund um die
Selbsterhaltung in der Arbeitsteilung der Gemeinschaft zu
verrichten. Die Gemeinschaft ist auch ein besserer Schutz vor
verschiedenen Gefahren, sei es, um sich vor Räubern zu
schützen, den Bruder bei Krankheit zu pflegen oder ganz einfach
um sich die alltäglichen Dinge wie Holzsammeln,
Nahrungszubereitung usw. einfacherr zu machen.
Das allmähliche Verschwinden des
Eremitentums liegt also neben den praktischen Fragen in ihrer
starken Sogwirkung. Wenn charismatische Persönlichkeiten sich
zurückgezogen haben, sind ihnen oft viele in die Einsamkeit
nachgefolgt, nicht nur bei Antonius. Denn der Wunsch, frei von
den Sachzwängen einer Gesellschaft und christlich im
eigentlichen Sinn zu leben, war immer wieder bei vielen vorhanden
und nicht nur bei ein paar wenigen, die den Ruf von Sonderlingen
hatten. Trotzdem hat es auch während des späteren Anwachsens
der Klosterbewegung immer Eremiten gegeben, die es schafften,
wirklich alleine zu bleiben.
Wir sehen aus diesen praktischen
Beispielen, dass das vollkommen einsiedlerhafte Eremitendasein
eine seltene Ausnahmeerscheinung des Weltabgeschiedenseins ist.
Es sei in diesem Zusammenhang an die syrischen Säulenheiligen
erinnert. Diese lebten in ihrer ausgefallenen Form von Askese auf
der Plattform von hohen Säulen. Dort beteten und predigten sie,
waren aber Wind und Wetter schonungslos ausgesetzt. Einige
verbrachten vierzig Jahre und mehr auf ihrer Säule. Heute
würde
man solche Menschen wohl schnell ins Irrenhaus sperren und auch
damals gab es viele, die dachten, diese Leute seien nicht ganz
bei Trost. Trotzdem verdienen diese besonderen Eremiten unsere
Bewunderung, wenngleich es sich nicht empfiehlt, es nachzuahmen.
Die Regel des Weltabgeschiedenseins war
die Gemeinschaft von nach Sinn suchenden Christen, in der sie
sich gegenseitig halfen. Die Hilfe im Kloster wurde aber
praktisch immer auch gegenüber der Umgebung geleistet. Der Ruf
der Klöster, sie seien Vereinigungen von Weltflüchtigen, die
sich nicht um die Welt kümmern, ist also nur für die
Anfangszeit und auch da nur teilweise gerechtfertigt. Mit dem
Ideal zur Armut war mit der Zeit aber auch die praktische
Liebestätigkeit verbunden und auch die Sicht, immer offene Augen
und Arme für die Ausgestossenen zu haben. Und dies lange Zeit,
bevor sich die Obrigkeit bequemte, sich den Armen und
Unterdrückten anzunehmen. Wir sehen daraus, dass die Klöster
in
vielen Dingen auch sehr modern und ihrer Zeit weit voraus waren.
Zumal hatten viele von ihnen neben der Armenpflege auch andere
praktische Tätigkeiten zu verrichten. Es gab beispielsweise auch
Orden, welche im Gebiet um ihre Gemeinschaftshäuser herum für
Sicherheit auf den Wegen zu sorgen hatten. So wurden
Handlungsreisende geschützt, anderseits aber auch durchsucht, ob
sie nicht Waffen oder andere unerwünschte Güter ins Land
brachten.
Der asketische Enthusiasmus, die
Fortschrittswilligkeit der Mönche gab Antworten auf viele Fragen
und Sehnsüchte der Bevölkerung, was die Sogwirkung, sich
ebenfalls einer solchen Gemeinschaft anzuschliessen, auslöste,
wie schon erwähnt. So verbreitete sich das Klosterleben und das
Mönchtum in ganz Ägypten. Vor der arabischen Invasion 600
Jahre
nach Christi Auferstehung, zählte man alleine in Ägypten etwa
5000 Mönchsgemeinschaften! Das Mönchtum fand aber auch
darüber
hinaus Verbreitung, so in Äthiopien, Palästina und Syrien.
Dann
aber kam das Mönchtum auch in den Westen: Einerseits durch die
koptischen Mönche. Anderseits waren es aber auch Reisende aus
dem Westen, die in den frühen Jahrhunderten des Christentums das
Mönchtum kennenlernten - zum Beispiel durch einen Aufenthalt in
einem koptischen Kloster. Das Mönchtum fasste auf dem
europäischen Festland aber nicht nur durch koptische Mönche
Fuss. Es waren später auch Iren und Schotten, die ihrerseits
durch koptische Christen die Mönchsbewegung kennenlernten. Da
Irland und Schottland von den Römern nie besetzt wurden, konnte
die Mönchsbewegung dort besser gedeihen. (Im römischen Reich
waren die Christinnen und Christen erst ab dem Jahr 313 durch ein
Toleranzedikt Kaiser Konstantins vor Verfolgung sicher).
Iro-schottischen Mönchen hat das europäische Festland viel zu
verdanken. Sie waren die Missionare der damaligen Zeit und
Ursache dafür, dass die germanischen Stämme allmählich
fürs
Christentum gewonnen werden konnten, wenngleich meist erst nach
zähem Widerstand. Bekanntes Beispiel für frühe
Missionare
waren die Mönche Gallus und Columban. Von Gallus hat die
ostschweizerische Stadt St. Gallen ihren Namen.
Doch auch ein anderer Name sollten wir
uns merken: Ganz am Anfang der Ausbreitung der Klosterbewegung
stand ein Mann namens Pachomius. So wie der Eremit Antonius als
Vater aller Mönche gilt, so gilt Pachomius in der Fachliteratur
als der eigentliche Begründer der Klosterbewegung. Er setzte
rund fünfzig Jahre, nachdem Antonius Eremit wurde, an die Stelle
des ungeregelten Lebens in der Einsamkeit das geregelte Leben in
einer Genossenschaft gegenüber, das heisst in der Form eines
Klosters unter der Leitung eines Abtes. Zu den Regeln des
Pachomius gehörten geistliche Übungen, unbedingter Gehorsam
gegen den Abt, strenge Disziplin und Keuschheit, kein
Privateigentum, die Pflicht der Arbeit in Handwerk und Ackerbau.
Damals noch nicht bekannt waren Eintrittsgelübde und
Verpflichtungen zu lebenslänglichem Bleiben.
Karl Heussi schreibt in seiner
berühmten Kirchengeschichte, dass die Frömmigkeit dieser
ältesten Mönche eigenartig gewesen sei. Das Ziel des
mönchischen Lebens war die Erlangung der Vollkomenheit, das
Mittel hierzu die Ertötung alles sinnlichen Begehrens durch
schärfste Askese, durch völligen Bruch mit der Welt, Verzicht
auf jeglichen Besitz, Lösung aller Beziehungen zur Heimat und zu
den Verwandten, Fasten, Wachen, Schlafen im Sitzen, Einschliessen
in enge Zellen, Tragen von härenen, die Haut aufritzenden
Gewändern, Verzicht auf alle körperliche Reinlichkeit, ja
Schleppen schwerer eiserner Ketten oder hölzerner Kreuze,
ängstliches Vermeiden auch nur des Anblicks eines weiblichen
Wesens. Freilich rächt sich diese Unterdrückung der Natur
durch
eine ungeheure Steigerung des Phantasielebens: in heftigen
inneren Kämpfen ringen die Mönche mit den Dämonen, die
ihnen
als wilde Tiere, Satyrn, Centauren, nackte Frauen erscheinen,
ihnen allerlei schreckhafte oder verführerische Bilder
vorgaukeln oder böse Gedanken ins Herz geben. Soweit Karl
Heussi.
Interessant zu sehen, dass
leibfeindliche Ausläufer im Christentum und damit in der
Gesellschaft bis heute zu beobachten sind. Es ist eigentlich
erstaunlich, dass als Gegen- und Überreaktion darauf die moderne
sexuelle Revolution solange gebraucht hat, bis sie in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts offen ausgebrochen ist. Durch diesen
Ausbruch sind heute zwar auch die Nachteile der
sexuell-freizügigen Revolution mittlerweile sichtbar, sodass die
Revolution mittlerweile in etwas gemässigteren Bahnen
verläuft.
Ein anderes Thema: Seit der zweiten
Mönchs-Generation in Ägypten gab es literarisch gebildete
Mönche, es entstand deshalb eine richtige Mönchsliteratur.
Man
schrieb Mönchsbiographien, moralische Traktate und sammelte
Aussprüche berühmter Mönche. Später kam den
Klöstern die
Rolle der Wissensvermittlung zwischen der alten und neuen Welt
sogar generell zu. Nach dem Niedergang des römischen Reiches
sammelten die Klöster die Schriften und bewahrten sie der
Nachwelt. Im frühen Mittelalter galt es in der Gesellschaft noch
als unschicklich, lesen und schreiben zu können. Die
fränkischen Könige beispielsweise gaben sich lieber der Jagd
hin. Einigen Widerstand musste daher König Karl der Grosse im 9.
Jahrhundert hinnehmen, als er darauf hinwies, Lesen und Schreiben
sei eine wichtige Voraussetzung für das gesellschaftliche Leben.
Jedenfalls ist die Vermittlerrolle der Klöster in Sachen Wissen
nicht zu unterschätzen. In einer Zeitschrift war vor Jahren eine
Fotografie wiedergegeben: Darauf sah man einen Mönch in einer
Bibliothek voller alter Bücher. Der Mönch selber arbeitete
gerade an einem Computer modernster Bauart. "Welch ein
Widerspruch" würden hier wohl viele sagen. Doch eigentlich
ist es umgekehrt. Das von den Mönchen übermittelte Wissen
legte
den Grundstein für die moderne Gesellschaft. Auch die
Universitäten gehen auf die Kloster- und Domschulen zurück.
Ohne das Mönchtum wären wir heute wahrscheinlich noch nie zum
Mond geflogen, hätten keine Computer und keine modernen Autos.
Die Klöster hatten oft auch
gesellschaftliche Funktionen im grossen Stil zu erfüllen. Als
beispielsweise das erste Land, welches den christlichen Glauben
angenommen hatte, Armenien, im 4. Jahrhundert zwischen Ostrom
(Byzanz) und Persien (Sassaniden) aufgeteilt wurde, kam den
Klöstern eine verbindende Funktion zu. Sie leisteten in beiden
Teilen ihren geistlichen und praktischen Dienst und halfen den
Armeniern, trotz der politischen Umstände durch den christlichen
Glauben ihre Identität und damit ihr Selbstwertgefühl
aufrecht
zu erhalten.
Am Anfang vieler Klöster stand ein
Stifter, der damit für den christlichen Glauben neue Akzente
setzen wollte. Deshalb war die Beziehung zwischen der relativen
Narrenfreiheit der Klöster und den lokalen Kirchgemeinden oder
dem Bischof im betreffenden Bistum keineswegs immer
spannungsfrei. So war zum Beispiel die missionarisch auftretende
Art des Chorherrenstiftes Zürichberg im Mittelalter dem lokalen
Probst ein Dorn im Auge. Die Spannungen zwischen Kirchgemeinden
und parallel wirkenden geistlichen Organisationen sind also
keineswegs nur ein modernes Phänomen.
Die Geschichte des Mönchtums ist eine
Hoffnung und eine Warnung zugleich: Aufbruch und Erneuerung, Gott
immer wieder neu zu begegnen, ist die Hoffnung der Christen.
Anderseits dürfen solche Aufbrüche nicht instrumentalisiert
werden durch parakirchliche Strukturen oder durch ekstatisches
Verschmelzen mit dem Gottesbewusstsein. Regeln und Wegleitungen
für das Christsein sollten in erster Linie für die Gemeinde
Gottes der Gegenwart gelten. Denn wer weiss heute schon, welche
Anforderungen auf die Christen der nächsten Generation zukommen
werden.
Welche konkreten Probleme die Eremiten
hatten, können wir uns am besten vorstellen, wenn wir uns ihr
heutiges Leben betrachten. In der Schweiz gibt es heute nur noch
sechs Einsiedler sowie eine Einsiedlerin, wie die Zeitung
"Zürcher Oberländer" in einer ihrer Ausgaben
berichtete. Die Einsiedler leben meist abgelegen in den Alpen.
Dies ist jedoch nicht verbunden mit einem totalen
Abgeschnittensein von der Gesellschaft, wie bei einigen der
ersten Eremiten in der Wüste. Ein Tessiner Einsiedler meinte
gegenüber einem Journalisten des Zürcher Oberländer:
"Sie
glauben gar nicht, wem man alles begegnet, wenn man sich
zurückzieht." Wahrscheinlich hätte Antonius seinerzeit
eine ähnliche Auskunft gegeben. Einzelne der heutigen Eremiten
schreiben ihre Sprechstunden an die Tür, andere lassen die
Besucher telefonisch anmelden. Viele Einsiedler besitzen heute
auf Wunsch des Bischofs nämlich ein Telefon, damit sie
erreichbar sind und sie Hilfe anfordern können, wenn es ihnen
gesundheitlich mal schlecht gehen sollte. Den Lebensunterhalt
verdienen die Einsiedler mit verschiedenen Tätigkeiten, so etwa
mit der Lesung von Gottesdiensten, der Herstellung von
Rosenkränzen, mit Ikonen oder mit Gartenarbeit. Der einzige
Eremit im Kanton Solothurn hat sogar ein festes Einkommen. Die
lokale Bürgergemeinde zahlt ihm einen Monatslohn von 700 Franken
und dazu Feuerholz. Als Gegenleistung besorgt der Klausner die
beiden Kapellen sowie das Gelände und führt ab und zu
Touristen
durch die dortige Schlucht. Manchmal wohnen Eremiten auch heute
in kleinen Zweierschaften oder Gruppen zusammen, ohne aber ein
eigentliches Kloster zu bilden. So leben zum Beispiel zwei
Einsiedler-Mönche in der Nähe von Lugano im Kanton Tessin
zusammen. Anders als in Klostergemeinschaften beten, essen oder
sprechen diese aber nur selten miteinander. Der eine übersetzt
alte Mönchstexte aus dem Syrischen und Griechischen und der
andere ist vor allem im Garten tätig. Ein anderer Tessiner
Eremit durchbricht sein Alleinsein durch den regelmässigen
Kontakt zu einem Kloster, auch dies aus praktischen Gründen. Der
gichtgeplagte Einsiedler verbringt den Winter jeweils in einem
Kapuzinerkloster, weil es dort wärmer ist. Dies berichtet der Zürcher
Oberländer.
So abgeschieden Kloster manchmal sind, es gibt Situationen, wo es um handfeste Politik geht. So erhebt das Klosterparlament des Heiligen Berges Athos in Griechenland 1997 Einspruch gegen das Schengen-Abkommen der Europäischen Union. Im Schengen-Abkommen ist die Bewegungsfreiheit der Menschen in der EU geregelt und schreibt den Grenzstaaten strenge Abwehrmassnahmen gegen Immigranten und Wirtschaftsflüchtige von ausserhalb der EU vor. Der über 1000 Jahre alte gesamtorthodoxe Mönchsstaat auf einer Halbinsel im nördlichen Griechenland gehört seit 1981 aufgrund eines Zusatzvertrages durch Griechenland der Europäischen Union an. Die 20 Klöster profitieren von der Finanzhilfe aus Brüssel für die Erhaltung ihrer Kunst- und Kulturschätze. Zwischen der Athos-Hauptstadt Karyes und Athen gibt es gemäss einem Idea-Bericht seit einigen Jahren Differenzen über die relativ offene Grenze der Mönchsrepublik gegenüber Hilfsbedürftigen aus dem ehemaligen Ostblock. Griechenland will sein Einreise- und Aufenthaltsrecht verschärfen, um dem Schengener Abkommen der EU zu genügen. Das Mönchsparlament auf Athos hat in einer einstimmigen Resolution das Vorhaben jedoch als unmenschlich bezeichnet. Athos wehrt sich gegen das Eingreifen der griechischen Fremdenpolizei dadurch, dass sie die Dauerpilger als Novizen deklariert, wie Idea berichtet. Somit ist der Menschlichkeit und dem Schengener Abkommen gleichsam genüge getan.